Ein Nachmittag im Herbst am Bahnhof Zürich-Affoltern: Reto (Namen aller betroffenen Jugendlichen geändert) weiss, jetzt kommt er nicht mehr davon. Er hat gesagt, er habe kein Geld. Doch dann sahen sie die Zwanzigernote in seinem Portemonnaie. Sie zerren ihn Richtung Unterführung. Er hat Angst. Fäuste fliegen. Er schreit. Endlich rennen seine Freunde herbei, begleitet von Passanten. Die beiden Angreifer fliehen. Reto spürt einen stechenden Schmerz im Magen. Immerhin: Den Zwanziger haben die Räuber nicht gekriegt.

Die Szene könnte aus einem schlechten Krimi stammen, doch sie hat sich genau so zugetragen. Und sie ist in dieser oder ähnlicher Form nicht ungewöhnlich. Der 17-jährige Reto wurde von Gleichaltrigen überfallen. «Raub ist unter Jugendlichen leider keine Seltenheit», sagt Roland Zurkirchen, der seit vier Jahren für die Stadtzürcher Schulen als Troubleshooter im Einsatz steht. Meist gehe es dabei um Statussymbole wie Handys und MP3-Player oder aber um Geld, Zigaretten und Cannabis. Wer sich weigert, das Geforderte herauszugeben, muss mit Prügel rechnen. Oft kommt es aber nicht so weit – die Vorfälle laufen ohne physische Gewalt ab. Die Jugendlichen reden verharmlosend von «ausnehmen». Das typische Opfer gibt es nicht. Es kann jeden treffen.

«Ich kenne tausend Leute, die schon mal ausgenommen wurden», sagt der 19-jährige Dino. Ihm selber wurde auch schon Geld entwendet. Seinem gleichaltrigen Freund Sämi ist es sogar schon zwei Mal passiert – er musste den Räubern jeweils sein Cannabis abgeben. Kürzlich hörten die beiden von einem Kollegen, der im Zürcher Niederdorf mit einem Messer bedroht worden war. «Und einem anderen haben sie am Limmatplatz ans Bein gepinkelt, dem ging es danach total schlecht», erinnert sich Sämi.

Es gebe einfach Gruppen von Jugendlichen, für die es am Samstag zum Abendprogramm gehöre, «einen auszunehmen». Manchmal gehe es denen «nur darum, zu zeigen, wer der Stärkere ist», sagt Dino. Es ist ein Machtspiel, das auch die Positionen der Einzelnen innerhalb der Gruppe festlegt.

«Viele Jugendliche sind Mitläufer, denn Gruppendruck spielt eine wichtige Rolle bei solchen Aktionen», weiss Troubleshooter Zurkirchen. Und: «Bei gewissen Gruppen gehört es zur Kultur, sich auf diese Weise zu profilieren.»

Viele Opfer schämen sich
Darunter zu leiden haben die Opfer. Reto begleitete nach dem Überfall noch wochenlang ein mulmiges Gefühl. Er hatte Angst, den Tätern auf der Strasse wieder zu begegnen. Er hatte sie angezeigt, musste sogar bei der Jugendanwaltschaft zu einer Gegenüberstellung erscheinen. «Ich habe aber bald realisiert, dass die mich kaum nochmals drannehmen, nachdem ich sie ja identifiziert hatte», sagt er heute. Reto besorgte sich einen Pfefferspray, der bislang aber noch nie zum Einsatz kam. «Ich mache einfach einen weiten Bogen um Jugendliche, die nach Ärger aussehen» – er habe dafür ein gutes Sensorium entwickelt. «Man darf nicht schlafen, wenn man unterwegs ist, sondern muss aufmerksam durch die Strassen ziehen», lautet auch das Motto von Dino.

Nicht alle Opfer können einen Angriff so locker wegstecken. Der Sekundarlehrer und Erwachsenenbildner Michael Miedaner hat in Basel ein Coolness-Training für gewalttätige Jugendliche entwickelt. Er kennt Opfer, die sich nicht mehr aus dem Haus trauten, nachdem sie ausgenommen worden waren: «Einer musste von seinen Eltern danach in die Schule gefahren werden.» Viele Betroffene reden gar nicht über das Erlebte, sondern verdrängen ihre Gefühle. Sie empfinden Scham – «ausgenommen» zu werden ist demütigend. Auch Reto spricht nicht gern über den Vorfall: «Ich hatte am Anfang oft das Gefühl, ich hätte es verhindern können, wenn ich anders reagiert hätte und rechtzeitig davongerannt wäre.»

Viele Jugendliche werden gar mehrmals Opfer von Raubüberfällen. Nicht, weil es so viele Täter gibt, denn nur ein kleiner Teil der Jugendlichen ist kriminell. Aber wer einmal Erfolg hat, versucht es auch ein zweites und ein drittes Mal. Bei der Zürcher Stadtpolizei sind 15 bis 25 Minderjährige bekannt, die immer wieder Raubdelikte begehen. Intensivtäter, wie sie im Jargon heissen. Heinz Studer vom Jugenddienst der Stadtpolizei spricht von einer Sisyphusarbeit, Raubüberfalle seien an der Tagesordnung. Jährlich gehen in Zürich über 300 Anzeigen ein, wobei hinter einer Anzeige häufig mehrere Überfälle stehen. «Oft gestehen die Täter bei einer Anzeige noch weitere Delikte, und wir haben dann das Problem unbekannter Opfer», erklärt Studer. Die Dunkelziffer sei vermutlich sehr hoch.

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«Die Opfer waren mir egal»
Die offiziellen Zahlen: Letztes Jahr wurden in der Schweiz 327 Jugendliche wegen Raubdelikten verurteilt – angezeigt wurden jedoch fast 750 Überfälle. Hinzu kommen 620 Anzeigen wegen Drohung und Nötigung; denn wenn die Täter etwa Cannabis erbeuten, gilt dies nach Strafgesetz nicht als Raub. «Weil es sich um illegale Ware handelt, fehlt in diesem Fall der Diebstahl als Tatbestand», erläutert Richard Huwiler, Pressesprecher der Luzerner Kantonspolizei.

In der idyllischen Stadt am Vierwaldstättersee ist das Phänomen «Ausnehmen» gut bekannt. Zusammen mit der Stadtpolizei setzt die Kantonspolizei auf gezielte Aktionen in den besonders betroffenen Gebieten sowie auf verstärkte Kontrollen bei Grossanlässen. Trotzdem stellt Huwiler eine Zunahme der Raubüberfälle durch Jugendliche fest. Was den Strafverfolgern dabei vor allem auffällt: Die Täter gehen immer brutaler vor. «Manchmal schlagen und treten sie noch auf ein Opfer ein, wenn es längst wehrlos am Boden liegt», sagt Alex Müller, Jugendgerichtspräsident des Kreises Bern/Mittelland. Ähnlich sieht das auch Reto Bachmann vom Jugenddienst der Berner Stadtpolizei: «Die Gewaltbereitschaft nimmt zu.»

Und um die «Heldentaten» zu dokumentieren, werden die Aktionen manchmal sogar mit dem Video-Handy gefilmt. Happy Slapping – fröhliches Dreinschlagen – nennt sich dieser Trend aus England. In der Schweiz sind bisher zwei Fälle aus Basel und Winterthur publik geworden. Allzu häufig fehle es den jungen Tätern an Unrechtbewusstsein, analysiert Coolness-Trainer Michael Miedaner. «Einen ausnehmen» klingt nach Fun und Abenteuer, nicht nach einer Tat, für die einem Erwachsenen eine happige Zuchthausstrafe droht. Thomas Faust von der Jugendanwaltschaft Baselland bezeichnet das Delikt als «eines der schlimmsten Verbrechen überhaupt».

Meny, 16-jährig, gross gewachsen, gut gebaut, zündet sich seine vierte Zigarette innerhalb einer halben Stunde an und denkt nach. Nein, Spass war bei ihm eigentlich nicht der Grund, weshalb er Tag für Tag durch Luzerns Gassen zog und andere Jugendliche ausraubte. Pure Not sei es gewesen, aus seiner Sicht. Noch vor einem Jahr gab es in seinem Leben fast nur zwei Dinge: Kiffen und Kiffer ausnehmen. Das eine machte das andere nötig – und umgekehrt.

Meny rauchte täglich so viele Joints, wie er sie sich nie hätte leisten können. «Ich musste jeweils zwei Riesentüten rauchen, um abends überhaupt einschlafen zu können.» Also holte er sich das Gras gratis. «Ich musste andere ausnehmen, ich hatte richtiggehend Angst, plötzlich nichts mehr zum Rauchen zu haben.» Und: Während andere ruhig und sanft werden, wenn sie gekifft haben, «machte mich Kiffen skrupellos. Die Opfer waren mir egal», erzählt er. Hin und wieder habe er auch Kokain geschnupft, was ihn noch aggressiver machte.

Mal waren es drei, mal vier Überfälle täglich, die er zusammen mit seinen Kollegen verübte. Heute sitzen sie alle in Heimen oder im Gefängnis, Meny als Einziger von ihnen im Jugendheim Aarburg AG. In etwa zwei Jahren kommt er hier wieder raus. Andere «ausnehmen» will er dann nicht mehr. Empfindet er Reue? «Es gibt einfachere Methoden, an Geld zu kommen», meint er lakonisch. Könnte er sich eine Gegenüberstellung mit einem der Opfer vorstellen? «Niemals, das wäre mir total peinlich.»

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Anzeigen – der einzige Weg
Genauso unangenehm, wie es vielen Opfern ist, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Doch exakt dazu raten die Fachleute: «Wer ausgeraubt wurde, sollte unbedingt Strafanzeige erstatten», sagt etwa Jugendanwalt Thomas Faust – auch wenn die Täter drohten, das Opfer nochmals zu verprügeln, falls es zur Polizei gehe. «Ich habe noch nie erlebt, dass das auch tatsächlich passiert ist.» Nur wenn Polizei und Justiz von solchen Vorfällen erfahren, können sie handeln. Während des Überfalls sollte man als Opfer versuchen, sich Aussehen und allenfalls Namen sowie Fluchtrichtung der Täter zu merken. «Und dabei möglichst ruhig bleiben und die Täter nicht provozieren», rät Heinz Studer von der Zürcher Stadtpolizei. Manchmal könne es helfen, laut um Hilfe zu schreien. «Das verunsichert die Täter.»

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Reto muss sich keine Vorwürfe machen, falsch reagiert zu haben. Er erstattete noch am gleichen Abend Anzeige und leitete so das Verfahren gegen die Täter ein. Sie waren der Polizei bereits bekannt und wurden schnell gefasst.