Was ist ein Raser? Lebhaft diskutieren die 24 Schülerinnen und Schüler der Gewerblich-Industriellen Berufsfachschule Liestal BL über die Grenzen der Freiheit auf vier Rädern. «Ich fahre schon schnell, aber ich passe auf», sagt Andreas, ein bald 20-jähriger Landmaschinenmechaniker und stolzer Besitzer eines BMW 325. «Frauen rasen nicht, weil sie nicht cool sein müssen», glaubt Manuela, eine 19-jährige Coiffeuse, die kein Auto hat und auch keines will, «während Männer mit ihrer Fahrerei anderen etwas beweisen wollen.» Andreas widerspricht: «Ich muss niemandem etwas beweisen. Ich will einfach die Grenzen meiner Maschine kennen lernen.» Manuela antwortet seufzend: «Das ist falsch; du solltest besser deine eigenen Grenzen kennen lernen.»

Auf Einladung des DRS-Jugendsenders Virus und des Beobachters haben sich die Lehrlinge zweier Abschlussklassen an diesem kühlen Morgen im Konferenzzimmer versammelt, um bei der Pilotsendung für die neue Medienpartnerschaft «Mobile Campus» mitzumachen. Draussen auf dem Schulhof steht das bunt beschriftete DRS-Sendemobil mit der Ufo-förmigen Satellitenschüssel auf dem Dach; die Virus-Reporter Gregi Sigrist und Nadine Linder haben es zusätzlich mit Virus-Flaggen geschmückt. Die Schülerinnen und Schüler sollen sofort merken, dass an diesem Tag das Radio zu Besuch ist.

Die erste Annäherung verläuft zögerlich: Das leuchtend rote Virus-Mikrofon, mit dem die Interviews aufgezeichnet werden, macht den Lehrlingen offenbar Eindruck. «Wie war deine erste Fahrstunde? Trinkst du Alkohol, wenn du fährst?» Die Antworten der Jugendlichen fallen knapp aus, manche kichern verlegen oder antworten bloss mit «Ja» oder «Nein».

Rasen kommt bei Frauen nicht an
Erst bei der gemeinsamen Gesprächsrunde im Konferenzraum tauen die Lehrlinge richtig auf. Gregi und Nadine wollen genauer wissen, warum schnelles Fahren Spass macht. «Es gibt Raser und Raser», antwortet BMW-Fahrer Andreas. Schlimm seien jene, die Verfolgungsjagden machen und dabei auch andere Menschen gefährden. «Ich fahre immer allein, wenn ich mal aufdrehen will. Da gefährde ich niemanden ausser mich selbst.» Ab und zu brauche er das Gefühl, ans Limit zu gehen. «Andere nehmen Drogen.» Einen Unfall habe er noch nie gehabt, doch sei er schon mehrmals «hart an die Grenze» gekommen.

Was es bedeutet, wenn diese Grenze überschritten wird, hat Manuela erfahren: Eine gute Freundin ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seither ärgert sie sich über die vielen Raserunfall-Berichte, die in den Zeitungen stehen. «In den meisten Fällen sind es Männer, die so schnell fahren.» Warum das so ist, können sich die Schülerinnen nicht recht erklären. «Viele wollen mit dem schnellen Auto den Frauen imponieren», vermutet Manuela. Virus-Reporterin Nadine hakt nach: «Finden Frauen schnelle Autos toll?» Die Coiffeusen verneinen: Ein Mann könne vielleicht mit einem schönen Auto Eindruck machen, aber sicher nicht mit Raserei. Die männlichen Lehrlinge grinsen oder blicken verschämt zu Boden.

Die Gesprächsrunde teilt sich bald in zwei Lager: Auf der einen Seite die jungen Mechaniker, die alle den Führerschein haben und sich dazu bekennen, gern schnell zu fahren. Auf der anderen Seite die Coiffeusen, denen das Auto weniger wichtig scheint und die das Rasen auf der Strasse ablehnen. Die Mehrzahl der Mechanikerlehrlinge ist an diesem Tag mit dem eigenen Wagen zur Schule gefahren – von den Coiffeusen hat nur eine ihr Auto da.

Felix Gugger ist Fachlehrer für die Autoberufe und unterrichtet seit zehn Jahren in Liestal. Weil in dieser Zeit vier seiner ehemaligen Schüler tödlich verunfallt sind, kontaktierte er im Sommer 2003 die Kantonspolizei Baselland, um eine Präventionskampagne auf die Beine zu stellen. «Unsere Lehrlinge gehören klar zur höchsten Risikogruppe», sagt Gugger gegenüber dem Beobachter. Regelmässig seien Schüler in Unfälle verwickelt; öfter sitze einer mit einer Halskrause im Unterricht. Aus diesen Gründen zeigte die Polizei in der Aula abschreckende Präventionsvideos aus Irland, ergänzt durch eigene Aufnahmen von Unfallorten im Kanton. Fast alle der 980 teilnehmenden Schüler bewerteten die Aktion in einem Fragebogen als positiv.

Auch die Virus/Beobachter-Diskussionsgruppe erinnert sich noch gut an die Kampagne. Auf die gezeigten Unfallbilder angesprochen, wird es für einen Augenblick still im Konferenzraum. Man habe gesehen, dass man sich im Auto immer angurten müsse, selbst auf dem Rücksitz, bricht ein Mechaniker das Schweigen. Oder dass Alkohol und Drogen absolut tabu seien, wenn man sich ans Steuer setze, sagt eine Coiffeuse. Nur beim Thema Raser können sich die Jugendlichen nicht einigen. Die Frauen bestehen darauf, dass Rasen «doof» sei; die Männer meinen, das sei ihre Sache, ein bisschen Tempo gehöre ganz einfach dazu.

Die Mehrheit findet neues Gesetz gut
«Ich habe bisher zwei Unfälle gehabt», erzählt der 21-jährige Ronny, Lenker eines sportlichen Honda CRX. «Einmal bin ich aus der Kurve gerutscht, das zweite Mal fuhr ich einem hintendrauf.» Beide Male sei er nicht wirklich schnell gefahren, doch sei die Strasse jeweils glatt gewesen. «Und was hast du aus den Unfällen gelernt?», will Virus-Reporterin Nadine wissen. «Ich habe mir bessere Reifen gekauft», antwortet Ronny schlagfertig. Von der anfänglichen Zurückhaltung gegenüber dem Radioteam ist nun nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Die Lehrlinge scheinen zunehmend Spass daran zu haben, die eigene Meinung möglichst pointiert über den Äther zu bringen.

Das Konzept von «Mobile Campus» sieht vor, dass jeweils eine Fachperson die Virus-Reporter begleitet, um das Thema zu vertiefen. Für die Pilotsendung ist Beobachter-Experte Daniel Leiser nach Liestal gekommen. Nach der hitzigen Debatte übers Rasen informiert er, was das Gesetz neu vorsieht, um jugendlichen Übermut auf der Strasse zu zügeln.

Ab Ende 2005 erhalten Neulenker den Führerausweis nur noch auf Probe. Die Probezeit beträgt drei Jahre; erst dann gibts einen unbefristeten Ausweis. «Innerhalb dieser Zeit darf man keine groben Schnitzer machen und muss zwölf Stunden Weiterbildung absolvieren», sagt Leiser. Verstösst ein Junglenker gegen die Verkehrsregeln, kann die Probezeit um ein Jahr verlängert werden. Und sollte dann wieder etwas passieren, muss sich der Fahrer einem psychologischen Test unterziehen und das Prozedere wiederholen.

Die Lehrlinge reagieren mit Kopfschütteln, Gregi und Nadine holen Meinungen ein. Das sei reine Geldmacherei, meint ein Mechaniker; das Billett sei schon teuer genug. Ein anderer findet, die Autolenker würden gegenüber den Töfffahrern benachteiligt. Die Mehrheit der Jugendlichen hält die Massnahme aber für sinnvoll – und ist zugleich froh, den Ausweis bereits in der Tasche zu haben. «Ich finde es gut, dann gibt es sicher weniger Unfälle. Aber zum Glück betrifft es mich nicht mehr», bringt es ein Junglenker auf den Punkt.

Fürs Auto geht sehr viel Lohn drauf
Hier zeigt sich, dass das Auto auch viel mit Emotionen und Lebensstil zu tun hat. Was dem Kopf einleuchtet, ist dem Bauch zuwider und umgekehrt. Man weiss, dass die Raserei gefährlich ist – und tut es trotzdem. Man weiss, dass Autofahren teuer ist – und will doch nicht darauf verzichten. Gerade für Lehrlinge bedeutet das erste Auto eine grosse finanzielle Belastung.

Enorm viel Geld und Zeit investiert zum Beispiel der 20-jährige Franz in sein Gefährt, einen VW Scirocco 16V, Jahrgang 1986. «Mein Auto ist für mich etwas vom Wichtigsten im Leben», sagt Franz. Ferien, Kleider, Ausgang seien ihm egal, «aber aufs Auto könnte ich niemals verzichten». 3000 Franken hat er für die Occasion bezahlt, vom schmalen Lehrlingslohn von rund 1000 Franken steckt er jeden Monat «sicher drei Viertel» in den VW.

Franz holt sein Gefährt auf den Pausenplatz, um es dem Virus-Team vorzuführen. Futuristische Schalthebel, verdunkelte Scheiben im Fond, ein beleuchtetes VW-Zeichen im Kühlergrill – unzählige Stunden hat Franz an seinem Auto gewerkelt, um es schöner und spezieller zu machen.

Die Krönung des Ganzen aber befindet sich im Kofferraum. Franz öffnet den Deckel und zeigt sein jüngstes Werk: Kürzlich hat er den ganzen Kofferraum mit blauem Stoff ausgekleidet, hat einen riesigen Lautsprecher installiert, dazu kleine Leuchtröhren, eine Steuerungsanlage – und einen Kühlschrank.

Megasound wie in einem Technoklub
Er habe sich zum Ziel gesetzt, den gesamten Innenraum blau einzurichten, weil das seine Lieblingsfarbe sei, meint Franz. Sein Auto müsse ihm gefallen, schliesslich sei er jeden Tag damit unterwegs. Und als Gregi Sigrist ihn bittet, fürs Radio einmal die Musikanlage voll aufzudrehen, huscht ein stolzes Lächeln über das Gesicht des VW-Fahrers. Aus dem Kofferraum wummert im Handumdrehen Technomusik in Discolautstärke.

Kurz vor zwölf geht die Diskussionsrunde im Konferenzzimmer zu Ende, die Lehrlinge schlendern in die Mittagspause. Bald werden die Virus-Macher ins Studio Basel fahren, um aus den aufgezeichneten Wortmeldungen die Pilotsendung zu gestalten. Auf die letzte Frage, was er am Auto am meisten schätze, antwortet Franz: «Es gefällt mir einfach, weil es meins ist, weil es wirklich mir selbst gehört.»