Den Suchenden nenne ich ihn. Besser wäre: der zum Suchen Gezwungene, aber lassen wir das, der Lesbarkeit willen.

Also, der Suchende. Er hat eben seinen 14. Geburtstag gefeiert. Er liebt sein Handy, seine neuen Fussballschuhe und den FC Basel. Sein Leben plätscherte so dahin, bis kurz nach seinem Geburtstag Broschüren diverser Firmen ins Haus flatterten. Alle hätten ihn, den Suchenden, gern als Lehrling. Sie bieten ihm Schnuppernachmittage und Informationsabende an. Metallbaufirmen, Informatikbetriebe.

Der Suchende ignoriert sie schnöde. Alle. «Das kann ich dann machen, wenn ich eine Lehrstelle suchen muss», sagt der Suchende. «Du kannst keine suchen, wenn du nicht weisst, was du willst», sage ich. Die Schule ist auf meiner Seite. Noch. Sie schickt ein Anmelde­formular für die Berufsberatung, kündet den Besuch im Berufsinformations­zentrum an und rät schriftlich, sich Schnuppertage zu organisieren. Der Suchende sagt: «Was soll das bringen?»

Fussball und Hip-Hop…

Die Gespräche am Familientisch werden immer monothematischer. Wie wärs mit Hochbauzeichner, Suchender? Oder Grafiker? Oder lieber Physiotherapeut? Wir geben alles. Der Suchende schweigt. «Weiss doch nöd», sagt er, wenn es hoch kommt.

Was interessiert dich denn, Suchender, so allgemein? «Fussball», sagt er. Und wenn man sagt: «nicht Fussball!», dann sagt er «Hip-Hop».

Anzeige

Spätestens seit dem letzten Elternabend wissen wir: Wir sind nicht allein. «Weiss deiner schon?», ist die meist­gestellte Frage überhaupt.

Blendet man die wenigen Eltern mit Söhnen und Töchtern aus, die schon immer wussten, was sie einmal «werden möchten», zittern alle.

Der Schulleiter ist optimistisch. Im Februar, sagt er, werden alle Schülerinnen und Schüler einen sogenannten Stellwerktest ausfüllen. Der werde zeigen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Abgeglichen mit dem Berufswunsch des Jugend­lichen, wird dann sein Stundenplan neu zusammengestellt. Raunen rundherum.

«Und was, wenn er noch keinen hat?», frage ich zaghaft. Nicken rundherum. «Zeigen Sie Interesse», sagt der Schulleiter, «aber machen Sie keinen Druck.»

«Suchender, weisst du eigentlich, dass ihr im Februar diesen Test macht?», frage ich interessiert. «Schon gehört», sagt er. Immerhin. Keinen Druck machen…

Anzeige

Irgendwann halte ich es nicht mehr aus und werfe einen Blick ins Schulzeug des Suchenden. Mitten im Heftechaos liegt es: das Berufswahlbuch! «Überleg dir, welches deine Qualitäten sind», steht da. Ich juble innerlich. Der Suchende schreibt: Fröhlichkeit und Kontaktfreudigkeit.

…und Fussball und Hip-Hop

Ich blättere weiter. «Was kannst du besonders gut?», will dieses wunderbare Buch wissen. Sie ahnen es? Genau zwei Wörter stehen da in einer angebotenen Auswahl von «Technisches Basteln», «Sich informieren», «Selber etwas herstellen». Das eine beginnt mit F, das andere mit H.

Ich mache keinen Druck. Unser Leben plätschert so dahin. Der Suchende spielt Fussball und hört Hip-Hop. Eines Mittags klagt er: «Warum muss ich da hin?» – «Wo hin, Suchender?» – «An diesen Informationsnachmittag.» Hm. Sind da jemand anderem in der Familie die Pferde durchgegangen? Ein Anruf ins Büro bringt Klarheit. Er hat ihn angemeldet. Ohne Interesse. Eher mit Druck.

Anzeige

Der Suchende fügt sich, geht hin und kommt wieder heim. Frohen Mutes. «War noch spannend», sagt er. Und ja, er will jetzt Mediamatiker werden. Der Stellwerktest kann kommen.

Irgendwo in der Magengegend bleibt dieses ungute Gefühl. Nicht beim Suchenden, der spielt Fussball. Sondern bei mir.

Was, wenn wir ihn gezwungen hätten, einen Informationsnachmittag für Hochbauzeichner zu besuchen? Oder für Diätköche? Oder für archäologische Grabungstechniker?