Ihre Tochter steht eben am Anfang der Pubertät und pflegt den Stil, der in ihrer Gruppe üblich ist. Verbote, Zynismus und Spott wären falsche Reaktionen, denn sie würden den Generationenkonflikt anheizen. Versuchen Sie, sich in Ihre Tochter einzufühlen, versuchen Sie zu spüren, wie es sich heute anfühlt, ein zwölfjähriges Mädchen zu sein. Selbstverständlich dürfen Sie jederzeit Ihre Meinung zu den Werten, Zielen und Handlungen Ihrer Tochter ausdrücken, wenn Sie klar deklarieren, dass dies Ihre persönliche Ansicht ist. Ich nehme an, dass die beiden Stars für Sylvia Idole sind. Dass solche gesucht werden, ist vor allem im Jugendalter ein verbreitetes Phänomen.

Ganz grundsätzlich spielen Vorbilder für alle Menschen in der Persönlichkeitsentwicklung eine wichtige Rolle. Schon mit ungefähr vier Jahren ist es wichtig, dass die Kinder den gleichgeschlechtlichen Elternteil zum Vorbild nehmen und sich mit ihm identifizieren können. Dadurch festigt sich die Geschlechteridentität als weiblich oder männlich. In der Pubertät bekommt die Frage «Wer bin ich?» eine ganz besondere Bedeutung.

Vorbilder aus der Umgebung wirken positiver
Weil es dabei auch um die Abgrenzung von den Eltern geht, werden Vorbilder und Idole von ausserhalb der Familie bevorzugt. Es können unerreichbare Stars sein oder auch eine Lehrerin, ein Lehrmeister oder der Trainer im Sportklub. Sind die Idole zu weit weg, besteht die Gefahr, in einer reinen Heldenverehrung und Unmündigkeit zu verharren. Es wird dann lediglich alles Ideale, Grossartige und Gute auf eine Kultfigur projiziert, ohne eine realistische Möglichkeit, ihr nachzueifern. Positiv, das heisst leistungsmotivierend und die Persönlichkeit stärkend wirkt dagegen eine Identifizierung mit einem realistischen Vorbild aus der engeren Umgebung.

Auch im Erwachsenenleben gibt es bekanntlich nicht wenige, die sich ausdrücklich als Fan, etwa eines Sportklubs oder eines Künstlers, bezeichnen. Man erfährt dadurch ein Gruppengefühl, man gehört irgendwo dazu. Ausserdem macht es das Alltagsleben etwas spannender, wenn man mitfiebern, Siege und Niederlagen, Aufstieg und Fall miterleben kann. Schade ist es allerdings auch hier, wenn alles Positive aus der eigenen Seele auf die Stars projiziert wird, statt dass man an seine Selbstverwirklichung glaubt und sein eigenes Potenzial entfaltet.

Leider nehmen in unserer Kultur Star- und Promikult immer mehr zu. Wieso sollen wir zu VIPs, zu very important persons, aufschauen? Wir alle sind very important, denn die Gesellschaft funktioniert nur, wenn alle ihren Teil dazu beitragen. Selbst wenn dieser klein scheint, ist er genauso wichtig wie das, was ein Star leistet. Auch die Politik braucht keine Heldenverehrung, sondern mündige Einzelne. Darauf beruht eine echte Demokratie.

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