Die Kindergärtnerin: Brigitta Marti, 54, seit 32 Jahren im Beruf

Quelle: Jos Schmid

Der Alltag unserer Kinder ist unruhig geworden. Das liegt unter anderem am gedrängten Terminplan. Es gibt Fünfjährige, die an manchen Wochentagen von 7 bis 19 Uhr ausser Haus sind: Morgentisch im Hort, Kindergarten, Mittagstisch im Hort, Freund besuchen, Musikunterricht, Sportklub. Kaum haben die Kinder sich auf eine Situation eingelassen, müssen sie schon wieder weiter. Aber die Phantasie braucht Ruhe und Leerlauf, sonst kann sie sich nicht entfalten. Früher konnten sich die Kleinen stundenlang in ein Spiel vertiefen. Heute haben sie weniger Geduld, springen vom einen zum Nächsten. Damit sie dranbleiben, muss ich dabei sein, sie anleiten. Man merkt am Spielverhalten, ob ein Kind oft Computergames spielt. Es spielt die Szenen nach, was ja kein Problem ist, aber es kommt über Rumballern und Leute-Abknallen nicht hinaus.

Wir müssen aufpassen, unseren Kindern nicht zu viel zuzumuten. Ich beobachte in der Gesellschaft eine Tendenz, Kinder wie Erwachsene zu behandeln. Zum Beispiel die Mutter, die ihr Kind bei mir abholt: «Komm, Lena, lass uns gehen.» Aber Lena reagiert nicht. «Weisst du, wir sollten noch einkaufen gehen.» So geht das hin und her. Viele Erwachsene scheuen sich davor, bestimmt aufzutreten und zu führen. Warum eigentlich? Sie kommen mit Argumenten, wollen diskutieren. Aber Kinder wollen gesagt bekommen, was zu tun ist.

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Die Kleinen argumentieren gut

Dass unsere Kinder es mit vielen verschiedenen Betreuungspersonen zu tun haben, dass wir mit unseren Kindern einen partnerschaftlichen Umgang pflegen – das hat auch positive Seiten. Die Kleinen sind heute nämlich argumentativ äusserst stark. Sie erfassen schnell eine Situation, können sehr gut verhandeln und sich differenziert ausdrücken. Und wenn ich im Kindergarten eine Anweisung gebe, sind sie fähig, ganz genau nachzufragen. Das war früher nicht so.

Die Ärztin: Angelika, 46, Allgemeinmedizinerin, seit 20 Jahren im Beruf

Quelle: Jos Schmid
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Die Kinder von heute stehen unter permanenter Beobachtung und hohem Erwartungsdruck. Eltern und Pädagogen möchten alles unter Kontrolle haben, ja nichts falsch machen oder verpassen. Sie fürchten, die Kinder könnten den Anschluss verpassen, nicht die erforderte Leistung bringen oder spezielle Förderung benötigen. In meiner Praxis haben die entwicklungs- und leistungsorientierten Abklärungen und neuropsychologischen Tests deutlich zugenommen.

Die Problematik der unruhigen, konzentrationsschwachen Kinder scheint zuzunehmen. Kinder sind häufig schon durch einen eher hektischen Alltag herausgefordert, der geprägt ist von täglichen Orts- und Betreuerwechseln mit zu vielen organisierten Angeboten. Es bleibt wenig Musse zum freien Spielen. Das kann zu aggressivem, tyrannischem oder sich verweigerndem Verhalten führen.

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Eine fast geschwisterliche Fürsorge

Trotz allem habe ich den Eindruck, dass die Kinder und Jugendlichen gut zurechtkommen. Mir fällt ihre Offenheit auf, sie sind weniger scheu und zurückhaltend als früher. Auch untereinander sind sie weniger reserviert. Jugendliche sind heute Meister darin, bei jemandem zu Hause zusammen zu sein, gemütlich und stressfrei, ohne irgendetwas vorzuhaben. Es kann fast eine geschwisterliche Intimität, Fürsorge zwischen ihnen herrschen, das finde ich positiv. Sie setzen damit ihrem oft von den Erwachsenen durchorganisierten Alltag etwas entgegen. Es ist wohl ihre Antwort auf den Erwartungsdruck und das Überangebot an Unterhaltung. Es gelingt ihnen, sich eigene Freiräume zu schaffen. Das ist auch eine grosse Leistung.

Der Polizist: Martin Stocker, 51, führt Projekte zur Gewaltprävention und Troubleshootings an Schulen durch

Quelle: Jos Schmid
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Unseren Kindern geht es grundsätzlich gut. Nur dass einige in unserer Gesellschaft einfach vergessen gehen. Heute zählt vor allem Höchstleistung, sogar für eine Schnupperlehre muss man eine Aufnahmeprüfung machen. Es gibt viele, die da nicht mithalten, durchs Netz fallen. Früher fanden die meisten ihren Platz, weil man ihnen Zeit liess. Wer heute mit 16 nicht den Sprung in die Berufswelt schafft, hat seine Chance bereits vertan.

Manchmal tun mir die Kinder und Jugendlichen leid. Wir leben in einer anonymisierten Gesellschaft. Wenn früher ein 13-Jähriger mit Wodkaflasche und Zigarette durch die Gegend lief, dann wurde er angesprochen und zusammengestaucht. Und der Nachbar erzählte es dem Vater weiter. Heute ist ein trinkendes Kind vielen einfach egal. Dass die soziale Kontrolle abgenommen hat im Vergleich zu früher, hat sicher sein Gutes. Aber damit hat eben auch die gegenseitige Fürsorge abgenommen.

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Keine verbindlichen Wertesysteme mehr

Man kann nicht verallgemeinern, aber ich mache die Erfahrung, dass unseren Kindern zunehmend der zwischenmenschliche Kontakt fehlt. Das direkte Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Ich möchte E-Mail, SMS, Chat, Blogs, Computerspiele und all das überhaupt nicht verteufeln. Aber es braucht einen Ausgleich zu dieser virtuellen Welt, und den gibt es in vielen Familien nicht mehr. Es finden kaum noch Gespräche, Diskussionen unter den Familienmitgliedern statt. Weil es oft keine gemeinsamen Mittag- und Abendessen mehr gibt, wo alle zusammen am Tisch sitzen. Man kann es Verwahrlosung nennen. Ich spreche lieber von Massstäben, von verbindlichen Wertesystemen, die den Kindern heute fehlen. Das hat negative Folgen. Die Kinder und Jugendlichen haben Mühe, sich mitzuteilen – das fällt mir bei meinen Schulbesuchen auf. Sie sind weniger konfliktfähig, weil sie nicht gelernt haben, die eigenen Grenzen und jene der anderen wahrzunehmen.

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Die Jungen verlernen die zwischenmenschliche Kommunikation. Aber Kommunikation ist so wichtig, das halbe Leben besteht aus Kommunikation. Wenn die Jungen die nicht beherrschen, wirkt sich das auf ihre gesamte Zukunft aus. Wie soll jemand, der nicht gelernt hat, sich auszudrücken, in einem Bewerbungsgespräch denn bestehen?

Der Jugend- und Sportleiter: Georg Flepp, 49, leitet als Bergführer Bergsteiger- und Kletterlager

Quelle: Jos Schmid

Kinder sind Kinder, das ist heute nicht anders als früher. Das dürfen wir nicht vergessen, auch wenn sie sich heute schon sehr erwachsen geben. Sie kommen mit einem Ausdruck von Überlegenheit in meine Bergsteigerkurse. Wenn ich mich davon täuschen liesse, könnte das gefährlich werden, gerade in den Bergen. Die vermeintliche Überlegenheit beruht nicht auf Lebenserfahrung. Es hat eher damit zu tun, dass sogar die Jüngsten dank dem Internet Zugang zu sehr viel Wissen haben. Früher wirkten die Kinder spielerischer, heute versteckt sich das Spielerische hinter einer Fassade, die es aufzubrechen gilt.

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Plötzlich gehts auch ohne Handy

Es heisst immer, Stadtkinder seien ohne Computer und Fernsehen schnell gelangweilt. Aber die Neugier auf die Natur ist riesig. Sicher, es braucht eine gewisse Anlaufzeit. Viele, die in meine Kurse kommen, haben am ersten Tag das Gefühl, so ohne Handy ginge überhaupt nichts. Aber mit der Zeit, wenn sie sich dran gewöhnt haben, machen sie auf. Dann sind sie von kleinsten Dingen völlig fasziniert. Zum Beispiel vom Glitzern der Kristalle im Granitfelsen. Sie können einen ganzen Nachmittag lang mit dem Hammer nach Kristallen suchen, ohne dass ihnen langweilig wird. In ihrem Alltag gibt es für die Kinder so viel Ablenkung. In den Bergen ist das zum Glück anders. Und ich beobachte, wie die Kinder das geniessen, diese Ruhe.

Der Lehrer: Res Seiler, 57, seit 38 Jahren im Beruf, unterrichtet 5. und 6. Klasse

Quelle: Jos Schmid
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Vor 30 Jahren war eine Schulklasse eine homogene Gruppe. Wie sich die Kinder fühlten, das war irgendwie einheitlich. Heute geht es den Kindern von sehr gut bis sehr schlecht, es gibt alle Schattierungen. Die Schere zwischen den Extremen hat sich in den letzten Jahren immer weiter geöffnet. Das eine Extrem bilden die Kinder, denen es fast schon zu gut geht. Die leben in einem permanenten Hochgefühl, sind völlig überdreht. Zum anderen Pol gehören die, die aus schwierigen, tragischen Verhältnissen kommen.

Die Kinder brauchen eine halbe Sensation

Meine Schüler sind im Verlauf der Jahrzehnte ernster geworden. Weil sie sich mit erwachsenen Themen auseinandersetzen müssen: Armut, Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe. Und wenn sie davon nicht direkt betroffen sind, dann hat doch jeder mindestens einen Kameraden, der aus einem Kriegsgebiet flüchten musste. Für eine Umfrage wollten wir einmal von den Schülern wissen, was ihnen im Leben am wichtigsten ist. Die Mehrheit kreuzte «Gesundheit» an. Da spürt man diesen Ernst. Früher hätten sie «viel Geld» oder «eine Villa» gewählt.

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Die Kinder sind heute weniger schnell bereit, bei irgendetwas mitzumachen, das fällt mir auf. Man muss sie dazu überreden, es braucht eine halbe Sensation. Ich sehe darin kein Problem. Die Kinder sind einfach auch ehrlicher. Das heisst, sie dürfen ehrlich sein. Als ich noch ein Kind war, mussten wir gehorchen, wir mussten unsere natürlichen Reaktionen oft unterdrücken und zu allem, was von einem Erwachsenen kam, ja und amen sagen. Früher durfte doch kein Kind sagen: «Dieser Mist interessiert mich nicht.» Heute sagen sie ihre Meinung, sie sind mündiger.

Noch etwas hat sich verbessert: Früher litten die Kinder im Stillen, im Versteckten. Heute ist man versucht, zu sagen, Kinder hatten damals noch eine Leichtigkeit in sich, hatten noch nicht so viele Probleme. Aber das stimmt so eben nicht. Früher bestand ein sozialer Druck, man getraute sich oft nicht, über das Leiden, über Probleme zu sprechen. Heute, dank der Sozialarbeit an den Schulen, ist das anders. Wenn ein Kind Sorgen hat und zur Sozialarbeiterin geht, wird es von den anderen weniger ausgelacht. Es ist selbstverständlich geworden, über Probleme zu sprechen.

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Die Theaterpädagogin: Eva Kirchberg Hebing, 51, macht seit über 20 Jahren Theater mit Kindern und Jugendlichen

Quelle: Jos Schmid

Die Kinder heute sind selbstbewusster. Sie denken mit, fordern. Das hängt wohl damit zusammen, dass sie heute bei vielen Sachen mitentscheiden müssen. Sie werden ernster genommen. Es wird mehr Eigeninitiative von ihnen verlangt. Ich finde diese Entwicklung eigentlich gut.

Die Kinder sind der Spiegel von uns Erwachsenen. Wenn es zum Beispiel mit einer Probe nicht so gut läuft, liegt das meist daran, dass ich selbst unsicher bin, in welche Richtung es gehen soll. Diese Unsicherheit färbt dann auf die Kinder ab. Ich will damit nur sagen, dass es sehr viel mit uns Erwachsenen zu tun hat, wie es den Kindern geht. Wie Kinder uns begegnen. Wenn sie uns gestresst vorkommen, hat es auch damit zu tun, dass wir selbst gestresst sind angesichts der Angebotsvielfalt und Informationsflut um uns herum.

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Es ist schwierig für mich, zu sagen, worin die Kinder sich genau verändert haben. Die Lust am Theaterspiel ist jedenfalls genauso gross wie vor 20 Jahren. Wenn es sie erst mal gepackt hat, sprudeln die Kinder über vor Energie und Phantasie. Die Bilderwelt, aus der die Phantasie gespeist wird, hat sich sicher verändert. Früher waren das Märchen, Filme oder Comics, heute sind es auch Computerspiele. Das Theater widerspiegelt die Zeit.

Computerspiele müssen nicht negativ sein

Letztes Jahr haben wir – die Junge Bühne Bern – mit Jugendlichen ein Stück aufgeführt, bei dem die Figuren Teil eines Computerspiels waren. Games haben oft ein schlechtes Image: Sie würden die kindliche Phantasie negativ beeinflussen. Ich mache auch die gegenteilige Erfahrung: Die Kinder entwickeln aus den Computerspielen die witzigsten Geschichten. Erwachsene haben oft eine einseitige Vorstellung von den Games. Solche Spiele basieren zum Beispiel auch auf Märchen oder historischen Stoffen. Natürlich gibt es massenhaft Gewaltspiele, und die lehne ich deutlich ab. Wichtig ist, dass wir Erwachsenen hinschauen und eine klare Haltung äussern. Vielleicht ist es gerade deshalb wertvoll, heute mit Theater, Musik und Kunst die mediale Welt zu verarbeiten.

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