Familienleben und Beruf zu ver­einbaren ist in vielen europäischen Ländern einfacher als in der Schweiz. Das dürfte zwar vielen Kinderlosen relativ egal sein. Doch für erwerbstätige Eltern von Kleinkindern wird deren Betreuung schnell zum Problem, sobald man die Anforderungen des Berufs mit den Öffnungszeiten und Betriebsferien der Krippe in Einklang bringen muss. Im Kindergarten- und Schulalter wird es auch nicht einfacher, wenn das Angebot zu einer Uhrzeit endet, wo einen kaum ein Chef gehen lassen würde. Und wie organisiert man sich während 13 langer Wochen Schulferien?

Früher löste man das mit dem Modell von Ernährer und Hausfrau. Heute ist es weitgehend ersetzt durch das «modernisiert bürgerliche Modell», wie es im Fachjargon heisst. Der Mann arbeitet Vollzeit (oder etwas weniger) und die Frau Teilzeit. Die Vorteile gegenüber früher: Frauen verdienen ihr eigenes Geld und bleiben im Beruf. Die Nachteile: ein durchorganisierter und stressiger Alltag, oft hohe Kosten für die externe Betreuung und eine höhere Steuerprogression für Verheiratete.

Matthias Pflume, stv. Chefredaktor.

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«Eine familienkompatible Arbeitswelt ist keine Privatsache.»

Matthias Pflume

Warum machen wirs nicht besser?

Da träumt man gern von skandinavischen Verhältnissen, von genügend und bezahl­baren Krippenplätzen, von ernst zu nehmenden Vaterschaftsurlauben, von familienfreundlichen Arbeitszeiten. Wieso geht das eigentlich nicht in der reichen Schweiz? Weil wir das gar nicht wollen, so das Fazit von Birthe Homann, Tanja Polli und Conny Schmid in unserer Titelgeschichte «Das Märchen von der Vereinbarkeit». Für Frauen ist es hierzulande immer noch schier unmöglich, mit Kindern Karriere zu machen. Schuld daran ist ein fest verankertes traditionelles Mutterbild.

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Für die Politik war Kinderbetreuung deshalb lange kaum ein Thema. Auch wenn Hunderttausende Frauen nach der Geburt zu Hause bleiben oder nur noch sehr reduziert berufstätig sind, schien dies kein Problem – der Bedarf an Arbeitskräften wurde einfach im Ausland gedeckt. Dabei dürfte sich der Mangel an Fachkräften nur schon wegen der Pensionierungswelle der Babyboomer noch weiter verschärfen.

Wirtschaft schielt aufs Potenzial der Frauen

Seit der Masseneinwanderungsinitiative verstärken Politik und Wirtschaft ihre Bemühungen, das Potenzial der einheimischen Frauen stärker zu nutzen. Auch Bürgerlichen dämmert nun, dass eine familienkompatible Arbeitswelt keine Privatsache ist. Skandi­navische Verhältnisse sind aber deshalb nicht zu erwarten. Gerade erst musste der Dachverband der Frauenorganisationen Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann daran erinnern, bei seiner sogenannten Fachkräfteinitiative nicht nur mit Arbeitgebern und Gewerkschaften zu reden, sondern auch mit denen, die nun ihre Pensen aufstocken sollen: den Frauen.

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Der neue Beobachter

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