Die Irische Wolfshündin Alannah ist so schwach, dass sie sich kaum auf den Beinen halten kann. «Grosses Mädchen, was ist da los?», fragt Assistenzärztin Miriam Baumstark. Sie hat sich im Notfallzimmer der neuen Kleintierklinik des Zürcher Tierspitals neben die fünfjährige Hündin auf den Boden gesetzt. «Sie ist zu schwach für ein Beruhigungsmittel», stellt Baumstark bald fest. Alannah hat hohes Fieber und einen angespannten Bauch. «Es könnte ein Knochen im Darm stecken», so der Verdacht der Tierärztin. Als Erstes erhält die dehydrierte Hündin eine Infusion, die den Kreislauf stabilisiert. Kurze Zeit später liegen die Röntgenbilder vor. Brust, Herz, Luftröhre – alles normal, kein Hinweis auf eine Entzündung. Doch die Zeit drängt – die Hündin ist nach wie vor in einem kritischen Zustand. Nach der Ultraschalluntersuchung steht fest: Es steckt tatsächlich etwas im Darm des Tieres. «Wir müssen operieren», sagt Baumstark.

Quelle: Annette Boutellier

Jeder zweite Fall ein Notfall

Rund 17'000 Tiere behandelt die Kleintierklinik der Universität Zürich pro Jahr. Die Hälfte der Patienten wird von Tierärzten überwiesen, braucht eine spezielle Abklärung oder intensive Therapie. Die andere Hälfte – meist sind dies die dramatischeren Fälle – kommt auf direktem Weg in die Klinik. Es sind Tiere aus Verkehrsunfällen, Tiere mit akuten Vergiftungen oder Tiere, die der Tierrettungsdienst aufgelesen hat.

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Heute werden am Tierspital mehr Klein- als Nutztiere behandelt. In den 1960er Jahren, als die alte Kleintierklinik ihren Betrieb aufnahm, war es umgekehrt: Heimtiere spielten nur eine geringe Rolle. Wichtig waren die Nutztiere: Kühe, Pferde und Schafe.

Die Besitzer zahlen alles selbst

Gleichzeitig sind die Ansprüche an die Veterinärmedizin gestiegen. «Kleintierbesitzer erwarten ein sehr gutes Angebot, das etwa dem Standard der Humanmedizin entspricht», sagt Claudia Reusch, Direktorin der Klinik für Kleintiermedizin.

Spitzenmedizin für Tiere – ein Thema, das in der Gesellschaft kontrovers diskutiert wird. Dessen ist sich Reusch bewusst. «Als Universitätsklinik haben wir jedoch die Verpflichtung, über die Grundversorgung deut­lich hinauszugehen», sagt sie. Die Kosten, die beim Einsatz der neuen Technologien wie Laser und Magnetresonanztomographie hoch ausfallen können, bezahlen die Tierhalter selber.

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Die im September neueröffnete Kleintierklinik gleicht mit ihren Abteilungen wie innere Medizin, Chirurgie, Kardiologie, Onkologie, Gynäkologie und Neurologie einem modernen Menschenspital – mit dem Unterschied, dass die Patienten Flügel oder vier Beine haben. Hunde, Katzen,Kaninchen, Meerschweinchen, Schildkröten, Papageien und Schlangen, aber auch Zoo- und Wildtiere werden hier aufgepäppelt. Abgemagerte Igel etwa, Greifvögel mit Flügelverletzun­gen oder Schwäne, die Schrauben verschluckt haben. Die Klinik bildet als eines von vier Instituten in Europa auch Spezialisten für Vogelmedizin aus.

Ein Brocken von Hase

An diesem Novembertag liegt ein Graupapagei mit einem dermatologischen Problem auf dem Behandlungstisch. Unter Vollnarkose, denn sein spitzer Schnabel ist gefürchtet. Der nächste Patient ist eine Eule, ein Wildtier, das Spaziergänger vor einer Woche gefunden haben. Der Vogel ist immer noch schwach, seine Augen sind geschlossen. Im Kot hat man Parasiten gefunden. Nun erhält das Tier Infusionen, Entwurmungsmittel, Antibiotika und Pilzmittel, es wird mittels einer Sonde ernährt und aufgepäppelt, bis es wieder bei Kräften ist und in die Freiheit entlassen werden kann. Ein Drittel der Tiere bleibt nach der Behandlung in der Klinik, im Durchschnitt 3,5 Tage.

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Bereits eine Woche in der Klinik ist Turbo, ein belgischer Scheck. Die Häsin, die stolze 6,2 Kilogramm auf die Waage bringt, hat ein neurologisches Problem: Sie leidet an Lähmungserscheinungen. Der Besitzer, Juha Stump aus Zürich, setzt alles daran, dass es ihr besser geht. «Wir sind ein eingespieltes Team», sagt er und legt seinen Kopf neben den Kopf der Häsin.

Dino, der Schnüggel-Welpe

Doch nicht alle Tiere, die in die Tierklinik gebracht werden, sind schwerkrank. Dino ist so quicklebendig, wie es sich für einen Welpen gehört. «Ein Schnüggel», schwärmt Barbara Willi. Die Assistenzärztin unterzieht den Puggle – eine Kreuzung zwischen Mops und Beagle –, der vor zwei Wochen vom Züchter in Deutschland gekommen ist, einem ersten Check, misst die Temperatur, hört das Herz auf Geräusche ab, kontrolliert die winzigen Hoden und verpasst ihm eine Spritze – Teil einer Kombiimpfung. Dino jault und winselt. Dank Streicheleinheiten und Hundekeksen ist seine Welt bald wieder in Ordnung. Zum Schluss wird der Welpe, der bereits einen Chip unter seinem Fell trägt, in der Schweizer Tierdatenbank registriert. Nun ist Dino ein offizielles Mitglied der Schweizer Hundepopulation, eines von 500'000.

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In der Kardiologie kämpft José Matos derweil ums Leben einer getigerten Hauskatze. Ellen wurde mit Verdacht auf Herzinsuffizienz eingeliefert. Fehlanzeige. Der portugiesische Spezialist diagnostizierte einen Brusthöhlenerguss: Zwischen Herz und Lunge hat sich Lymphflüssigkeit angesammelt. Matos punktiert die Brusthöhle mit einer Nadel, holt Milliliter für Milliliter der weisslichen Flüssigkeit heraus: zwei Deziliter sinds. Selbst der Leiter der Kardiologie, Tony Glaus, staunt ob dieser Menge. «Der Katze geht es bereits deutlich besser, der lebensbedrohliche Zustand ist eliminiert», gibt er Entwarnung. Die Krankheit jedoch besteht nach wie vor. Die Katze soll deshalb künftig Medikamente bekommen, die die Flüssigkeitsbildung unterbinden.

Alannah hats überlebt

Auch der Wolfshündin Alannah geht es dank der Infusion besser. Sie liegt, drei Stunden nach der Einlieferung, im Vorraum des OP. «Ein Riesenbaby», scherzt Anästhesist Igo Mannhart, als er die Hündin narkotisiert. Dann wird sie am Bauch rasiert, die kahle Stelle wird mit Jodseife gereinigt und desinfiziert. Das Team von Ärztinnen, Studentinnen und Pflegerinnen arbeitet konzentriert, jeder Handgriff sitzt. Die Situation erinnert an Fernsehserien wie «Emergency Room». Die Hektik nimmt Minute für Minute zu, Haube und Mundschutz werden übergezogen, Alannah in den sterilen OP geschoben.

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Im aseptischen Nebenraum, der nur unter strengsten Hygienemassnahmen betreten werden darf, haben sich unterdessen zwei Chirurgen für den Einsatz bereitgemacht, sich Arme und Hände minutenlang mit Jodseife geschrubbt. Jetzt tritt Kevin Diserens in den Saal, im grünen Chirurgengewand, mit Haube und Mundschutz bis auf einen Sehschlitz vermummt. Er steht abseits des Geschehens, reglos, mit Blick auf den Operationstisch. Aus dem Radio ertönt «Pokerface». Nikola Medl tritt ein, die zweite Chirurgin. Es kann losgehen. Wenige Minuten nachdem die Chirurgen zum ersten Schnitt angesetzt haben ist die Ursache der lebensbedrohlichen Entzündung entdeckt: Ein spitzes Stück Holz steckt – gut sichtbar – im Darm des Hundes. Bevor der Holzspiess entfernt wird, knipsen die Ärzte noch ein Foto zur Dokumentation. Die Tierklinik ist auch eine Ausbildungsstätte. «Als Universitätsklinik haben wir den Auftrag, Lehre und Forschung auf höchstem Niveau anzubieten», sagt Direktorin Reusch. Später wird das corpus delicti gesäubert, eingeschweisst und der Besitzerin übergeben. Für sie und Alannah ist es noch einmal glimpflich ausgegangen.

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Kleintierklinik: Spitzenmedizin für Tiere

Wenn Probleme bei Haustieren auf­treten, fragt man am besten zuerst seinen Tierarzt oder vereinbart einen Termin bei der Abteilung für Zoo-, Heim- und Wildtiere im Tier­spital Zürich.

Tierspital Zürich, Kleintierklinik, Winterthurerstrasse 260, 8057 Zürich, Telefon 044 635 81 12. 24-Stunden-Notfalldienst: 044 635 81 24. Bitte anrufen, ehe man sich zur Klinik begibt.

www.tierspital.uzh.ch