Zum Mittagessen eine Packung Chips, zum Nachtisch ein Spiel am Computer. Was sich anhört wie ein Kindertraum, ist in Wirklichkeit Alltag in vielen Haushalten. Laut der Schweizer Arbeitskräfteerhebung sind nämlich 40 Prozent der Kinder zwischen sieben und vierzehn Jahren ausserhalb der Schulzeit unbeaufsichtigt, wenn die Hauptbetreuungsperson - in der Regel die Mutter - arbeitet. Bei den unter Sechsjährigen sind es immerhin knapp sieben Prozent. Und wenn ein neunjähriger Junge sein «Freizeitprogramm» nach eigenem Gusto zusammenstellen darf, gibts eben kaum ein Nudelgericht mit Broccoli und zum Dessert auch eher einen Löffel Ovomaltine als eine Dosis Mathematik; ist die Katze aus dem Haus, tanzen bekanntlich die Mäuse.

Doch es ist ein folgenschwerer Tanz, warnt Andrea Lanfranchi, Psychologe und Dozent an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik - vor allem wenn «sturmfrei» nach Schulschluss zur Regel wird. Das gemeinsame Essen am Familientisch sei der Moment, in dem Sozialisation erzeugt werde, betont er. «Viele dieser Kinder aber sind allein, können sich Erwachsenen gegenüber nicht mitteilen, sitzen stattdessen vor dem Fernseher oder dem Computer.» Er räumt zwar ein, dass einige der «Schlüsselkinder», wie man sie einst nannte, schon früh gelernt hätten, sich autonom zu bewegen - sie essen etwas Vernünftiges, machen die Hausaufgaben oder spielen mit Nachbarskindern.

Schlechte Essgewohnheiten, zu wenig Schlaf
Die Frage, was Kinder und Jugendliche mit ihrer freien Zeit anstellen, ist jedoch stark von der jeweiligen Wohnumgebung abhängig: Gibt es Freunde und Verwandte in der Nachbarschaft? Kann das Kind draussen ohne Gefahr spielen? «Gerade bei Kindern aus armen Familien oder solchen mit einem Migrationshintergrund, die häufig an stark befahrenen Verkehrsachsen aufwachsen, ist das selten der Fall», so Pädagoge Lanfranchi.

Die Auswirkungen sehr real zu spüren bekommen die Lehrerinnen und Lehrer. «Viele Kinder treffen nach kurzer Mittagspause wieder auf dem Pausenplatz ein, kommen ohne Frühstück oder sonst unausgewogen ernährt in den Unterricht. Einige, vor allem auf der Sekundarstufe, sind zudem müde und unausgeruht», sagt etwa Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands (ZLV). «Das ist ein riesiges Problem.» In dieselbe Kerbe schlägt Michael Gerber vom Berner Lehrerberufsverband. Und geht noch weiter: «Die Schule kann ihren Auftrag nicht erfüllen, wenn die Kinder nicht fit sind oder die Hausaufgaben nicht machen, weil es bei ihnen zu Hause niemanden gibt, der hinschaut und Verbindlichkeiten aufrechterhält.» Dieses Phänomen sei durch alle sozialen Schichten hindurch festzustellen, «bei armen und wohlhabenden Familien», so Gerber.

Um dem Problem entgegenzuwirken, hat der Berner Lehrerberufsverband federführend mit anderen Organisationen vor zweieinhalb Jahren die «Initiative für familienfreundliche Tagesschulen» lanciert. Die Initiative wurde jedoch obsolet, nachdem der Grosse Rat des Kantons Bern ein revidiertes Volksschulgesetz verabschiedete, das den Hauptteil der Forderungen erfüllt. Seit dem 1. August ist nun jede der knapp 400 Gemeinden des Kantons verpflichtet, Tagesschulstrukturen anzubieten, sobald zehn Kinder angemeldet sind.

Unabhängig von der angestrebten interkantonalen Harmonisierung der Volksschule, die ebenfalls eine flächendeckende, bedarfsgerechte Tagesschulstruktur anstrebt, laufen ähnliche Bestrebungen in diversen anderen Kantonen, so im Aargau im Rahmen der Reform «Bildungskleeblatt». Während der obligatorischen Schulzeit sollen dort Kinder künftig von morgens sieben bis abends sechs Uhr unter der Verantwortung der Schule «gefördert, betreut und verpflegt» werden. «Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung», sagt Kathrin Nadler vom Aargauer Lehrerinnen- und Lehrerverband. Sie stellt fest, dass viele Kinder zu Randzeiten nicht nur sich selbst überlassen werden, sondern aus einem sozialen Defizit heraus mehr Aufmerksamkeit in der Schule verlangen.

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Migrationsfamilien nutzen Angebote zu wenig
In einer Studie kam Lanfranchi zudem zum Schluss, dass gerade Migrationsfamilien im Vergleich zu Schweizer Familien rund ein Drittel weniger häufig auf eine institutionelle Kinderbetreuung zurückgreifen - und auch die nicht-institutionelle Betreuung etwa durch Nachbarn oder Verwandte viel seltener ist. «Das liegt nicht am bösen Willen der Eltern», betont Lanfranchi. Denn dort, wo finanzierbare Angebote bestehen und das Personal interkulturell kompetent ist, werden sie auch genutzt. Sind die Angebote jedoch rar, werden sie eher von den kommunikativ und finanziell besser situierten Schweizer Familien «besetzt». Zudem spielt die Tatsache eine wichtige Rolle, dass bei vielen Migranten die Grosseltern nicht hier leben.

Es ist weniger die fehlende Aufsicht, die Andrea Lanfranchi Sorgen bereitet, sondern die mangelnde Betreuung der betroffenen Kinder. «Es geht um Bildung und Erziehung», wie er betont. Und um Chancengleichheit. Denn die Schweiz laufe Gefahr, dass sich die Schere zwischen Kindern, die immer mehr können, und Kindern, die immer weniger können, noch stärker öffnet: «Wir kommen mit Investitionen, die die Chancengerechtigkeit erhöhen, viel zu spät - mit teuren sonderpädagogischen Massnahmen während der Schule zum Beispiel, statt mit präventiven Massnahmen vor der Schule und ergänzend zur Schule.» Es gehe dabei nicht nur um die Vereinbarung von Familie und Arbeitswelt und um Gleichstellungsfragen zwischen Frau und Mann, sondern um das Wohl der Kinder, sprich um pädagogische Ansprüche: «Die Schule, wie wir sie aus eigener Erfahrung kennen, wo Lehrer Stundenplansöldner waren, genügt den heutigen Anforderungen nicht mehr.»

Ausserfamiliäre Betreuungsangebote nützen allerdings wenig, wenn Eltern sie nicht nutzen. So musste Lilo Lätzsch vom ZLV feststellen: «Bis heute ist der Mittagstisch an unserer Schule nicht ausgebucht» - und das obwohl der Bedarf bestehe, wie sie betont. Für sie sind die Kosten eine Erklärung. Eine andere: «In der Schweiz gilt nach wie vor: Eine gute Mutter kocht über Mittag. Und wenn das nicht möglich ist, dann tut sie wenigstens so, als ob.» Oft sind die Angebote aber auch nicht berufskompatibel, die Öffnungszeiten passen nicht zu den unregelmässigen Arbeitszeiten der Eltern. «Um acht Uhr sind manche Mütter bereits seit einer Stunde in der Fabrik», erklärt Lanfranchi.

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Am wichtigsten sind immer noch die Eltern
Aber es ist eben doch nicht nur allein Sache des Staates und der Schule, für das Wohl der Kinder zu sorgen. So schrieb Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Uni Freiburg, kürzlich in einem Meinungsartikel der «NZZ am Sonntag»: «Eltern wissen ja aus eigener Erfahrung, dass sie Kinder nicht nur bekommen, sondern dass sie auch auf etwas zu verzichten bereit sind. Und - in allererster Linie - dass sie Lust darauf haben, Mutter und Vater zu sein. Das ist die wichtigste Komponente im Aufwachsen eines Kindes. Dafür tragen Mütter und Väter die Verantwortung. Auch noch so viele Krippenplätze können ihnen diese nicht abnehmen.»