Frage von Lisa Z.: «Ich liebe meine zehnjährige Hündin und bin überzeugt, dass sie mich besser versteht als die meisten Menschen. Mein Partner lacht mich aus und sagt, Tiere hätten keinen Verstand, sie würden nur reflexartig reagieren. Was meinen Sie dazu?»

Wie auch immer, auslachen lassen sollten Sie sich auf keinen Fall. Sagen Sie Ihrem Partner, dass Sie das kränkt. Er soll wissen, was sein Verhalten bei Ihnen bewirkt. Wie das Erleben eines Tieres wirklich beschaffen ist, weiss niemand, weil Tiere nicht darüber reden können. Dass Hunde auf die Gefühle eines Menschen sensibel reagieren, ist aber nachgewiesen.

Hundehalter beschreiben es oft als ein Spiegeln. Wenn sie traurig sind, scheint auch der Hund in gedrückter Stimmung zu sein. Ebenso spiegelt er Angst und Freude. Ob er weiss, was die Reaktion seines Herrchens bedeutet, lässt sich nicht überprüfen. Vermutlich beobachtet er lediglich Mimik, Gestik und Körperhaltung und nimmt den Geruch wahr, reagiert darauf – alles Elemente, in denen sich die menschlichen Emotionen ausdrücken.

Anzeige

Hunde sind treuer als Menschen

Der Hund, sagt man, ist der beste Freund des Menschen. Hunde sind treu, das sind Menschen oft nicht. Wer sich allerdings deshalb enttäuscht von Sozialkontakten zurückzieht und sich nur noch in die Beziehung zu einer Katze oder einem Hund verkriecht, muss als neurotisch bezeichnet werden. Das wäre dann eine ungesunde Flucht vor der Auseinandersetzung mit den Mitmenschen. Vielleicht ist das Tier dann das einfachere Gegenüber, weil es einem unter­legen ist.

Es gehört aber anderseits einfach zum Menschsein, Liebe zu geben und zu empfangen. Und das kann man in der Beziehung zu jedem Lebewesen erfahren, auch zu Tieren.

Dass Tiere ebenso wertvolle Lebewesen sind wie Menschen, hat in neuerer Zeit der Philosoph und Ethiker Peter Singer betont. Er kritisiert vor allem quälende Tierhaltung und Tierver­suche. Tieren Leid zuzufügen sei nur gerecht­fertigt, wenn dadurch anderes, grös­seres Leid verhindert werden könne. Das gilt laut Singer nur für die wenigsten wissenschaftlichen Experimente mit Tieren.

Anzeige

Deshalb sind die meisten Tierversuche zu verurteilen. Tiere dürfen also nicht einfach als Mittel für unsere Zwecke gebraucht werden, sie dürfen auch in der Fleisch- und Eierproduktion nicht wie Lebensmittelmaschinen behandelt werden, sondern verdienen einen sorgfältigen Umgang. Auch wenn sie kein mit dem Menschen vergleichbares Bewusstsein ­haben, sind sie doch leidensfähig.

Die Nähe zu Tieren kann vitalisieren

Wie nah uns Tiere sind, zeigt sich seit je darin, dass sich die meisten Kinder zu ­Tieren hingezogen fühlen. Der deutsche Theologe Guido Knörzer hat in einem Buch über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier nachgedacht: So hält er fest, dass Tiere in unserer Kultur oft als Symbole für das Böse verwendet werden. Der Wolf im Märchen, die Schlange in der Bibel, der Drache im Fantasy-Film. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass das Animalische dem Christentum bedrohlich erschien. Der Teufel hat nicht umsonst Hörner und Bocksfüsse.

Anzeige

Selbstverständlich steckt Tierisches in uns, weil wir ja mit allen Lebewesen durch die Evolution verbunden sind. Aber wenn wir diese Verhaltensresten – vor allem in den Bereichen Sexualität und Aggressivität – anerkennen, verlieren sie ihre Gefährlichkeit. Die moderne Psychologie hat überdies gezeigt, dass das Tierische in uns eine wichtige seelische Ressource darstellt. Es repräsentiert auch Vitalität und Lebensfreude. Die Nähe zu Tieren kann deshalb auch ansteckend wirken und uns leben­diger machen.

Buchtipps

  • Peter Singer: «Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere»; Rowohlt-Verlag, 1996.
  • Guido Knörzer: «Töten und Fressen? Spirituelle Impulse für einen anderen Umgang mit Tieren»; Kösel-Verlag, 2001
Anzeige