Aufgezeichnet von Susanne Loacker

Ich kann es noch nicht fassen. Es war Samstag, die Kinder hatten frei. Sie hätten ihre Familien besuchen, sich mit Freunden treffen können, wie so oft am Wochenende. Doch am Samstag, als die Erde bebte, waren sie alle im Speisesaal und beteten.

In Nepal sind Erdbeben eine allgegenwärtige Bedrohung, die man im Alltag verdrängt. Ich organisiere deshalb regelmässige Trainings für die Kinder, damit sie im Notfall wissen, was zu tun ist. Und genau das taten sie: Sie rannten alle sofort ins Freie, auf ein offenes Stück Land auf der anderen Strassenseite. Dieses Stück Land haben wir vor ein paar Jahren gekauft. Ich war ungeduldig, wollte mit dem Aushub anfangen, doch jetzt hat uns die Brache gerettet.

Im Kinderhaus ist es nicht mehr sicher

Im Moment können die Kinder dort leben und unter freiem Himmel schlafen. Die Situation bleibt gefährlich, es können jederzeit weitere Häuser einstürzen. Bereits in den Wochen vor dem Beben gab es immer wieder kleine Erschütterungen. Einmal lag ich frühmorgens wach im Bett, als es schüttelte. Vier Tage vor dem grossen Beben habe ich Nepal verlassen.

Bijay, der selber im Kinderhaus lebte und es heute leitet, hat goldrichtig reagiert. Nach dem Beben schrieb er mir sofort eine SMS, die so begann: «All the children are safe» («Alle Kinder sind sicher»). Wenn ich zuerst vom Beben gelesen hätte, wäre die Ungewissheit nicht zu ertragen gewesen.

In genau dieser Unsicherheit leben meine Kinder im Moment. Die grösseren drängen darauf, in ihre Dörfer zu gehen, um zu erfahren, ob Eltern, Geschwister und Cousins noch leben. Bijay hat versprochen, dass er die Kinder im Moment nicht gehen lässt. Wir verstehen sie, aber eine Rückkehr zum jetzigen Zeitpunkt wäre extrem gefährlich. Wir suchen nun Freiwillige, die die Kinder in ihre Dörfer begleiten und gleichzeitig Zelte, Wasser und medizinische Erstversorgung bringen.

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Geld ist das Einzige, was jetzt hilft

Zuerst haderte ich damit, dass ich nicht vor Ort war. Ich wäre ins nächstbeste Flugzeug gestiegen, wenn es Flüge gegeben hätte. Doch mit der Zeit realisierte ich, dass ich den Kindern und den Erdbebenopfern mehr nütze, wenn ich von hier aus den Einsatz und die Spendensammlung organisiere. Geld ist in diesem Moment das Einzige, was uns unmittelbar hilft. Die Regierung ist so korrupt, dass Hilfsgüter abgefangen werden. Wenn wir hingegen Geld haben, können wir direkt zu den Leuten gehen und sie vor Ort mit dem Nötigsten versorgen.

Ich weiss herzlich wenig über die wohlhabenden Nepalesen, aber ich kenne die Armen, die Bettler, die Leprakranken und meine Kinder. Es ist unglaublich, wie diese Menschen mit so einer Katastrophe umgehen: In den ersten zwei Tagen habe ich mit jedem einzelnen der 57 Kinder gesprochen, wenn es gerade eine Skype- oder Handy-Verbindung gab. Praktisch alle sagten als ersten Satz: «Hi, mom, how are you?» Ich konnte fast nicht reden. Niemand sagte: «Mir geht es schlecht, ich habe Probleme.» Meine Kinder kommen oft traumatisiert zu mir. Sie wissen schon mit sechs oder sieben, was Leiden ist. Jetzt helfen sie anderen, sind dabei, Strassenküchen auf die Beine zu stellen, Zelte zu sammeln, tonnenweise Nahrungsmittel aufzukaufen. Wir haben so ein unglaubliches Glück gehabt, das muss abverdient werden. Ich bin eine Jewbu, eine jüdische Buddhistin – ich wuchs in einem traditionell zionistischen Elternhaus auf, versuche aber, als Buddhistin zu leben. Ich wünsche auch meinen Kindern, dass sie akzeptieren können, was nicht zu ändern ist.

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«Wir haben so ein unglaubliches Glück gehabt, das muss abverdient werden.»

Lea Wyler

Wir werden auch dann noch in Nepal sein, wenn andere Hilfsorganisationen wieder weg sind, wenn die Ärzte ausgeflogen sind, weil irgendwo auf der Welt etwas anderes Schreckliches passiert. Ich habe das Glück, dass meine Eltern zu Lebzeiten dafür gesorgt haben, dass ich das machen kann, was ich machen möchte. Wenn ich etwas auf der Welt ändern könnte, würde ich Achtlosigkeit, Egozentrik verbannen. Natürlich bin ich auch so. Ich will ein warmes Bett, einen guten Kaffee. Aber wenn so etwas Schreckliches passiert wie jetzt in Nepal, dann tritt alles andere in den Hintergrund. Deshalb sind solche Katastrophen auch Chancen. Die Frage ist, ob wir sie nutzen.

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«Ich darf nicht hadern»

Wahrscheinlich versiegt das Mitgefühl bald wieder. Ich versuche, die momentane Zuwendung zu nutzen und nicht damit zu hadern, dass diese nicht ewig anhalten wird. Ich darf mich auch nicht daran aufreiben, dass es Menschen gibt, die im Geld schwimmen, aber auf ihre eigene unsichere Altersvorsorge hinweisen und anderen nichts geben wollen. Allerdings habe ich nach 30 Jahren Hilfswerks-Engagement kaum noch solche Leute in meinem Bekanntenkreis.   

  • Weitere Infos zu Lea Wylers Kinderhilfswerk gibts unter www.rokpa.org.