Der Finance Club der Universität hat eine Firma, die ihr Geld mit strukturierten Finanzprodukten verdient, zum Vortrag eingeladen – und sie hat fünf Mitarbeiter geschickt. Wie Siegertypen betreten diese den Seminarraum 103/104 des Instituts für Banking und Finance der Uni Zürich, stellen sich vor den Studierenden auf. Einer von ihnen beginnt zu ­reden. Von Visionen. Er geniesst die Bewunderung im Blick einiger Zuhörer. «Es war hart, aber jetzt sind wir die ­Besten», sagt er.

Eine Woche vor dieser Show: Thomas Rosenberger, Lukas Meier und Fabian Forrer sitzen vor Cola Zero und Ri­vella blau in einem übervollen Res­taurant in der Nähe des I­nstituts. Sie gehören zum Vorstand des Finance Club, eines studentischen Vereins, offen für alle, vor allem für jene, die in der Finanzwelt Karriere ­machen wollen. Drei Männer ­Mitte 20, die sprechen, als wüssten sie am Anfang eines Satzes bereits genau, wo die Rede fünf Sätze später ankommen soll. Sätze wie in Stein gemeisselt. Sie versuchen gerade, zu beschreiben, was Networking für sie bedeutet.

Forrer: «Netzwerkpflege ­wä­re wohl der bessere Begriff. Neue Leute kennenzulernen ist wichtig, aber das bestehende Netzwerk zu pflegen, das ist zentral.» Rosenberger: «Aber es ist nie so, dass man mit jemandem Kontakt hält, nur weil er einen weiterbringt. Die Wellenlänge muss stimmen. Man muss auch über anderes reden können als nur über Job und Karriere.» Meier: «Mein Netzwerk besteht aus Kollegen, die ich vom Studium oder von früher kenne, die jetzt irgendwo in einem Unternehmen arbeiten. Oder aus Personen, die ich während Praktika und Teilzeitjobs kennengelernt habe.» Forrer: «Netzwerkpflege ist zeit­intensiv. Es kommt auch vor, dass ich an einen Apéro oder an eine Veranstaltung gehe, obwohl ich eigentlich gar keine Zeit dafür habe. Es hilft, sich nicht aus den Augen zu verlieren, und man lernt auch wieder neue Leute kennen.»

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Im Seminarraum 103/104: «Wir suchen junge, hochmotivierte Menschen», ruft der Redner. «Schicken Sie uns Ihre ­Bewerbungsunterlagen oder kom­men Sie vorbei.» Die Show ist Teil der Veranstaltungsreihe «Brown Bag Lunches»: Einmal die Woche lädt der Finance Club führende Ban­ken, Unternehmensberatungen oder Industrieunternehmen ein. Die Firma stellt sich den Studierenden vor, es gibt ein kurzes Referat, danach einen Steh-Lunch, bei dem sich beide Seiten beschnuppern können.

«Hart und viel arbeiten»

Rosenberger, Meier und Forrer machen am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich ihren Master. Neben dem Studium arbeiten sie mindestens 40 Prozent, Rosenberger in einer Grossbank, Meier am Institut selber, Forrer bei einem Beratungsunternehmen und am Institut. Fragt man sie nach ihren beruflichen Zielen, reicht ihnen ein einziges Wort: Investmentbanker. Portfoliomanager. Unternehmensberater. In ihrer Freizeit treiben sie Sport: Baseball, Golf, Berg­marathon, Eishockey.

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Die drei sind gerade dabei durchzustarten. Sie nehmen Anlauf, und sie haben den Ehrgeiz, in ihrer Karriere einen möglichst weiten Sprung hinzulegen. Lukas Meier: «Ich könnte mir vorstellen, irgendwann eine Führungsposition mit Verantwortung zu übernehmen.» Fabian Forrer: «Solange ich jung bin, bin ich bereit, hart und viel zu arbeiten. Bis nachts um elf im Büro? Das ist für mich kein Problem. Auf eine gute Work-Life-Balance kann ich spä­ter noch achten.» Und Thomas Rosenberger: «Wir sind ehrgeizig.»

Beim Steh-Lunch vor dem Seminarraum 103/104, spendiert vom Unternehmen, gibt es Zürcher Geschnetzeltes, gefüllt in Kebabbrötchen. Die schüchternen Studenten bleiben im Hintergrund. Die selbstbewussten stellen sich breitbeinig vor einen der Männer in Anzug hin, suchen den Augenkontakt, stellen eine Frage nach der anderen. Fragen, die zeigen, was sie schon alles draufhaben. Die Männer in Anzug verteilen nach zehn Minuten ihre Visitenkarten: «Beziehen Sie sich ruhig auf das heutige Treffen.»

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«Karriereplanung? Wie meinen Sie das?»

Als Rosenberger, Meier und Forrer noch am Anfang ihres Studiums standen, machten sie es genauso. Sie kämpften sich vor, wollten vor den Grossen aus der Branche brillieren, endlich irgendwo den Fuss drinhaben. «Hat man den Fuss erst einmal drin, kommen die Chancen von allein», sagt Forrer.

Es wäre einfach, ihren Werdegang als die Geschichte von drei erfolgshungrigen Youngsters zu erzählen, die nur ein einziges Ziel haben: möglichst schnell möglichst hoch hinaus. Es wäre einfach – und trotzdem grundfalsch. Man müsste vieles ausblenden. Etwa das schüchterne und nachdenkliche Lächeln von Lukas Meier, das so gar nicht zu einem Vorprescher passt. Oder den Moment, da Thomas ­Rosenberger von seinem Vater spricht, ­Sekunden voller Ehrfurcht. «Ich habe gros­sen Respekt davor, wie er sich von einer einfachen Banklehre hochgearbeitet hat. Nun ist er dort, wo andere nur mit einem Stu­dium hinkommen.» Man müsste ausblenden, was Rosenberger als Erstes nennt, wenn man ihn nach seinen Zielen für die Zukunft fragt: «Mir ist wichtig, dass ich auch Zeit zum Leben habe.»

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Vor allem müsste man den perplexen, staunenden Ausdruck in Forrers Augen ausblenden. «Karriereplanung? Wie meinen Sie das?» Plötzlich merkt man, dass trotz den in Stein gemeisselten Sätzen so vieles noch offen, unklar, unfertig ist. «Es scheint, dass wir gezielt an unserer Kar­riere arbeiten», sagt Meier. «Aber das Leben ist nicht immer planbar. Es ist oft eher so, dass man irgendwohin gespült wird.»

Vieles hängt vom Zufall ab. «Zu Beginn des Studiums hat man doch noch keine Ahnung von all den Möglichkeiten in der Finanzbranche. Man macht mal irgendwo ein Praktikum, ein zweites, und erst mit der Zeit kristallisiert sich heraus, wo das Ganze hinführen soll», sagt Rosenberger. Dann fragt man sie, ob sie bereits als Kind wussten, dass sie Banker werden wollen. Und sie meinen, dass man einen Witz macht, schütteln nur lachend den Kopf.

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So richtig festgebissen haben sich die drei nur am Finance Club. Ist die Rede davon, flammt in ihren Gesichtern Leidenschaft auf. Wer nur auf Karriere aus ist, tut sich das nicht an. Das ist ehrenamtliche Knochenarbeit. Neben den «Brown Bag Lunches» organisiert der Club ja auch ­Bewerbungstrainings, After-Work-Apéros, Work­shops oder Firmenbesuche. Die Semestervorbereitung ist wie ein 40-Prozent-Job, für jeden von ihnen. Stehen die Prüfungen vor der Tür, reduziert sich der Aufwand zwangsläufig auf einen Tag pro ­Woche. Beim Erstsemestrigentag sind sie mit einem Stand vertreten; bis zu dreimal in der Woche verschicken sie Mailings mit Joban­geboten und Veranstaltungshinweisen an ihre Community, die vor allem aus Wirtschafts- und ETH-Studenten besteht; ständig müssen sie die Website aktualisieren; sie schreiben an einer Imagebroschüre; knüpfen Kontakte zu neuen Unternehmen; beantworten E-Mails von Firmen, ­interessierten Studierenden und anderen Vereinen; sind daran, eine studentische ­Unternehmensberatung aufzuziehen.

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Ihr Ziel ist es, die Universität Zürich als Nachwuchspool für Firmen aus der Finanzbranche genauso attraktiv zu machen, wie es die Universität St. Gallen seit Jahrzehnten ist. Als am «Brown Bag Lunch» der Credit Suisse der Chef fürs Private Banking persönlich auftauchte und einen Vortrag hielt, wussten sie, dass ihre Botschaft in der Wirtschaft angekommen war. «Eine grös­sere Wertschätzung hätte man uns nicht entgegenbringen können», sagt Rosenberger. «Das war geil.»

«Wenn der Spass nicht wäre…»

Fragt man nach den Gründen ihres En­gagements, wird klar: Durchstarten heisst nicht nur Anlauf nehmen, um möglichst weit zu springen. Es heisst auch Anlauf nehmen aus reiner Freude an der Bewegung. Rosenberger: «Im Finance Club habe ich die Möglichkeit, etwas zu bewegen, meine eigenen Ideen zu verwirklichen.» Meier: «Es ist ein tolles Gefühl, etwas auf die Beine gestellt zu haben. Wenn uns nach einem Event die Studierenden begeisterte Mails schicken, ist das schön und zeigt, dass unsere Arbeit geschätzt wird.»

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Sie machen kein Aufheben um ihre ­Geschäftigkeit. Sie verspüren gar nicht den Wunsch, einfach mal nichts zu tun. «Es macht uns ja Spass. Wenn der Spass nicht wäre, würden wir es nicht machen.» Sie ­sehen sich auch nicht als Ausnahme. In ­ihren Augen ticken die meisten Studenten wie sie, selbst die oft als Bummelstudenten verschrienen Geisteswissenschaftler. «Die wollen doch teilweise genauso wie wir ­Karriere machen», sagt Rosenberger. «Die haben es nur schwerer. Wir Wirtschafts­studenten wissen genau: Wir müssen im Ausland gewesen sein, Praktika gemacht haben, Berufserfahrung mitbringen. Wir können das eins nach dem anderen ab­haken. Bei Geisteswissenschaftlern ist das viel unklarer.»

«Ich habe Freunde, die anders denken»

Forrer erzählt von seiner Schwester, die Psychologie studiert und ebenfalls bei ­einer Unternehmensberatung tätig ist. An ihrer Diplomfeier erschien sie im Deux-­Pièces. «Mein Lebensstil hat sie wohl an­gesteckt.» Sie fiel auf unter all den Jeans­trägern. «Aber das sind Äusserlichkeiten. Man kann doch jemanden nicht in eine Schublade stecken, nur weil er Anzug oder Jeans trägt.» Dieses Schubladendenken ­gebe es bei ihnen jedenfalls nicht. «Meine Freunde kommen vom Sport, aus der ­Kanti, dem Studium, aus früheren Arbeitsstellen», sagt Meier. «Einige sind wie ich, andere denken ganz anders.»

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Ein einziges Mal kommen sie ins Straucheln, und die Sätze brechen vor ihrem Ende ab. Es geht um die Finanzkrise und die globale Occupy-Bewegung. Es geht um die Wut vieler Menschen auf Banken und Banker. Die Forderungen der Occupy-­Bewegung in der Schweiz hätten sie nicht erreicht – es sei keine klare Botschaft erkennbar, sagen sie. Und zur Finanzkrise würden sie sich lieber nicht äussern, weil es heikel sei, jemandem die Schuld in die Schuhe zu schieben, es gebe viele Ur­sachen. «Aus unserem Umfeld gab es ­jedenfalls nie negative Reaktionen, dass wir Banker werden wollen», sagt Rosenberger. «Gut, bis jetzt haben wir auch noch nichts falsch gemacht.»