Er wohnte nicht in der Nähe, war drei Jahre jünger - und er hatte ein kleines Kind. Tobias Flückiger war zwar eine prima Internetbekanntschaft, fand Claudia Ruppeiner. Aber eine richtige Beziehung? «Als er vorschlug, dass wir uns mal sehen sollten, war das ein komisches Gefühl», erzählt die 28-jährige Coiffeuse aus Luzern. «Ich fragte mich, was ich tun soll, wenn er mir gefällt.»

Tatsächlich: Es funkte zwischen den beiden - und Réceptionist Tobias Flückiger sprach schnell Klartext. «Er wollte, dass ich seine Tochter kennenlerne», erzählt Claudia Ruppeiner. Ihr erster Gedanke: Ist das nicht ein bisschen früh? Ihr zweiter: Was tue ich, wenn ich das Kind nicht leiden kann? Aber sie mochte die kleine Aneira, sehr sogar, und so nahm die Lovestory ihren Lauf: Seit ein paar Monaten leben Tobias und Claudia zusammen in Luzern, und das dreieinhalb Jahre alte Mädchen wohnt mehrere Tage im Monat bei ihnen. «Familienleben also, obwohl ich mich nicht als Ersatzmutter sehe, eher als grosse Schwester oder als Gotti.» Dennoch: Das Kind braucht etwas Vernünftiges zu essen, will Aufmerksamkeit, muss zeitig ins Bett. Dinge, mit denen die 28-Jährige bis anhin nichts am Hut hatte. Bereut sie den Schritt? «Nein, wir haben es super zusammen, und wir sind auch ein bisschen stolz, dass wir es so gut hinbekommen. Aber manchmal denke ich schon, ich hätte es einfacher haben können.»

Sie habe lernen müssen, mit vollendeten Tatsachen zu leben. Dass es für ihren Freund zum Beispiel nichts Wichtigeres gibt als seine Tochter. «Anfangs hat mich das gekränkt, ich fühlte mich als Nummer zwei.» Inzwischen habe sie verstanden, dass die Liebe zum eigenen Kind einen anderen Stellenwert hat als die Liebe zwischen zwei erwachsenen Menschen. Auch seinen Kontakt mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin betrachtete Claudia Ruppeiner anfangs mit grosser Skepsis. «Ich war eifersüchtig, und ich befürchtete, dass er zu ihr zurückgeht.» Heute sehe sie es gelassener, zumal die Mutter des Kindes wieder einen Partner hat. «Ist ja logisch, dass sich die Eltern austauschen. Sie wollen schliesslich, dass es dem Kind gutgeht.» Eigene Kinder wollte Claudia Ruppeiner eigentlich keine. Heute kann sie sich vorstellen, mit Tobias welche zu haben. «Er ist ein toller Vater.»

Härtetest in der Pubertät
In mehr als jedem sechsten Haushalt leben solche Patchworkfamilien. Das kann eine Bereicherung sein, aber auch eine Herausforderung. Das hat auch Christian Kindlimann erfahren. Vor zwölf Jahren lernte er Manuela kennen - zehn Jahre älter, geschieden, zwei Kinder. Und obwohl er mit 26 Jahren alles andere als eine eigene Familie im Kopf hatte, sei für ihn klar gewesen: Mit dieser Frau will ich leben - und zu dieser Frau gehören der zehnjährige Stefan und die achtjährige Corinne.

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Das Quartett zog schnell zusammen und fand sich ohne gröbere Reibereien - mal abgesehen vom üblichen Knatsch ums Aufräumen und den Küchendienst. Das Paar gründete eine Umweltschutzfirma und arbeitete die ersten Jahre zu Hause. Das half, sich kennenzulernen - Christian war fast immer da, greifbar für die Kinder. Die Heirat sei den Kindern dann als logischer Schritt erschienen, erinnert sich Manuela Kindlimann: «Die beiden mochten Christian und hatten ihn längst akzeptiert.»

Der Härtetest kam mit Stefans Pubertät. «Das waren drei schlimme Jahre», sagt Manuela Kindlimann. Plötzlich hatte sie zwei «rivalisierende Männchen» zu Hause, die sich im Kräftemessen probten. Stefan opponierte und rebellierte. Christian sei nicht sein richtiger Vater und habe ihm gar nichts zu sagen, fand er. Der Jugendliche testete, wie weit er beim nur 16 Jahre älteren Stiefvater gehen konnte. Der aber merkte bald, dass er gerade wegen des geringen Altersunterschieds besser an Stefan herankam. «Ich wusste genau, wie er sich fühlte und dass es ihm stank, nicht tun und lassen zu können, was er wollte.» Christian Kindlimann setzte durch, was die Mutter wahrscheinlich nicht erlaubt hätte. Stefan durfte ausprobieren, zum Beispiel lange in den Ausgang gehen. Bedingung: Er musste die Verantwortung übernehmen für das, was er tat. Und das funktionierte.

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Sie haben ohne grössere Reibereien zusammengefunden: Christian und Manuela Kindlimann mit Dario, Stefan und Corinne


Vor viereinhalb Jahren dann ein Ereignis, das die Familie noch mehr zusammenschweisste: die Geburt von Dario. Waren die beiden grossen Kinder nicht eifersüchtig auf das Baby? «Das nicht, aber sie machten sich Sorgen», sagt Manuela Kindlimann. Es gab Komplikationen während der Schwangerschaft, sie musste mehrere Monate liegen. So hatten die Kinder ihre quirlige Mama noch nie erlebt. Aber als das Baby endlich da war, überwog die Freude. «Stefan und Corinne lieben ihr Brüderchen heiss und innig - auch wenn sie sich oft davor drücken, mal auf ihn aufzupassen.»

«Er ist mein Sohn»
Für Christian Kindlimann ist die Beziehung zu Dario eine andere als jene zu den Kindern seiner Frau. «Er ist mein Sohn, das fühlt sich anders an.» Bei den beiden Grossen habe er von Anfang an versucht, ein guter Freund, eine Bezugsperson zu sein. Den Vater konnte und wollte er nicht ersetzen. Interessant sei jedoch, dass Stefan - mittlerweile 22 und von zu Hause ausgezogen - mit den Alltagssorgen zu ihm kommt. Bei seinem leiblichen Vater hingegen sei Freizeitvergnügen angesagt.

Darauf kommt es beim Zusammenleben an

  • Nichts überstürzen: «Geben Sie Ihrem Kind genügend Zeit, sich an Ihren neuen Partner zu gewöhnen», rät Walter Noser vom Beobachter-Beratungszentrum. Vor allem grössere Kinder tun sich oft schwer und reagieren zurückhaltend, ablehnend oder gar aggressiv. Loten Sie aus, was das Kind tolerieren kann. Vielleicht reicht anfangs ein Besuch, statt gleich zu übernachten.
  • Sich beschnuppern: Familientherapeut Theodor Itten aus St. Gallen empfiehlt: «Gehen Sie nach draussen, um sich kennenzulernen.» Eis essen, Wandern, ein Zoobesuch - gemeinsame Aktivitäten eignen sich gut fürs Beschnuppern.
  • Nicht übertreiben: Der neue Partner oder die neue Partnerin sollte nicht versuchen, den Kindern Ersatzvater beziehungsweise -mutter zu sein. Seien Sie ein guter Freund. So verhindern Sie das «Böse-Stiefeltern-Image».
  • Kontakt zum Expartner: Die getrennten Eltern sollten im Interesse ihrer Kinder in Kontakt bleiben und dafür sorgen, dass die Kinder beide Elternteile regelmässig sehen.
  • Erziehungsfragen klären: Einigen Sie sich mit Ihrem neuen Partner oder Ihrer neuen Partnerin auf einen Erziehungsstil und stimmen Sie die Regeln mit den ehemaligen Partnern ab. Das ist wichtig, damit es in den eigenen vier Wänden klappt, verhindert aber auch, dass pendelnde Sprösslinge die Elternhäuser gegeneinander ausspielen.
  • Fair bleiben: Respektieren Sie die leiblichen Eltern. Sprechen Sie nicht schlecht über sie, schon gar nicht in Anwesenheit der Kinder.