Stellen Sie sich vor: Abends kommt Ihr Mann nach Hause, eröffnet Ihnen freudig, dass er jetzt eine Geliebte habe – und die werde in ein paar Monaten bei Ihnen einziehen. Zum Abschluss meint er noch: «Ich tue das nur für dich.» Sie sollen sich also gefälligst auf Ihre Nebenbuhlerin freuen.

So oder ähnlich muss sich ein Kind fühlen, wenn ihm seine Eltern offenbaren, dass sie ihm bald ein «Geschwisterchen schenken» werden. Dachte es bisher, es sei das Zentrum des Universums, steht nun plötzlich Konkurrenz ins Haus. Kein Wunder, reagieren die Kleinen oft eifersüchtig, wenn ihre Mutter schwanger wird, werden etwa in der Spielgruppe plötzlich aggressiv. «Im Extremfall schlagen sie sogar auf den Bauch der Mutter ein oder auf das Geschwisterchen, wenn es dann da ist», sagt die langjährige Spielgruppenleiterin Angela Werner. «Statt das Erstgeborene behutsam auf die neue Situation vorzubereiten, machen viele Eltern ein riesiges Theater um den wachsenden Bauch. Und vergessen dabei, dass für ihr Erstgeborenes das neue Baby mehr Bedrohung als Lichtblick ist», erklärt sie.

Die Spielgruppenleiterin reagierte und lancierte am Spital Uster vor gut vier Jahren den ersten Geschwisterkurs der Schweiz. Heute bieten zahlreiche andere Spitäler ähnliche Kurse an. Erstgeborene sollen dort nicht nur den Umgang mit einem Neu­geborenen lernen, wie man es badet und anzieht. Sondern auch, wie es im Bauch der Mutter entsteht, wie es auf die Welt kommt und was sie selber tun können, um die
Eltern zu unterstützen. «Und sie sollen verstehen lernen, dass Mama und Papa ein zweites Kind wollen, nicht weil es allein zu wenig wäre, sondern im Gegenteil: damit es nicht mehr allein ist und einen Spiel­gefähr­ten bekommt», so Werner. Zudem lernen die Kinder im Kurs andere Kinder kennen, die ebenfalls ein Geschwisterchen bekommen. «Das allein hilft schon viel.»

An diesem trüben Samstagmorgen sind es knapp ein Dutzend Kinder, die im Phy­sio­therapieraum des Spitals Uster Bekanntschaft mit dem unbekannten Wesen im Bauch ihrer Mutter machen sollen. Eine davon ist die fünfjährige Lina – die Expertin im Kurs. «Seit vier Monaten macht sie nichts anderes mehr als Kinder- und Ratgeber­bücher studieren», erzählt ihr Vater Urs ­Ryffel. Und so gibt es kaum eine Frage, die Angela Werner oder ihre Kollegin, die Hebamme Monika Lüthi, stellen, die Lina nicht glaubt beantworten zu können. Wie beruhigt man ein Baby, wenn es schreit? «Ich streichle es und singe ihm ein Lied vor», so Lina. Wie entsteht ein Kind? «Wenn Mami und Papi sich fest gern haben, ganz nah beieinanderliegen und der Samen auf das Ei trifft.» Wie isst ein Baby im Bauch der Mutter? «Durch die Nabelschnur.» – Bei Linas kleinem Bruder Jan hingegen besteht noch Nachhol­bedarf. Auf die Aufforderung, zu schreien, wie Babys eben schreien, ­greint Jan kaum hörbar. «Lauter», fordert Monika Lüthi. Jan probierts. «Viel lauter», hakt die Hebamme nach. Und der neutrale Beobachter meint: Jan, lass dich nicht beirren, du wirst das wahre Ausmass eines Baby­geschreis noch früh genug kennenlernen.

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Mädchen könnens besser als Buben

Überhaupt hat Jan keinen leichten Stand – weil als Junge einen biologischen Nachteil (wenn man sich heutzutage noch so weit aus dem Fenster lehnen darf). Fakt ist: Die Mädchen sind offensichtlich Naturtalente, die drei Buben hingegen tun sich schwer. Dominic ist der stille Beobachter, Maronan, der dritte im Bund, geht gar offen in Opposition. Er zeigt sich resistent gegen jegliche Motivationsversuche. Auf «Baby-Bädele» hat Maronan gar keine Lust: «Das mache ich nicht, das ist zu anstrengend», meint er nüchtern. Jan hingegen versucht es zumindest, die Mädchen trocknen ihn jedoch locker ab, sowohl beim Bädele wie auch beim anschliessenden Wickeln. Symptomatisch: Zum Kurs hat Jan seinen Bären, die Mädchen ihre Puppen mitgebracht.

Doch nicht nur die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind verblüffend. Auch die Tatsache, wie locker und unaufgeregt das Thema Schwangerschaft und Geburt angegangen wird. Nichts ist zu hören von Blümchen und Bienchen. Im Gegenteil: Die beiden Kursleiterinnen holen quasi nebenbei locker den Storch vom Himmel. Die Kinder, die Jüngste drei, die Älteste elf Jahre alt, scheinen gerüstet dafür. «Babys kommen aus der Scheide vom Mami», weiss Lina.

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Ganz schön vorwitzig

Und Cécile meint auf die Frage, wann denn das Geschwisterchen komme: «Beim Mami geht es nicht mehr lange, sie ist schon ein bisschen offen.» Hoppla! Für eine Sechsjährige ganz schön vorwitzig. Darauf angesprochen, meinen Céciles Eltern, Angela und Chris Hager, schmunzelnd, aber auch leicht peinlich berührt: «Sie war eben von Anfang an mit dabei bei den Schwangerschaftskontrollen.» Cécile sei mittlerweile ein «halber Profi», was das Thema angehe. «Und nach diesem Kurs wird sie mir wohl deutlich zu verstehen geben, was ich im Umgang mit ihrem Geschwisterchen zu tun und zu lassen habe», meint Angela Hager und lacht. Sie hatte nichts anderes erwartet: «Momentan dreht sich alles um das Ungeborene. Dieser Kurs sollte etwas für Cécile sein – für sie allein. Insofern hat er seinen Zweck mehr als erfüllt.»
Martina Klo findet es gut, dass den Kindern keine Märchen erzählt werden: «Ich habe meiner Tochter auch keine Storchengeschichte aufgetischt», sagt die Mutter der sechsjährigen Delia. «Kindgerecht soll der Kurs sein», erklärt auch Initiantin Angela Werner, «aber nicht realitätsfremd.»

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So bildet denn auch ein Rundgang durch die Gebärabteilung des Spitals Uster einen wichtigen Programmpunkt – und ein absolutes Highlight für die Kinder. Vor allem in der Wochenbettabteilung blühen die Kleinen richtig auf, bombardieren die Wöchnerin Barbara Abou Zaid mit ihren Fragen und würden ihre Puppen wohl am liebsten eintauschen für Abou Zaids kleinen Thierry.

Ob diese Baby-Euphorie anhalten wird, wenn das Geschwisterchen dann mal da ist und bei Eltern, Freunden und Grosseltern ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, ist allerdings fraglich. Johannes Rüedi hofft es zumindest: «Linda war jetzt acht Jahre lang ein Einzelkind und entsprechend verwöhnt», meint er. Bis jetzt sei sie noch nicht eifersüchtig. «Vielleicht hilft der Kurs, dass das so bleibt. Die Umstellung wird für sie bestimmt nicht einfach werden.»

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Der Höhepunkt: Die Kinder besuchen Barbara Abou Zaid mit dem neugeborenen Thierry.

Quelle: Vera Hartmann

Wie immer ohne Gewähr

Der Kurs sei keine Garantie dafür, dass es keine Eifersuchtsschübe geben wird, betont Angela Werner. Neid und Eifersucht seien ganz normale Reaktionen. Jedes Kind müsse lernen, mit dieser Frustration umzugehen. «Das können wir ihm nicht abnehmen, wollen wir auch nicht», unterstreicht die Kursleiterin. Man könne das Kind auf diesem Lern- und Verarbeitungsprozess jedoch unterstützen. «Damit es andere Ventile findet als Aggression», so Werner.

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Doch nun stehen ohnehin erst mal «die Grossen» im Zentrum. Nach zwei Stunden Geschwisterkurs erhält jedes Kind eine Medaille: «Auszeichnung für den coolsten Bruder», steht bei Jan drauf. Er hat sichs redlich verdient.