«Ab heute esse ich kein Fleisch mehr», macht Karina am Mittagstisch klar. Die 16-Jährige hat soeben über ­tierquälerische Methoden der Mastzucht gelesen. Die Bilder von eingepferchten Schweinen, Kälbern und Hühnern gehen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sorgen ­machen Karina auch hungernde Kinder in ­Afrika, Brandrodungen der Urwälder sowie leer gefischte Meere. Und ebenso Krieg, ­Folter, Vergewaltigung.

Mädchen und Jungen wie Karina sind sensibel und in der Pubertät. Sie sind gerade dabei, sich selbst und die Welt kennenzu­lernen. Angesichts des Elends auf unserem Planeten fühlen sie sich oft erschlagen. Manche hören und sehen lieber weg – genau wie viele Erwachsene. Andere verdrängen bewusst und behaupten, das Gerede vom Elend sei übertrieben. Wieder andere fühlen sich in die betroffenen Lebewesen hinein und leiden mit. Das Wissen um ­deren Not lastet steinschwer auf ihren jungen Seelen.

Wie sollen Eltern mit Töchtern und Söhnen umgehen, wenn diese in eine Art «Die Welt besteht nur aus Elend»-Depression ­fallen? Was kann man tun, damit sie trotz ihrer kritischen Grundhaltung die Lebensfreude nicht verlieren? Das Schlüsselwort heisst: zulassen. Akzeptieren Sie, dass sich Ihr Teenager mit grossen und schwierigen Themen beschäftigt. Und helfen Sie ihm dabei, mit dem Gefühl der Ohnmacht besser zurechtzukommen.

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Verständnis für die Wut aufbringen

So erörtern Sie belastende Ereignisse und Entwicklungen am besten:

  • Hören Sie zu: Was genau bewegt Ihr Kind?

  • Fassen Sie das Gehörte in Ihren eigenen Worten zusammen. So stellen Sie sicher, ­alles richtig verstanden zu haben.

  • Zeigen Sie Verständnis für die Gefühle ­Ihres Kindes. Trauer, Wut oder Frust sind nachvollziehbar und oft auch angebracht.

  • Stimmen die belastenden Informationen? Machen Sie sich selber kundig im Internet, in Fachzeitschriften und Lexika.

  • Stellen Sie das Gehörte in einen Kontext: Welchen Einfluss haben geschichtliche, ­kulturelle, soziale oder religiöse Gründe für ein bestimmtes Verhalten von Menschen?

  • Drehen Sie das Rad der Zeit zurück: Wann und wie waren auch wir – Schweizer, Europäer, Christen – selbst schon Täter oder sind heute noch Beteiligte?

  • Probieren Sie aus: Wie ist es, eine Woche lang vegetarisch zu essen oder ein Wochenende lang ohne Strom zu leben?


Durch solche Gespräche mit Ihrem Kind sollten einige, wenn auch nicht alle Warum-Fragen geklärt werden. Grundsätzlich geht es darum zu zeigen, dass es jeder Mensch in der Hand hat, einen Beitrag zum Guten zu leisten. Leben Sie deshalb Ihrem Kind vor, was es heisst, verantwortlich und sozial zu denken und zu handeln – und zwar hier und jetzt.

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Gutes beginnt im Kleinen und fängt nicht erst dann an, wenn man viel Geld für Hilfswerke spendet. Sie können schon heute mit Ihrem Sohn, Ihrer Tochter zusammen aktiv werden: Erledigen Sie die Einkäufe ­Ihrer gehbehinderten Nachbarin gleich mit, tragen Sie die Spinne ins Freie, statt sie zu töten, fahren Sie mit dem Velo statt mit dem Auto. Damit zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie seine Anliegen ernst nehmen. Denn unter der coolen Oberfläche von Teenagern verbirgt sich manch feinfühliges Wesen, das sich für seine Umwelt engagieren möchte. Unterstützen Sie es!