Arno war der Boss. «Ich wünschte ihn ins Pfefferland», sagt Ruth Streit, «sein Ungehorsam löste bei mir Wutanfälle aus.» Arno war nicht etwa Streits Ehemann, sondern ihr damals dreijähriger Hund. Sie war überfordert mit dem nicht reinrassigen Appenzeller. Er zog permanent an der Leine, jagte Katzen, war aggressiv gegen andere Hunde und machte mit seiner Besitzerin überhaupt immer das, was ihm passte. «Wenn Leute mich deswegen kritisierten, reagierte ich entnervt», erinnert sich die Frau aus Würenlos AG.

Ein unhaltbarer Zustand, nicht nur für Ruth Streit. Denn «jede und jeder darf von einem Hundehalter erwarten, dass dessen Vierbeiner ihn in keiner Weise bedrängt, und mag dies vom Hund noch so freundlich gemeint sein», sagt Sonja Doll Hadorn, Zoologin, Ethologin und Verhaltenstherapeutin (siehe «Tipps für Hundehalter - und Hundefeinde» am Ende des Artikels).

Handkehrum: Hunde sind keine Maschinen. Sie müssen erst Gelegenheit erhalten, das gewünschte Verhalten zu erlernen. Bis ein Hund in jeder Situation gehorcht, bedarf es einer gewissen Reife und einer guten, vertrauensvollen Beziehung zur Halterin. «Das bedeutet ein bis vier Jahre intensiver und einfühlsamer Arbeit», sagt Hundetherapeutin Doll Hadorn. Aber selbst dann sind Hunde nicht immer hundertprozentig kontrollierbar: «Rücksichtnahme, Verständnis und Toleranz sind deshalb auch von der Gegenseite gefragt.»

Ruth Streit musste sich nach drei Jahren eingestehen, dass sie die Erziehung ihres Hundes viel zu unseriös in Angriff genommen hatte. Trotz Hundeerziehungskurs. «Weder eine Laisser-faire-Einstellung noch Gewaltmethoden sind Grundlagen für eine Erziehung», ist Sonja Doll Hadorn überzeugt. Leidtragender solcher Fehler ist auch der Hund, indem er irgendwann immer an der Leine geführt werden oder sogar einen Maulkorb tragen muss.

Auch ältere Hunde sind lernfähig

«Es braucht eine gute Beobachtungsgabe und die Bereitschaft, sich auf hundegerechte Weise - das heisst gewaltlos - durchzusetzen. Vor allem aber braucht es Selbstdisziplin und Konsequenz», betont die Verhaltenstherapeutin. Entscheidend bei der Hundeerziehung ist, ob der Vierbeiner seinen Menschen als kompetenten Beschützer anerkennt. «Und genau hier liegt bei vielen Besitzern das Problem, denn diesen Status erlangt man in der Regel nicht auf dem Übungsplatz der Hundeschule.» Es reicht nicht, dem Hund «Komm!», «Sitz!» und «Platz!» beizubringen, man muss auch wissen, in welcher Situation und zu welchem Zeitpunkt dies angezeigt ist. Hundebesitzer sollten die Bedürfnisse und Reaktionsweisen ihres Kumpanen kennen und verstehen.

Was nicht ist, kann noch werden. «Auch ältere Hunde sind lernfähig. Sie tun sich darin sogar wesentlich leichter als wir Menschen», sagt Sonja Doll Hadorn. Um Fehlverhalten oder Verhaltensstörungen zu korrigieren, sei der Beizug einer kompetenten Fachperson jedoch ratsam. «Glücklich ist ein Hund, wenn er sich in kritischen Situationen an seinem Halter orientieren kann und sich sicher fühlt, weil ihm dieser freundliche und klare Anweisungen gibt», erklärt die Zoologin.

Das Zauberwort heisst Disziplin

Bevor Ruth Streit ihrem Hund gegenüber der letzte Geduldsfaden riss, bevor sie vollends resignierte, entschied sie sich für einen Neuanfang. «Die Erziehung fing zuerst bei mir selber an», stellt sie rückblickend fest - und gibt der Verhaltenstherapeutin recht: «Disziplin ist das Zauberwort in der Hundeerziehung, denn ein Hund nützt jede noch so kleine Inkonsequenz des Halters aus.» Streit musste noch einmal ganz von vorne anfangen. Sich weiterbilden, Bücher lesen, Kurse besuchen, Fachleute beiziehen. Sie kniete sich richtig in die Materie hinein. Mit ihrem Hund Arno verbrachte sie Stunden des Übens. «Ansätze einer Besserung waren schnell sichtbar. Das Ganze zu festigen dauerte aber Monate», sagt sie.

Arno war bereits fünf Jahre alt, als er seiner Zweibeinerin den Chefposten abtrat. «Es war eine Riesenarbeit», resümiert Ruth Streit, «aber schliesslich gehorchte er mir. Von da an gab es nur noch selten Stress.» Auch Arno selber profitierte von der Veränderung. Denn ein Hund, der gehorcht, geniesst wesentlich mehr Freilauf als seine unfolgsamen Artgenossen. Die grenzenlose Freiheit gibt es zwar nicht, aber eine Freiheit in Grenzen.

Streits Bemühungen haben sich nicht nur für sie und Arno gelohnt - heute gibt die langjährige Hundehalterin ihr Wissen in Kursen an weniger Erfahrene weiter.

Tipps für Hundehalter - und Hundefeinde

  • Sie sind für alles, was Ihr Hund tut, verantwortlich - auch wenn es nicht Ihr eigener ist. Sie müssen ihn pausenlos unter Kontrolle haben. Ein Hund hat in jeder Situation voll und ganz auf sein Frauchen oder Herrchen zu achten. Er darf nur frei laufen, wenn er auf Ihre Rufe zuverlässig reagiert.
  • Sie müssen dafür sorgen, dass Ihr Vierbeiner nicht auf fremde Personen zuläuft, diese anbellt oder an ihnen hochspringt. Auch Leute beschnuppern oder die Hundenase in fremde Einkaufstaschen stecken gehört verboten. Rufen Sie Ihren Hund frühzeitig zu sich und führen Sie ihn an der von der Person abgewandten Körperseite an der Leine oder - wenn er zuverlässig gehorcht - bei Fuss. Anderseits müssen sich Jogger, Biker oder Inlineskater, die sich von hinten nähern, beim Hundehalter frühzeitig bemerkbar machen.
  • Aufgepasst, wenn Kinder in der Nähe sind: Beaufsichtigen Sie Ihren Hund ohne Unterlass. Anderseits dürfen Kinder nie ohne Erlaubnis des Besitzers einen Hund streicheln. Kinder müssen wegen Bissverletzungen doppelt so häufig ins Krankenhaus wie Erwachsene.


So reagieren Sie richtig, wenn Sie grosse Angst vor Hunden haben

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  • Einem misstrauischen Hund dürfen Sie nie in die Augen schauen. Das ist eine Provokation.
  • Nie davonrennen! Sie animieren den Hund zum Nachsetzen, sein Beutetrieb wird aktiviert.
  • Wenn ein Hund auf Sie zukommt, sollten Sie weder schreien noch mit den Armen fuchteln. Das bestärkt ihn in seiner Unsicherheit.
  • Menschen, die sich vor Hunden fürchten, können ihre Angst reduzieren, indem sie einen einzigen, bestimmten Hund kennen lernen und zu ihm eine Beziehung aufbauen.




Weitere Infos

Auf der Homepage von V.I.E.T.A. (Berufsverband der diplomierten tierpsychologischen BeraterInnen) finden Sie Adressen von Fachpersonen, die Verhaltenstherapien für Hunde anbieten: www.vieta.ch


Buchtipp: Patricia B. McConnell: «Das andere Ende der Leine. Was unseren Umgang mit Hunden bestimmt»; Kynos-Verlag, 2004, 254 Seiten, mit Fotos, CHF 34.90

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