Was die Familien im Ausland schon lange kennen, gibts nun auch immer mehr in der Schweiz: Indoor-Spielplätze für Kinder. In ausgedienten Industrie- oder Tennishallen laden Trampoline, Rutschen oder Ballpools – «Schwimmbecken» mit Plastikbällen – zum «totalen Toben» ein. Die Idee tönt gut: Während sich die Kinder mit Hüpfen, Rennen und Schreien verausgaben, können sich die Eltern im dazugehörigen Bistro entspannen – bei jedem Wetter.

Doch was taugen die Angebote wirklich? Zwei Familien mit insgesamt fünf Kindern zwischen drei und zehn Jahren testeten für den Beobachter die sechs grössten Anlagen in der Deutschschweiz (siehe Nebenartikel «Spielhallen im Praxistest: Zwei Familien beurteilten Angebot und Preis mit 1 bis 5 Punkten»): Können sich die Kleinen ohne Extrabetreuung bewegen? Wie schnell langweilen sich die Grossen? Und wie entspannend ist das Ganze für die Eltern?

«Das ist ja richtig Sport»
Testsieger war das Trampolino in Dietikon. Zwar war die ehemalige Tennishalle am verregneten Testnachmittag sehr gut besucht. Das Kindergeschrei war so ohrenbetäubend, dass sich die dreijährige Linn keinen Schritt weg von der Mama wagte. Als sich die Halle am späteren Nachmittag aber leerte, bekamen die Kinder nicht genug vom Hüpfen und Rennen. Die zehnjährige Johanna meinte ganz ausser Atem: «Das ist ja richtig Sport.»

Sogar Erwachsene hopsen auf dem grossen Wackelberg oder besteigen den fünf Meter hohen Klettervulkan. «Unser Ziel ist, dass die Eltern gemeinsam mit den Kindern spielen», sagt der Trampolino-Betreiber Gerhard Mack. «Es läuft gut.» Er eröffnete die Halle im letzten Frühling und verkauft durchschnittlich 200 Eintritte pro Tag: Noch in diesem Jahr will Mack weitere Trampolinos eröffnen, eines in Basel/Weil und eines in St. Gallen.

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Das Trampolino punktete auch, weil nur hier das Konsumieren von mitgebrachten Speisen und Getränken erlaubt war. Ein Spielparkbesuch geht ins Geld; das mehrstündige Toben macht hungrig und durstig. Zu den saftigen Eintrittspreisen kommen also noch Verpflegungskosten – eine fünfköpfige Familie gibt so für ein Nachmittagsvergnügen schnell einmal 100 Franken aus.

Negativ fiel zudem in vielen Hallen auf, dass man für Autoscooter oder Tischkicker extra bezahlen muss – diese werden in praktisch allen Spielhallen angeboten.

Vor allem in der Spielsalon-Atmosphäre des Kinderland Roggwil quengelten die Kinder den Eltern die Ohren voll. Denn ohne Jetons, die es für einen Franken pro Stück zu kaufen gab, lief da fast gar nichts.

Entspannter ist es im Milandia. In der ehemaligen Badmintonhalle müssen die Kinder auf den Rennautos selber in die Pedale treten. Zehn Betreuungspersonen animieren die Kleinen zum Spielen. Hier können die Eltern ihre Sprösslinge getrost allein lassen.

Egal ob betreut oder nicht: Vor allem vier- bis achtjährigen Kindern gefällt es in jeder der sechs extra für sie geschaffenen Welten. Ältere langweilen sich tendenziell nach kurzer Zeit. Und kleineren Kindern wird der Trubel schnell zu viel. Mit ihnen lohnt es sich, die Hallen an einem ruhigen Morgen zu besuchen.

Wenig erfreut über die neuen Spielangebote sind die Pädagogen. «Kinder brauchen keine künstlichen Welten, sie brauchen Plätze im unmittelbaren Lebensraum, die sie selbstständig erreichen und bespielen können», sagt etwa Spielpädagogin und Pro-Juventute-Mitarbeiterin Lesly Luff. «In Spielhallen ist alles vorgefertigt, Möglichkeiten für kreatives Spielen und Lernen fehlen weitgehend. Auch der Raum für den Aufbau von tragfähigen Freundschaften ist nicht gegeben, da die Kinderbegegnungen rein zufällig sind.» Doch die ausgebildete Kindergärtnerin weiss, wie attraktiv Spielhallen für Eltern sind: «Die Kinder sind unter Kontrolle, durch das vorgegebene Spielangebot beschäftigt und beschmutzen sich nicht.»

Indoor-Spielplätze polarisieren: Natur pur gegen vorgegebene Sicherheit und Sauberkeit. Für die Pädagogen ist klar, dass das Spielen im Freien viel sinnvoller ist. Die fünf Testkinder sehen das anders; könnten sie wählen zwischen einem Abenteuerausflug in den Wald und einem Nachmittag in einer Spielhalle, möchten ausnahmslos alle noch einmal in eine Spielhalle: «Bitte, bitte! Welche, ist egal.»

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