Die Idee, eine schwere Sprache zu lernen, hatte ich lange vor der Pensionierung. Ich dachte an Russisch oder Griechisch. Die Kulturen beider Länder sprachen mich an, zudem würde mich ein erneuter Lerneffort geistig fit halten. Eine Chinareise veränderte alle Pläne. China mit seiner Schrift, seiner Kalligrafie, seiner Malerei, Architektur und Medizin faszinierte mich - die Sprache dieses Landes musste ich lernen.

Als Glücksfall erwies sich der Sprachkurs an der Zürcher Volkshochschule: Die Lehrerin führte uns mit so viel Schwung in die ungeahnt zeitaufwändige Sprache ein, dass es einfach kein Zurück mehr gab. Mein Projekt, so schnell als möglich in China zu studieren, erfuhr wegen des Tiananmen-Massakers eine Verzögerung. Doch ein Jahr später war es so weit, dem Sprachkurs an der Universität der nordchinesischen Stadt Jinan stand nichts mehr im Weg.

Ich war überglücklich, hatte die Rechnung aber ohne meine wohlmeinenden Freunde gemacht. Ob es mir wirklich ernst sei, ein ganzes Jahr in diesem fremden Land zu verbringen? Und wenn ich krank würde? Die Jüngste sei ich ja auch nicht mehr. Ob dann Tochter und Enkel so wenig zählten? Dieser letzte, in eine Frage gekleidete Vorwurf verunsicherte mich - obwohl er nicht von meiner Tochter kam. Sie selbst bestärkte mich nämlich, dieses Abenteuer zu realisieren. Ich hörte auf sie.

Das Alter war ein Pluspunkt

Beim Anblick des Studentenheims in Jinan erlebte ich die riesige Enttäuschung: Schmutz, wo man hinsah, über dem Klo hing die Duschbrause. Ich dachte bereits an Rückkehr, als sich der erste, kleine Erfolg einstellte. Mein Alter - in China immer ein Pluspunkt - verhalf mir zu einem Einzelzimmer. Und bald luden mich meine Mitstudenten - Russen, Amerikaner und Japaner - zu den ersten Festen ein. Das wiederum öffnete mir Türen zu den chinesischen Studenten. Nach kurzer Zeit war ich bei den Eltern von Hu Yan, einem Bildhauer und Maler, zu Gast.

Viele meiner chinesischen Freunde lebten höchst einfach; in den Wohnungen fehlten WC und fliessendes Wasser. Doch sie hatten etwas, was in der Schweiz unbekannt ist: Zeit. Zeit für den Tee mit Freunden, Zeit für einen Schwatz, Zeit, um mich in ihre Lebensweise mitsamt den chinesischen Festen einzuführen.

Ich war bass erstaunt, dass ein junger, moderner Mann wie Hu Yan jedes Jahr die Gräber seiner Vorfahren besucht, was bei den Distanzen in diesem Land immer einige Tage in Anspruch nahm. Die Faszination für China stellte sich aufs Neue ein. Vor dem Schmutz verschloss ich fortan konsequent die Augen. Selbst die Ratte, die ab und zu durchs Zimmer huschte, brachte mich nicht mehr aus der Ruhe.

Ich konnte Deutsch unterrichten, wobei ich den Studenten auch unseren Alltag und unsere Feste, vom Sechseläuten bis zu Weihnachten, näherzubringen versuchte. Tabu waren politische Themen - das Tiananmen-Massaker war allen Studenten noch gegenwärtig. Hie und da hatte ich Mühe, die Deutschaussprache der Studenten zu deuten. «Mein Bludel ist ein Katel» bedeutete, dass der Bruder ein (Partei-)Kader war und nicht etwa ein Kater.

Die Reise durch mehrere Provinzen Chinas gedieh zum Glanzlicht des Jahres. Hu Yan erzählte mir eine ganze Reihe von Legenden, die sich um spezielle Orte und Bauten ranken und die in China zum Allgemeinwissen zählen. Zum Beispiel die Legende vom Schmetterlingsteich, den wir auch besuchten. In diesen Teich stürzten sich zwei Verliebte, weil eine Heirat nicht in die elterlichen Pläne passte. Romeo und Julia aus China leben seither als Schmetterlinge weiter.

Todesstrafe sei eine gute Sache

Die Konfrontation mit der unerbittlichen Seite Chinas blieb mir nicht erspart. Der Lastwagen mit den fünf gefesselten Häftlingen auf der Ladebrücke wird wohl immer in meinem Gedächtnis haften bleiben. Sie würden zur Hinrichtung in ein Stadion abgeführt, erklärten mir meine Bekannten. Ich erlaubte mir die Bemerkung, dass ich gegen die Todesstrafe sei. Darauf erwiderten sie, die Todesstrafe sei eine gute Sache, China hätte sowieso zu viele Menschen.

Die Rückkehr in die Schweiz nach einem Jahr China löste bei mir den zweiten Kulturschock aus. Mein Gott, wie viele unnötige Dinge doch in meiner Wohnung standen! Ein Schrank voller Geschirr - chinesische Paare begnügen sich mit zwei Schalen und zwei Tellern. Ich wagte mich kaum mehr in die Migros - was soll das ganze Angebot? In Jinan reichte den Menschen der Gang zum Markt, um die nötigen Esswaren einzukaufen. Für weitere Einkäufe hatten sie damals kein Geld.

«Bleib doch hier», hatten meine Freunde in China immer wieder gesagt, «wir werden schon für dich sorgen.» Wie oft ich nach der Heimkehr an dieses Angebot dachte! Doch mit der Zeit verebbte der zweite Kulturschock. Zudem hat mein Leben in der Schweiz durch den Chinaaufenthalt eine neue Dimension erhalten. Ich habe weitere Sprachkurse besucht, pflege brieflich Kontakt zu meinen chinesischen Freunden, setze mich mit Kultur und Kunst auseinander. Bis 2003 unternahm ich jedes Jahr vier- bis sechswöchige Reisen nach China, selbstverständlich verbunden mit Besuchen bei meinen Freunden.

Was mit einem Sprachkurs begann, ist zur Bereicherung für mein ganzes Leben geworden. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Quelle: Vera Hartmann
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