Etliche Male haute er über die Stränge, etliche Male kam er glimpflich davon. Doch dann, mit 13 Jahren, geriet er erstmals in Kontakt mit der Polizei – und in die Mühlen der Justiz. Es war am Tag vor Neujahr. Alec (Name geändert) war mit seinem Cousin, der aus dem Kosovo zu Besuch war, und einem Freund unterwegs.

Den dreien war langweilig. «Wir hingen herum, hatten nichts zu tun, wir hatten kein Geld, wir brauchten dringend Zigis, und wir wollten am nächsten Tag irgendwie Neujahr feiern können.» Als der lustlosen Gruppe zwei Skater entgegenrollten, fällten die drei überzeugten Hip-Hopper innert Sekunden den Entscheid, ihre «Feinde» auszunehmen. «Wir schlugen sie zusammen, zogen ihnen 100 Stutz aus der Tasche und rannten davon.» Am Bahnhof geriet Alecs Cousin in die Fänge der Polizei. Alec war bereits um die nächste Ecke gebogen. Doch als ihm klarwurde, dass sein kleiner Cousin, der kein Deutsch verstand, mehreren Ordnungshütern gegenüberstand, kehrte er zurück und versuchte, die Sache zu erklären. Er wurde verhaftet.

Quelle: BFS; Infografik: Beobachter/dr

Quelle: Gian Marco Castelberg
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Blutrausch und Adrenalinschübe

Es war der Beginn einer Zeit, die er rückblickend mit «Chaos» bezeichnet. Eine Anzeige folgte der nächsten. Inzwischen sind es über 20. «Die meisten passierten, weil mir total langweilig war», sagt er und lehnt sich zurück. Die Begegnung findet im Sitzungszimmer des Landheims Brüttisellen statt, wo Alec im Massnahmenvollzug ist. Mitte letzten Jahres wurde er aus der Schule ausgeschlossen und durch die Jugendanwaltschaft im sozialpädagogischen Jugendheim platziert. Hier kann er nun eine Kochlehre absolvieren. Immer wieder nippt er kurz am Wasserglas, schenkt höflich nach und erzählt so ruhig und freundlich, als könne er keiner Fliege etwas antun.

Doch dann spricht er von «Aussetzern», von Momenten, «in denen etwas in mir plötzlich durchbrennt, ohne dass ich dann noch die Kontrolle habe», von «Blutrausch» und der «Sucht nach Adrenalinschüben». Und plötzlich sieht man ihn vor sich, in jener Nacht im vergangenen Dezember, als er mit Kollegen nach Mitternacht an der Langstrasse in Zürich unterwegs war. «Unsere Köpfe waren leer. Unsere Herzen auch. Irgendwann beschlossen wir, uns zu betrinken, doch dann kam es anders. Ohne viel zu überlegen, schlug einer meiner Kollegen auf einen Fremden ein. Warum, weiss ich nicht mehr. Wir hatten das nicht abgemacht. Aber wir fanden es auch nicht schlimm oder komisch. Manchmal reicht es, wenn dich einer komisch anschaut; oder wenn er zu lange schaut oder dir zu tief in die Augen schaut oder wenn er eine Frau anschaut, die dir auch gefällt.»

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Alecs Kollege schlug so kräftig zu, dass der 27-jährige Angegriffene zu Boden sank und sich nicht mehr rührte. Das nutzte die Schar, um die Taschen des Bewusstlosen zu durchwühlen. Mit einem Päckchen Zigaretten zogen sie weiter, den Verletzten liessen sie liegen. Kurz darauf wurde die Gruppe verhaftet; auch Alec; er hatte dieses Mal zwar nicht zugeschlagen, aber: «Mitgegangen, mitgehangen.» Er zuckt mit den Schultern und spricht die beiden Wörter in einer Monotonie aus, als hätten sie nichts mit ihm zu tun.

«Es war unglaublich langweilig»

Es folgten sechs Tage Einzelhaft im Polizeigefängnis in Zürich, dann drei Wochen Bezirksgefängnis in Horgen. «Ich hatte unendlich viel Zeit, über alles nachzudenken. Es war unglaublich langweilig, aber dieses Mal konnte ich nichts Dummes anstellen.»

Momente, in denen ihm langweilig ist, begleiten Alec seit Kinderzeiten. In Zürich geboren, zog er bald nach der Geburt mit seinen Eltern und den fünf älteren Schwestern in den Kosovo. 1998 floh die Familie zurück in die Schweiz. Alec war fünf. «Ich konnte kein Deutsch, wir wohnten in einem Dorf mit vielen Patrioten und Rassisten, die Kinder nervten mich mit Worten wie ‹Jugo›. Das hörte ich nicht gern, denn ich hasste die Serben. Man provozierte mich. Ich fühlte mich ausgeschlossen, angegriffen, war oft allein, und mir war oft langweilig.»

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Mit Ach und Krach schaffte er die ersten beiden Oberstufenjahre. «Ich baute viel Mist, war in Schlägereien verwickelt, in Diebstähle, Einbrüche, kleinere Raubüberfälle, Fälle von Körperverletzung.» Nach dem Auslöser gefragt, sagt er, ohne zu überlegen: «Kein Geld und Langeweile.» Er klaute den iPod eines Mitschülers, brach Geldautomaten auf, liess aus dem Elternhaus einer Kollegin Digitalkameras, Handys, Geld und Schmuck mitlaufen. «Meist überlegten wir gar nicht viel. Wir hatten einfach oft nichts vor, waren vielleicht ein bisschen hässig, hatten Wut in uns, und wenn man dann noch Alkohol getrunken hat, weiss man nicht mehr, was man tut.»

Im Landheim Brüttisellen ist er zwangsläufig etwas zur Ruhe gekommen. Regelmässig muss er sich Urinproben unterziehen. Doch er, der jahrelang gekifft habe, «was das Zeug hält», sei bisher in keiner Kontrolle hängengeblieben. «Ich habe komplett aufgehört. Heute nerven mich meine bekifften Kollegen. Dann haben sie nichts mehr zu sagen, es ist ihnen noch langweiliger als vorher, und sie kommen auf lauter blöde Ideen.»

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Quelle: BFS; Infografik: Beobachter/dr

Quelle: Gian Marco Castelberg

«Heute denke ich mehr an Frauen»

Er betont, dass er inzwischen grundsätzlich weniger unter Langeweile leide als früher. Dazu trägt auch der eng strukturierte Alltag im Heim bei, in dem er nicht umhinkommt, seine Freizeit sinnvoll und aktiv zu nutzen. In den wenigen Pausen sitzt er oft auf der Bank vor dem Landheim, schaut in die Natur hinaus, raucht eine Zigarette. «Heute denke ich dann mehr an Frauen als daran, Mist zu bauen.»

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Oder er lässt seine Gedanken in die Zukunft schweifen, überlegt, wie er möglichst bald mit seiner Freundin zusammenziehen könnte und dass er eigentlich gern Diätkoch würde. Oder noch lieber Anwalt, um die andere Seite der Gesetze kennenzulernen. «Und wenn ich später dann selbst mit Jugendlichen zu tun habe, denen langweilig ist, erzähle ich ihnen von mir – aber natürlich nicht alles, damit sie nicht alles nachmachen.»

Quelle: BFS; Infografik: Beobachter/dr

Quelle: Gian Marco Castelberg
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