«Wenn die Rose kalt ist, bricht sie.» Der Confiseur schaut schüchtern in die Runde. In seiner Hand kräuseln sich drei Kelchblätter. Zärtlich gleiten seine Finger über die blassrosa Spitzen. Das Publikum schaut gebannt. «Jetzt kann ich nichts mehr ändern.»

Olma St.Gallen, Ostflügel, Stand 2.0.11. Bernhard Siegfried, bekannt unter dem Namen Magic Sigi, übt sich in der Königsdisziplin der Zuckerartistik: dem Ziehen einer Tortenrose. Durch die Lautsprecher singt eine Frauenstimme: «Wish you were here.» Die erste, älteste und grösste der Schweizer Hochzeitsmessen ist in vollem Gang. 204 Aussteller aus sechs Ländern präsentieren sich auf 10000 Quadratmetern. Das Angebot ist messbar.

Mit der Nachfrage wird es schwieriger. Was suchen Menschen, wenn sie sich gefunden haben? Als Mann und Frau?

Im Restaurant «Herzbaracke» sitzen Ruth und Daniel vor einem Kaffee. «Das Berndorf-Besteck ist sackelegant», sagt Ruth. «Findest du wirklich?», fragt Daniel. «Das fällt dir ja grad aus der Hand, beim ersten rechten Stück Fleisch.» Nein, ihre Wunschliste ist noch lange nicht vollständig. Ruth, 25, ist kaufmännische Angestellte, Daniel, 36, Sanitär. Sie suchen an der Hochzeitsmesse: einen Stabmixer; einen Dörrapparat; eine Schlagbohrmaschine. Daniel sei «ein bisschen explosiv, manchmal», sagt die junge Frau und lacht: Dieser bezeichnet die Partnerin als «stilles Wasser». Seit 1998 wohnen sie zusammen. Im Oktober 2000 entschlossen sie sich zu heiraten. Im Zentrum der Feier soll das Essen stehen: «Es bizzeli spektakulär», sagt Ruth. «Was heisst da es bizzeli?», sagt Daniel. 60 Gäste werden in den Rittersaal geladen sein, bei drei Personen ist das Paar noch unschlüssig. Ruth wünscht sich ein cremefarbenes Brautkleid «ohni Rüscheli und Perle». Ja, natürlich wollen sie eine Familie gründen «warum nicht schon bald?»

Am Stand 3.1.32 offeriert «augenblick.ch» Hochzeitsfotos per Internet innerhalb von 48 Stunden. Die Firma ist auch spezialisiert auf Bilder von Kickboxern. Der Schmuck auf dem Treppengeländer wurde gestaltet von «floral design». Vis-à-vis der Subaru-Limousine befindet sich der «Kiddie-Garten».

Das Angebot 2002 ist deutlich erweitert worden. Neben Torten, Ringen, Kleidern und Gedecken stehen heuer auch Schwangerschaftsberatung, Nuggi und Familien-Vans auf dem Programm.

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Neu auch ein Angebot der lockeren Art. «Bisch Single? Wottsch hürate? Kes Problem!» Die Einladung war breit gestreut worden. Tele Ostschweiz kündigte an, «ein Traumpaar für 24 Stunden zu verheiraten fiktiv». Wer seinen Traumpartner suche, solle sich melden; wer gewinne, werde eingekleidet und gefilmt.

Freitag, 18 Uhr, Halle 2. Die Finalisten je fünf beiderlei Geschlechts betreten die Bühne. Die Moderatorin im Tigermusterkleid strahlt. «Schön, bist du da!», sagt sie zu Andrea. Andrea ist 30, Schneiderin. «Mein Partner muss Humor haben», sagt sie. Thomas, 31, ist «eher ein Romantiker». Marcel ist offen für alles. Sara kommt aus dem Toggenburg. «Und wie steht es mit dir, Jonas?» Seine Traumfrau sollte «einfach, sympathisch und natürlich» sein. Die Moderatorin: «Also genau wie du?» Jonas: «Ja, genau, wie ich.» Das Publikum klatscht.

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Wie wird man zum 24-Stunden-Hochzeitspaar? Eine Jury wird zwei Menschen, die sich nicht kennen, dazu bestimmen. Carlo, der Coiffeur, urteilt «rein intuitiv»; er hat mit niemandem gesprochen. Anders Tanisha, die Sängerin, bekannt aus «Big Brother». Sie redete mit allen. «Über Hobbys. Das Leben. Und so.»

«Wenn das nur gut kommt»

Aus den Lautsprechern von Stand 3.2.08 dröhnt der Song «El Chato». Wenige Meter weiter zaubert Joe einen «natürlichen Glanz» auf Uschis Lippen.

Ein Herr Mitte 40 in Jeans sitzt an der «Wunder-Bar». Er sagt zur eleganten Afrikanerin, zwei Hocker weiter: «Interessant, was es hier alles zu sehen gibt!» Er hüstelt, lächelt, saugt an der Zigarette. Die Angesprochene nickt kurz. «Da haben Sie Recht», sagt sie. Der Herr, wieder allein, bestellt ein weiteres Bier.

New public management vis-à-vis der Parfumerie: Das Zivilstandsamt St.Gallen, das Amtsnotariat sowie die Pfarrstellen beider Kirchen haben einen gemeinsamen Auftritt. «Küsse den nicht, der dich verschlingen will», steht auf dem Spruchband über Stand 3.1.30: «Ohne uns läuft hier nichts», sagt Willi Zimmermann, Zivilstandsbeamter. Das Angebot werde hier «wirklich geschätzt: Über 100 Paare haben unseren Stand besucht.» Der Lärmpegel der Messe gewähre eine gewisse Diskretion, ebenso die Platzierung am Ende der Halle. Für den Eintrag ins Eheregister sind mitzubringen: Ausweis zu Wohnsitz, die Dokumente zu Geburt, Geschlecht, Abstammung, Zivilstand.

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350 Paare werden in St.Gallen jährlich getraut. 60 Prozent sind Ehen mit Ausländern. «Das war in Gais», wo Zimmermann 20 Jahre Ehen schloss, «etwas anders.» Gelegentlich, wenn zwei Menschen vor ihm sitzen, beschleiche ihn «schon ein flaues Gefühl: Wenn das nur gut kommt!» Nur: Persönliche Zweifel seien bei der Arbeit ohne Belang. «Heirate oder heirate nicht: Du wirst beides bereuen», steht auf dem Prospekt des Standes.

3.1.55. Hier wird «Heidiland-Mineralwasser from the heart of Switzerland» abgegeben. Eine Hochzeitsband singt: «O happy day». In der Schmuckabteilung hechelt ein Schäferhund neben dem uniformierten Herrn. Natascha und Christian haben sich für Platinringe entschieden: Natascha hat sechs Brillanten, Christian einen. Die meiste Zeit ihres Besuchs verbrachte die junge Frau in der Warteschlange. Christian hatte gewünscht, dass sie sich von einem Visagisten «probestylen» liess. Die Wahl des Kleides wird die Braut ohne Bräutigam treffen.

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Der Verkaufsleiter und die Personalberaterin: Sie haben sich vor viereinhalb Jahren kennen gelernt, im Kino. Auf die Frage, ob sie seine Frau werden wollte, wartete Natascha «drei Jahre. Seit unserem ersten Tag.» «Männer sind langsam», sagt der Bräutigam. Die Hochzeit ist für den 17. August 2002 vorgesehen. Christian sucht hier den geeigneten Anbieter von Oldtimer-Reisen. Und sonst? «Wir haben eigentlich schon alles, was wir brauchen», sagt Natascha. Eine Wunschliste gibt es nicht. «Humor, Treue, Überraschungen» seien tragende Elemente ihrer Beziehung. Christian lächelt. Die Hochzeit soll auf einem Schiff stattfinden.

Ein Paar für 24 Stunden

Halle 2, 20 Uhr 30. Unter den Klängen des Hochzeitsmarsches betritt das frisch gewählte «Traumpaar» die Bühne. Eingekleidet von Meier AG, Braut- und Festmode, St.Gallen, erscheinen: Yvonne Forster, 26, Kosmetikerin, und Matthias Brühlmann, 25, Schreiner. Die «Braut» trägt ein weites Kleid mit Schleppe und einen Strauss dunkler Rosen. Die Moderatorin strahlt, der «Bräutigam» strahlt, und der Kameramann will Yvonne näher an der Linse haben. Die Frau winkt. Applaus!

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Der Preis: Eine Hochzeitsinszenierung mit allem Drum und Dran: Trauring, Schmuck, Make-up und Styling, Limousinenfahrt und Übernachtung im Hotel. Und natürlich ein Auftritt in Tele Ostschweiz Hand in Hand mit den Sponsoren.

«Traumpaare» gibt es nicht nur in St.Gallen. Auch am Luzerner Pendant «Hochzyt» wird jedes Jahr ein Paar gekürt; der Unterschied ist, dass sich Braut und Bräutigam vor ihrem Sieg schon kannten. Als Jury amtet die Leserschaft der «Glückspost». Die Hochzeitsmessen im Mittelland verzichten auf derartige Höhepunkte: Weder Zürichs Schau «Trau dich» noch Berns «mari natal» kennen ein solches Zeremoniell in ihren Hallen.

Was suchen Menschen, wenn sie sich gefunden haben? Leichter fassbar ist, was danach geschieht.

Die Romantik verblasst

Die Heiratsgewohnheiten der Schweiz haben sich in den letzten 40 Jahren drastisch gewandelt. 1960 lebten noch 96 Prozent aller Frauen über 50 in erster Ehe; heute sind es gerade noch 62 Prozent. Beat Fux, Soziologe, Universität Zürich: «Bis kurz vor 1970 wirkte der Heiratsboom. Er war angetrieben vom Wirtschaftswunder. Man spricht auch vom Goldenen Zeitalter der Ehe.» Für die damalige Kleinfamilie ist die griffige Formel entstanden: 1234. Eine Frau, zwei Kinder, drei Zimmer, vier Räder. Die siebziger Jahre brachten entscheidende Veränderungen mit sich. Mit dem Wertewandel schnellte die Scheidungsrate explosionsartig in die Höhe. «Das romantische Ideal der Ehe ist heute etwas verblasst», sagt Beat Fux. «Mehr und mehr heiratet man aus nüchtern-funktionellen Gründen: Der Staat bietet den Eheleuten doch etliche Vorteile.»

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«Knock, knock, knockin on heavens door»: Die Stimmen von «Orpheus II» sind rauh, ihre Gitarren dunkel. «Der Himmel ist die grossartigste Kulisse», erklären die Feuerwerker von «fire-event» an Stand 2.0.14. Caesar und Casanova, die beiden Schimmel, blicken gelassen vom Poster. Die Kutschervereinigung verspricht «Fahrten auf Nebenwegen.» Ein Knabe spielt davor mit Champagnerkorken.

Das Wort «Hochzeit» hat seine Wurzel im althochdeutschen «hoha gizit», worunter Feste verschiedenster Art verstanden wurden. Über Jahrhunderte wurden Vermählungen mit «Brautlauf» bezeichnet: Dies meinte den sinnbildlichen Tanz des Bräutigams zur Braut. Die moderne Verwendung von «Hochzeit» geht ins 17. Jahrhundert zurück. Paare unserer Zeit pflegen nach fünf Jahren die hölzerne Hochzeit zu feiern; die silberne nach 25 Jahren. 50 Jahre ergeben eine goldene, 60 eine diamantene, 70 eine Gnadenhochzeit.

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Wie aber begeht man den entscheidenden Tag?

Der Hellraumprojektor im unverputzten Raum wirft den Schatten eines Kugelschreibers an die Wand. Rund vier Dutzend Menschen sitzen paarweise im Hochzeitsseminar. An der Decke hängen Lüftungsrohre. Wir sind bei der Frage: «Wie viel soll eine Hochzeit kosten?»

Ueli Schmidt, Inhaber der Firma Bestwedding, verschiebt seinen Kugelschreiber um einen Fingerbreit. «Vergesst nicht», sagt der Referent, «ihr seid der Mittelpunkt. Nicht der Fotograf. Nicht die Schwiegermutter. Und auch die Musiker nicht.» An der andern Ecke des Rednertischs sitzt Janine Schmidt-Eggli, Mitinhaberin der Firma. Sie doppelt nach: «Versucht um Himmels willen nicht, es allen recht zu machen!» Durch die Tür dringt der Song «Purple Rain».

Sonnenbrillen sind verboten

Ueli Schmidt und Janine Eggli retteten sich beide 1996 in letzter Sekunde vor einem Schnellboot auf dem Zürichsee. Das Erlebnis verband sie «für immer». Die Tücken um die eigenen Hochzeitsvorbereitungen liessen das Paar nicht los. Das Thema wurde zum Programm der gemeinsamen Firma. Das Seminar von Bestwedding kostet 150 Franken.

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Bekleidung, Coiffure, Fotos. Unterhaltung. Festessen, Dekoration. Einladungskarten. Porti. Blumen. Gebühren. Der Hochzeitsberater sagt: «Eine Hochzeit kostet zwei bis drei Monatslöhne pro Person. Dies ist die Faustregel. Bei 60 Festmahlgästen beträgt das Miminalbudget 20000 Franken.»

Wir lernen: Hochzeitskleider sind im nahen Ausland um 20 bis 30 Prozent billiger zu haben. Für Secondhandkleider besteht in der Schweiz ein Riesenangebot. Es ist in jedem Fall verboten, als Hochzeitspaar Sonnenbrillen zu tragen. Männer sollten lange Socken anziehen. Nagelneue Seidenschuhe sehen bereits nach einem Tag schmuddelig aus.

«Was ist das Wichtigste an einer Hochzeit?» «Die Organisation.» «Die Kirche.» «Die Stimmung.» «Die Stimmung!», wiederholt die Referentin. Sie spricht das Wort sehr langsam aus. Ein junger Mann schreibt «Stimmung» auf seinen Block und legt den Bleistift, parallel zum Rand, daneben.

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Stola ist out, Bentley ist in

Der 25-jährige Schreiner Matthias Brühlmann ist Traumbräutigam für 24 Stunden. Seine Hobbys: Tanzen und Fitness. Er liebt das Rennen auf dem Asphalt: den Gossauer Weihnachtslauf, den St.Galler Stadtlauf, den Oberuzwiler Dorflauf.

Yvonne Forster, Traumbraut, über den Bräutigam: «Er isch en ganz en Flotte.» Brühlmann über Forster: «Sie isch würklich e Lustigi.» Yvonne träumt davon, einen Kurs in Stepptanz zu besuchen.

Als «Traumpaar»-Anwärterin war auch Matthias Exfreundin aufgetreten. Die beiden hatten sich drei Monate vor der Hochzeitsmesse getrennt. «Ein Sieg hätte uns für 24 Stunden wieder zusammengebracht. Na und? Wir wären bestimmt nicht das einzige Paar der Welt gewesen, das glücklich spielt.»

Samstagabend, Halle 9.1.2. Auf dem Teerboden, unter der Decke aus Asbest, steigt die «grosse Single-Hochzeitsparty». Vor der Tanzfläche sitzen zehn Traumpaar-Teilnehmerinnen auf Plastikstühlen vor dem Coke ratlos, reglos, ohne Freude. «Senti mi, senti mi», brüllt ein Sänger ins Mikrofon. Grüne, blaue, gelbe Scheinwerfer kreisen im Raum. Ein paar Unverdrossene versuchen, sich trotz dem Lärmpegel zu verstehen. Yvonne, die Traumbraut, tanzt allein. Der Kameramann folgt ihr, hascht nach den Falten ihres Rocks, nach ihrem Schatten. Sie öffnet ihre Arme. Sie dreht Pirouetten. Er bückt sich, geht in die Knie und filmt. Die Braut und das Fernsehen. Ein seltsames Paar.

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Knapp 40000 Mal jährlich wird der schönste Tag im Leben in der Schweiz begangen. Der traditionelle Hochzeitsmonat Mai wird mehr und mehr durch den wetterstabileren September verdrängt. Für die Hochzeiten 2002 sind laut «Blick» heute out: Stola und Häkelmuster, Schmucketui, Sissi-Look mit Rüschen, Besentanz. In dagegen sind Bentley, Schlossromantik, Strapse, Live-Bands und Prosecco.

Neuer Besucherrekord

12000 Besucher waren an der St.Galler Hochzeitsmesse 2002 neun Prozent mehr als im Vorjahr. Die mannshohen Ballonherzen sind weggeräumt. Ebenso der Bratwurststand.

«Ja, die 24 Stunden waren anstrengend»: Matthias Brühlmann, der Traumbräutigam, ist müde. «Wir haben viel gelächelt.» Immerhin: «Wir lächelten gern. Eine einmalige Sache. Ganz klar.» Die stärkste Erinnerung? «Als alles vorbei war», sagt er. Nach Messeschluss sei er mit Yvonnne zum Café geschlendert. Nicht Hand in Hand, ohne Brautkleid, als normaler Mensch. «Alles kam mir wie ein Traum vor. Das Gefühl kannte ich bisher nicht. Wie Kino. Nur intensiver.»

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