Juan, aufgeweckte Augen, dunkler Rossschwanz, schwärmt: «Die Schule gefällt mir sehr gut.» Auf die kommenden Herbstferien freut sie sich gar nicht – was soll sie nur mit der freien Zeit anfangen? Die 17-Jährige stammt aus Mossul im Irak und lebt mit ihrer älteren Schwester seit gut einem Jahr im Zuger Asylheim Steinhausen. Ob ihre Eltern noch leben, wissen die beiden Mädchen nicht. Sie sind Kriegsflüchtlinge.

Juans beste Freundin heisst Tianjiao, 15. Die Chinesin stammt aus der Provinz Shangdon an der Ostküste der Volksrepublik. Juan und Tianjiao besuchen seit Mitte August den Grundkurs der Integrationsschule Zug, gemeinsam mit 20 weiteren fremdsprachigen Schülern und Schülerinnen. Sie sind alle hier, um richtig Deutsch zu lernen.

Punkt 8.20 Uhr strömt Juans Klasse ins Schulzimmer. Hufeisenförmig angeordnete Tische, moderne schwarze Drehstühle, weisse Regale voller Ordner. An der Rückwand des Zimmers stehen auf Wandtafeln die Namen der Klassenkameraden: auf Englisch, Albanisch, Chinesisch, Kurdisch, Türkisch, Thailändisch, Arabisch und Tamilisch. Die Schule liegt mitten im Zuger Industriequartier – die Räume sind hell und einladend, zwei Innenhöfe voller Pflanzen sorgen für Gemütlichkeit.

Deutschlehrerin Brigitte Aschwanden, 52, beginnt mit dem Unterricht. Sie fragt, wer die beiden Besucher, der Fotograf und die Schreibende, sein könnten. Murat antwortet sofort: «Sie ist die Chef, er macht Bilder.» Der türkische Kurde aus Erzinan, das nah an der georgischen Grenze liegt, lebt seit gut einem Jahr in der Schweiz. Der 16-Jährige mit der Gelfrisur spricht schon recht gut Deutsch, er ist laut und spielt den Klassenclown. Doch wenn ihn die Lehrerin ermahnt, hört er auf. Er respektiert sie. Murats rechter Zeigefinger ist deformiert – er sagt, er sei von türkischen Soldaten gefoltert worden. Murat will später eine Lehre im Tourismusbereich absolvieren: «Weil ich gern mit Menschen zu tun habe.» Er geht gern zur Schule, findet die Lehrer toll und meldet sich entsprechend oft.

Ganz anders als in China

Anhand des Wortes «Beobachter» beziehungsweise des Verbs «beobachten» lernen die Schüler konjugieren. Die drei Mädchen und vier Knaben schreiben ernst mit und füllen ihr Vokabelheft mit neuen Wörtern wie «Zeitung», «Zeitschrift» oder «Woche». Gruppenarbeiten, Leseübungen, Rollenspiele: Der Unterricht von Lehrerin Aschwanden ist abwechslungsreich und kurzweilig. «Ganz anders als in China», sagt Tianjiao. In ihrer ehemaligen Klasse seien sie 78 Schüler gewesen – Teamwork oder Projektarbeiten habe es nicht gegeben. Tianjiao ist seit Mai dieses Jahres in der Schweiz, sie will später ans Gymnasium wechseln, danach studieren und Ärztin werden – wie ihre Eltern.

33 bis 35 Lektionen pro Woche plus Hausaufgaben bewältigen die Schülerinnen und Schüler im ersten Jahr, davon 20 Stunden Deutschunterricht. Im zweiten Jahr sind es 40 Lektionen, davon zwölf Stunden Deutsch. Der Schwerpunkt im Aufbaujahr liegt im Bereich Berufswelt – Berufsorientierung und Berufswahlvorbereitung. «Wer hier studiert, muss es wirklich wollen», so Schulleiterin Valeria Reiterhauser, «die Anforderungen sind hoch.» 17 Lehrer unterrichten an der Integrationsschule 60 bis 70 Schüler aus 20 bis 25 Nationen, deren soziale Hintergründe vom Flüchtlingskind bis zu Kindern von Wirtschaftsgrössen reichen. Aufnahmebedingung: ein Alter zwischen 14 und zirka 20 Jahren, Motivation zur beruflichen Integration oder zum Besuch einer weiterführenden Schule, fehlende oder mangelnde Deutschkenntnisse sowie Wohnsitz im Kanton Zug.

Um 10.10 Uhr beginnt der Mathematikunterricht. Lehrer Andreas Matter, 30, ist ziemlich streng. Als Erstes rüffelt er den 14-jährigen Kongphop, weil dieser zum zweiten Mal die Aufgaben nicht gemacht hat. Kongphop stammt aus Chiang Mai im Norden von Thailand. Er ist erst seit Juli in der Schweiz und versteht kaum Deutsch. Er hat noch keine Freunde in der Klasse, obwohl er sich das sehr wünscht. Am liebsten mag er das Fach Zeichnen. Sein Vater ist schon seit zehn Jahren hier, arbeitet als Koch und hat nun seine Familie nachgeholt. Kongphop träumt davon, später ein Hotel in Thailand zu führen, denn das sei «gut fürs Leben». Als Erstes will er aber die hiesige Sprache gut lernen.

Bei Fehlern gab es Schläge

Mathematik ist Surenthikas Sternstunde: Die zierliche 15-jährige Tamilin aus Jaffna gewinnt im «Zahlenlotto». Darauf ist sie sichtlich stolz, denn beim Schnellzählen auf Deutsch hat sie vorher immer wieder Fehler gemacht. Jetzt ist sie aber die Beste der Klasse. Sie strahlt und erzählt, dass es in der Schule in Sri Lanka bei Fehlern Schläge gegeben habe. «Hier macht das Lernen viel mehr Spass.» Surenthika möchte dereinst eine Lehre als Verkäuferin beginnen: «Am liebsten bei der Migros.»

Wie schwierig es für die fremdsprachigen Schüler ist, eine gute Lehrstelle zu finden, weiss Lehrerin Agnes Illien-Schnyder, die an der Integrationsschule Deutsch im Aufbaujahr unterrichtet und seit zwölf Jahren dabei ist. «Heutzutage wird sogar in der Backstube Schweizerdeutsch verlangt», erzählt sie. Viele Lehrmeister wollten einfach keine Ausländer, weil sie sich vor Schwierigkeiten fürchteten. Letztes Jahr wurde aber «unter grossem Einsatz und viel Engagement» für alle Schüler und Schülerinnen eine Lehrstelle oder ein Platz an einer weiterführenden Schule gefunden, berichtet sie voller Freude.

Schulleiterin Valeria Reiterhauser, Gründerin der 1991 eröffneten Integrationsschule, ergänzt, wie sehr Eignungstests gewisser Firmen ein Nachteil für die fremdsprachigen Jugendlichen sein können: «Aufgrund ihrer kurzen Aufenthaltsdauer und mangelnder Deutschkenntnisse ist die Chancengleichheit nicht gegeben.»

Die Zuger Integrationsschule gilt in Fachkreisen als Modellschule, da sie erstens bis zu zwei Jahren dauert, zweitens die individuelle Betreuung der Lernenden gross schreibt und drittens die Schüler nach der Schule noch ein Jahr lang gecoacht werden – gerade beim Eintritt in die Berufswelt eine sehr wichtige Unterstützung. Zwar kennt rund die Hälfte der Schweizer Kantone eine Form von Integrationsschulen. Meist dauern diese Angebote aber nur ein Jahr oder gar nur wenige Monate – viel zu kurz, um wirklich Deutsch zu lernen.

Einige Kantone schieben fremdsprachige Schüler einfach in Arbeitslosenprojekte ab, wo sie nach sechs Monaten wieder auf der Strasse stehen. Auch aus einer Kosten-Nutzen-Sicht spricht viel für das Zuger System: Ein halbes Jahr Arbeitslosengeld für einen 17-Jährigen entspricht ungefähr dem finanziellen Aufwand für ein Jahr Integrationsschule. Ganz zu schweigen vom sozialen Mehrwert.

Am liebsten in die Deutschstunde

Nach der Mittagspause steht nochmals Deutsch auf dem Programm. Der Höhepunkt des Tages ist aber für die meisten Schüler der Sport von 15 bis 17 Uhr. Nach ausführlichem Einlaufen wird Unihockey gespielt. Ali, der in seiner Freizeit beim Fussballklub Cham kickt, ist voll dabei, auch wenn er gegen seinen Freund Murat antreten muss. Der 17-jährige Kurde ist wie Murat seit einem Jahr in der Schweiz. Am liebsten mag er den Deutschunterricht. Weshalb, weiss er ganz genau: «Ich will hier bleiben und eine Lehre machen. Dafür muss ich die Sprache beherrschen.»

Auch Christina, 16, aus San Francisco, will unbedingt gut Deutsch lernen. Die Auslandschweizerin – ihr Vater ist Schweizer – will später ans Gymnasium und Zahnärztin werden. Sie ist sportlich und kämpft um jeden Ball. Am Anfang sei es schwierig gewesen in der Schweiz, weil sie kaum etwas verstanden habe. Erst seit Juni ist Christina mit ihrer Familie im Land, der Vater nahm einen Job als Finanzchef in Zug an. Seit einem Monat gefällt es Christina gut in der Schweiz: «Ich habe einen Schweizer Boyfriend. Ein Banklehrling.» Sie strahlt und flitzt zurück aufs Spielfeld, wo sie sich mit der Irakerin Juan vor dem Tor der Gegner positioniert und auf eine gute Abschlusschance wartet.

Quelle: Stephan Rappo
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