Drei Jugendliche, die im Auftrag der Zürcher Sozialbehörde von der Vermittlungsstelle «Time out» in einem Erziehungscamp in Spanien platziert wurden, erhoben nach ihrer Flucht zurück in die Schweiz schwere Vorwürfe gegen die dortige Heimleitung. Sie seien geschlagen und in einen Käfig gesperrt worden. Ins Kreuzfeuer geriet auch das zuständige Sozialdepartement, weil es Vermittler und Camp nie überprüft hatte. Diese Unterlassung kritisiert auch der Psychologe Heinrich Nufer und fordert bessere Kontrollen und ein gesamtschweizerisches Konzept der Jugendhilfe.

Beobachter: Die private Vermittlungsstelle «Time out» platzierte im Auftrag des Sozialamts drei verhaltensauffällige Jugendliche in einem «Pflegecamp» in Spanien, das dazu keine Bewilligung hat. Wie ist das möglich?
Heinrich Nufer: Heime und private oder heilpädagogische Pflegefamilien, die in der Schweiz Kinder betreuen wollen, brauchen eine Bewilligung. Diese Verordnung gilt aber leider nicht für Institutionen oder Privatpersonen, die im Auftragsverhältnis Betreuungsplätze vermitteln und das Kind allenfalls im Ausland unterbringen.

Beobachter: Warum diese unverständliche Lücke?
Nufer: Zuständig für Bewilligung und Aufsicht ist die Vormundschaftsbehörde am Ort der Fremdunterbringung, sofern diese Aufgabe nicht vom Kanton anderen Stellen übertragen worden ist. Keine dieser Vermittlungsorganisationen verfügt über ein entsprechendes kantonales Mandat.

Beobachter: Liegt die Zürcher Sozialvorsteherin Monika Stocker mit ihrer Rechtfertigung falsch, die Verantwortung hätten letztlich die Eltern?
Nufer: Grundsätzlich wird die Verantwortung der Eltern durch eine behördliche Platzierung nicht aufgehoben. Aber die platzierende Instanz muss die in der Kinderrechtskonvention geforderte Qualitätskontrolle sicherstellen. Die fachliche Verantwortlichkeit für platzierte Kinder hört nicht an der Landesgrenze auf.

Beobachter: Warum fehlen diese Angebote hierzulande?
Nufer: Unser Jugendstrafrecht hält spezialisierte Therapieheime für Kinder und Jugendliche mit Persönlichkeitsstörungen für notwendig, wenn das bestehende Auffangnetz der Jugendhilfe nicht ausreicht. Ein solches Angebot wurde aber bis jetzt nur ansatzweise realisiert – mit der Begründung, das könne sich der Staat kaum leisten. Es besteht ein Trend hin zu möglichst kostengünstigen Platzierungen mit abschreckender Wirkung.

Beobachter: Wer ist für die Schaffung von solchen Sonderinstitutionen gefordert?
Nufer: Bis jetzt liegt die Verantwortung bei den Kantonen, sofern es sich nicht um Massnahmen des Jugendstrafvollzugs handelt. In Kürze wird das Strafmündigkeitsalter auf zehn Jahre heraufgesetzt. Damit fallen präventive Massnahmen vermehrt in die Verantwortung der Jugendhilfe. Es braucht dringend ein gesamtschweizerisches Jugendhilfekonzept. Ein Time-out, eine Auszeit, kann durchaus sinnvoll sein, um ein unzureichendes soziales Geflecht für eine gewisse Zeit hinter sich zu lassen.

Beobachter: Was die Gemeinde teurer zu stehen kommt.
Nufer: Auch diese Massnahmen sind bezüglich ihrer Nachhaltigkeit zu evaluieren. Wesentlich ist, ob die Kinder nachher sozial integriert sind. Man kann ein Kind nicht einfach nach Spanien in ein Camp bringen, das pädagogisch diffus handelt. Um die Grundstrukturen einer verhaltensauffälligen Persönlichkeit zu verändern, braucht es eine sorgfältige fachliche Abklärung, eine klare sozialpädagogische Indikation und eine entsprechende Erziehungsplanung.

Beobachter: Wann sollen Eltern oder Erziehende auf Gewalt von Jugendlichen ebenfalls mit Gewalt reagieren?
Nufer: Überhaupt nie. Dies ist in jedem Fall eine pädagogische Bankrotterklärung. Bis ein Jugendlicher andere angreift, gibt es während des Heranwachsens viele Hinweise auf aufkeimendes Aggressionspotenzial. Man könnte viel früher intervenieren.

Beobachter: Welche Lehren sind aus der Spanien-Affäre zu ziehen?
Nufer: Vermittler und deren Organisationen müssen genauer unter die Lupe genommen werden. Es braucht auch ein pädagogisches Konzept, wie Kinder und Jugendliche mit einer derartigen Problematik begleitet und unterstützt werden.

Quelle: Simone Broder