«Mayonnaise oder Ketchup?», fragt die Erzieherin in Ausbildung den Buben im Hochstuhl. Mit dem Finger deutet der Eineinhalbjährige auf die rote Flasche. Die Lehrtochter presst daraufhin so viel Sauce heraus, dass diese sich auf dem panierten Goldbuttfilet kringelt. Fasziniert verlangt nun das drei Jahre alte Gspäändli, das neben ihm am Mittagstisch der Kinderkrippe Malters die Szene mitverfolgt hat, ebenfalls nach der roten Flasche mit dem Ketchup.

In der Küche der kleinen Kindertagesstätte in Malters LU wandern die Mayonnaisetube und die Ketchupflasche von einer Hand zur anderen. Zwei Erzieherinnen und zwei Praktikantinnen versorgen die neun Kleinkinder, die dichtgedrängt am Tisch sitzen, unbekümmert mit der fetten oder der süssen Sauce und achten darauf, dass die Kleinen ihren mit Fisch, Reis, Gemüse und Salat gefüllten Teller leeren.

Die Kinderkrippe Malters ist eine von 79 Kindertagesstätten in der Deutschschweiz, die sich an der Umfrage des Beobachters beteiligt haben: Was essen Kinder, die aus dem «Breili»-Alter herausgewachsen sind, in der Krippe? Unterstützt wurde die Umfrage vom Verband Kindertagesstätten der Schweiz.

Die süssen Verlockungen
Der Verband verpflichtet zwar die 580 registrierten Kindertagesstätten, ihre Schützlinge gesund zu ernähren. Trotzdem gibt es nicht überall ein optimales Angebot, wie die beim Beobachter eingegangenen Menüpläne zeigen: Fettige Nahrungsmittel wie Chicken Nuggets, Pommes frites oder Fischstäbchen werden bedenkenlos in Krippenpfannen frittiert und Süsses wie Kuchen, Schokoladeaufstrich und gezuckerte Früchtejoghurts nicht nur an Geburtstagen aufgetischt.

In Malters zauberte die Lehrtochter innerhalb einer Stunde eigentlich ein vorbildliches Menü auf den Tisch: «Gemüse-Reis-Pfanne mit Fisch und Salat». Doch: «Mayonnaise und Ketchup sind Lebensmittel, die in einer Kinderkrippe überflüssig sind, da es gesündere Alternativen wie Quarkdips und Joghurtsauce gibt», sagt Marion Wäfler, Ernährungsberaterin der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) in Bern. Mayonnaise enthält viel Fett, Ketchup viel Zucker. «Als Kind prägen sich Ernährungsgewohnheiten aus, die sich als Erwachsener kaum mehr ändern lassen», sagt Wäfler. «Deshalb ist die Ernährungserziehung im Krippenalter wichtig.»

Bereits über 50'000 Kinder verschlingen ihren Znüni, Zmittag und Zvieri in Schweizer Kindertagesstätten. Diese Institutionen beeinflussen immer mehr das Ernährungsverhalten der Kleinen. Und dieses bekommt in der Schweiz keine guten Noten. Wie eine nationale Untersuchung im Jahr 2004 ergab, sind fast 36 Prozent der sechs- bis zwölfjährigen Kinder übergewichtig und knapp vier Prozent fettsüchtig.

Was auf den Krippentisch kommt, bestimmen oft keine Experten für Kleinkinderernährung. In zehn Prozent der befragten Kindertagesstätten kochen die Erzieherinnen selber. Mehr als die Hälfte engagiert Köchinnen oder Köche, die aber nicht in jedem Fall dafür ausgebildet sind, und knapp ein Drittel bezieht das Essen von einem Zulieferer, der auf Erwachsenenkost ausgerichtet ist, wie etwa einem Restaurant, der Grossküche eines Spitals oder Altersheims.

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Kochen hat keine Priorität
Die Qualität des Essens ist nicht zuletzt abhängig von der Qualität der Rohwaren. Wie unterschiedlich die Krippen einkaufen, zeigt die Beobachter-Umfrage. Einige füllen ihren Kühlschrank und Tiefkühler mit Billigware. In Malters lautet die Devise beim Einkauf beispielsweise: möglichst Budget-Produkte aus der Migros, Prix-Garantie-Waren aus dem Coop und bei Aktionen zugreifen. Brot, Gemüse, Früchte, Fleisch und Fertigprodukte wie Pizza und Pommes frites liefert die Spendenorganisation «Luzerner-Tafel» der Krippe zweimal pro Woche gratis.

Während sich alle Krippen zumindest Mühe geben, das Menü saisonal abzustimmen und abwechslungsreich zu kochen, verwenden die wenigsten ausschliesslich Bioprodukte, da sie zu teuer sind. Immerhin jede zweite Krippe greift hie und da ins Bioregal oder gibt einzelnen Bioprodukten wie Brotmehl und Bouillon ohne Konservierungsstoffe den Vorzug.

Statt Biowaren kaufen mehr als drei Viertel der befragten Krippen immer wieder teure Fertigprodukte. In Stresszeiten oder bei Personalmangel hat das Kochen wenig Priorität. Dann wird mancherorts eine Pizza in den Ofen geschoben, eine Büchse Ravioli geöffnet oder werden Tortellini mit Reibkäse und Fertigsalat geschöpft. Fertigprodukte sind Einstellungssache. Von einigen verteufelt, von anderen geliebt. Fakt ist: Sie sind hochverarbeitet und enthalten Zusatzstoffe, die gesetzlich zugelassen sind,
obwohl etwa die Hälfte dieser 300 Substanzen hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Gesundheit unter Forschern umstritten ist.

«Wichtig ist eine gute Balance zwischen Fertig- und naturbelassenen Produkten. Wer eine Pizza auftischt, sollte dazu unbedingt Gemüse servieren», sagt Wäfler von der SGE. «Chicken Nuggets und Pommes frites braucht es jedoch nicht in einer Krippe. Wir sollten Kinder nicht zu früh an Hochverarbeitetes gewöhnen.»

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Es fehlen Konzepte und Kontrollen
In der Schweiz gibt es keine nationale Studie zur Ernährungssituation in Kindertagesstätten. Immerhin hat eine Diplomandin der Schule für Ernährungsberatung Zürich im Jahr 2006 untersucht, woran es vier- bis sechsjährigen Kindern in Zürcher Krippen mangelt: an Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Fisch, Milch und Milchprodukten. Dafür wird zu oft Sonnenblumenöl statt gesünderen Raps- oder Olivenöls verwendet, und es gibt zu oft Fleisch und Würste.

Unausgewogen ernährte Kinder können unkonzentriert, müde oder launisch sein. Einzelne Krippen nehmen sich neuerdings in die Pflicht und lassen sich von Ernährungsberatern begleiten, da allgemeingültige Konzepte für Qualitätsstandards fehlen und die Küchentöpfe in Krippen nicht kontrolliert werden.

Die SGE empfiehlt bei der Ernährung von Kindern folgende Richtlinien:

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  1. sparsam: fett- und zuckerreiche Lebensmittel (Speisefette, Süsswaren, Knabberartikel);
  2. mässig: tierische Lebensmittel (Milch, Milchprodukte, Fleisch, Eier, Wurst, Fisch);
  3. reichlich: Getränke (Wasser, ungesüsster Kräuter- und Früchtetee) und pflanzliche Lebensmittel (Gemüse, Obst, Reis, Teigwaren, Kartoffeln).

Viele Eltern sind vor allem darum besorgt, dass ihre Kinder satt werden. Was die Tochter oder der Sohn während des Tages tatsächlich gegessen hat, wissen die wenigsten, obwohl in jeder Krippe ein Menüplan hängt. Die Eltern sollten die Leiterinnen jedoch fragen, welche Lebensmittel an einem Tag eventuell zu kurz kamen, um die daheim zubereiteten Mahlzeiten entsprechend zu ergänzen.

In der Kinderkrippe Malters haben die Kleinen alle Teller und Pfannen geleert. Müde, aber satt und selig hängen die Knirpse in ihren Hochstühlen. Nur die Schüssel mit dem Gartensalat steht fast unberührt auf dem Tisch. Diesmal hat auch die von den Erzieherinnen selber zubereitete Sauce aus Sonnenblumenöl, Essig, Milch und Mayonnaise die Kinder nicht verführen können.

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