Beobachter: Frau Uebersax, Sie gelten als das neue familienpolitische Aushängeschild der SVP. Warum sind Sie gegen Elternzeit und Vaterschaftsurlaub? Sehen Sie darin einen Angriff auf die traditionelle Familie?
Judith Uebersax: Nein. Von mir aus können beide Eltern 100 Prozent arbeiten, solange das Kind nicht darunter leidet, die Familie ihr Modell eigenverantwortlich organisiert und – wichtig – auch selber finanziert. Ich sehe die Elternzeit daher eher als Wunschdenken: Es wäre doch schön, Papi könnte nach der Geburt zu Hause bleiben. Klar wäre das schön. Aber wer bezahlt das?

Beobachter: Laut der Eidgenössischen Koordinations­kommission für Familienfragen (EKFF) wären für Elternzeit und Vaterschaftsurlaub zusätzliche 0,4 Lohnprozente nötig. Für einen Arbeitnehmer mit 5000 Franken Lohn wären das monatlich zehn Franken.
Uebersax: Das hört man immer: Es kostet ja nur zwei Café crème. Aber unter dem Strich bleibt den Leuten immer weniger zum Leben.

Beobachter: Die Ausgaben für Familien in der Schweiz liegen weit unter dem europäischen Durchschnitt.
Uebersax: Der Staat ist da, um die Schwächsten zu unterstützen. Aber nicht, um Phantasiemodelle zu realisieren, die mehr schaden als nützen. Oder schlimmer noch: die dahin führen, dass Eltern, die ihren Verpflichtungen eigenverantwortlich nachkommen, zuletzt noch schlechter dastehen als die, die immer gleich nach Vater Staat rufen.

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Beobachter: Die meisten Väter bekommen nach der Geburt zwei Tage frei. Gleich lang wie bei einem Wohnungsumzug. Ist das nicht stossend?
Uebersax: Nein. In der Regel ist es doch so, dass Väter zwei Wochen Ferien beziehen. Und ich habe noch von keinem gehört, die Geburt seines Kindes sei ihm das nicht wert gewesen.

Beobachter: Aber die EKFF will Eltern nicht einfach ein paar nette Urlaubstage schenken. Hinter dem vor­geschlagenen Modell stecken entwicklungspsychologische, gleichstellungspolitische und ökonomische Überlegungen.
Uebersax: Elternzeit fördert nur Bequemlichkeit – auf Kosten der Firmen. Ein Kleinbetrieb kann es sich nicht leisten, dass einer für 20 Wochen in den Vaterschaftsurlaub geht.

Beobachter: Heute scheut sich ein Chef einfach, eine kinderlose Frau um die 30 einzustellen.
Uebersax: Stimmt. Deshalb haben sich die Frauen mit der Mutterschaftsversicherung auch keinen Gefallen getan.

Beobachter: Die SVP wirft Eltern gern Verantwortungs­losigkeit vor, wenn sie ihre Kinder gleich in die Krippe geben. Dabei sind viele Paare auf zwei Einkommen angewiesen. Dank Elternzeit könnten sie sich besser um die Kinder kümmern.
Uebersax: Sind wirklich so viele Eltern auf zwei Löhne angewiesen, oder wollen sie einfach nicht auf ihren alten Lebensstandard verzichten?

Beobachter: Sie haben gut reden. Ihr Mann hat einen Kaderjob.
Uebersax: Deshalb können wir uns auch drei Kinder leisten. Eine andere Familie kann das vielleicht nicht und muss sagen: Ein Kind, mehr liegt leider nicht drin.

Beobachter: Sie sind vielleicht eine tolle Mutter, mit Zeit und Engagement. Aber das kann man nicht von allen Eltern sagen. Viele Kinder würden von mehr ausserfamiliärer Betreuung profitieren.
Uebersax: Ich meine, dass man Eltern, die ihre Erziehungs- und Betreuungspflicht nicht wahrnehmen, stärker in die Verantwortung nehmen müsste. Doch niemand hält den Finger drauf. Stattdessen sagt man: «Wenn ihr nicht zu euren Kindern schaut, dann tun es eben wir.» Doch damit nimmt man ihnen die Verantwortung gerade ab.

Beobachter: Sie haben einen KV-Abschluss und Diplome im Sack, sind jetzt aber Hausfrau und nebenbei ehrenamtlich tätig. Glauben Sie nicht, dass Ihr Potential auch in der Wirtschaft gefragt wäre?
Uebersax: Ich hoffe doch. Hier sollte man auch stärkere Forderungen an die Wirtschaft stellen.

Beobachter: Aber Sie selber propagieren doch die These: «Entweder Kind oder Karriere»?
Uebersax: Überhaupt nicht. Ich fordere, dass es möglich sein sollte, seine Kinder vier, fünf Jahre ins Leben hineinzubegleiten und dann wieder einzusteigen im Job. Schliesslich «verblödet» eine Frau nicht, wenn sie sich um Familie und Haushalt kümmert.

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Beobachter: Ein Wiedereinstieg klappt nur, wenn die Schulen entsprechende Tagesstrukturen anbieten.
Uebersax: Das stimmt. Und da sind in Zukunft sicherlich auch neue Modelle gefragt. Wobei die Frage bleibt: Wer profitiert, wer zahlt?

Beobachter: Sie sind also auch der Meinung, dass der Respekt und der Stellenwert der Familie in der Schweiz zuweilen zu wünschen übriglassen.
Uebersax: Durchaus. Aber eine familienfreundlichere Gesellschaft schafft man nicht per Gesetz. So etwas muss wachsen.

Beobachter: Doch im Vaterschaftsurlaub könnten Männer erfahren: Haushalt und Erziehung sind ein verantwortungsvoller Job wie jeder andere.
Uebersax: Ein paar Wochen Vaterschaftsurlaub machen einen Mann weder zu einem besseren Vater noch zu einem besseren Ehemann.