Die sechsjährige Gina weiss genau, was sie will: ihre Zwillingsschwester Janine kneifen. Mutter Steffi geht zum x-ten Mal dazwischen und brüllt entnervt: «Hör endlich auf, oder es knallt!»

Ein Fall für Nadja Lydssan! Bevor es handgreiflich wird, greift die Erziehungsfachfrau und RTL-«Super Nanny» ein. Jeweils am Mittwochabend um 20.15 Uhr beobachtet sie das ganz normale Erziehungsdrama einer ganz normalen Familie, ermahnt, berät, korrigiert und nimmt kein Blatt vor den Mund: «Steffi, du bist genauso hilflos wie deine sechsjährige Tochter.»

Sendungen wie «Die Super Nanny» boomen – auch in der Schweiz: Über 170000 Zuschauer schalten im Durchschnitt ein; das ist ein Siebtel des Publikums zu dieser Sendezeit. Wie gross das Interesse an Erziehungsfragen ist, zeigt auch eine andere Zahl: 2003 nahmen gegen 50000 Erwachsene an Veranstaltungen zur Elternbildung teil, das sind rund dreimal mehr als vor 20 Jahren.

Für Raphael Romano, Psychotherapeut und an der Uni Bern als Dozent in der Lehrerbildung tätig, sind diese Zahlen keine Überraschung: «Viele Eltern sind zutiefst verunsichert: Auf der einen Seite werden die Kinder immer fordernder und wollen mitbestimmen. Auf der anderen Seite hören und lesen die Eltern jeden Tag: ‹Ihr müsst entschiedener auftreten und den Kindern klare Grenzen setzen.›»

Wer sich heute mit Erziehungsfragen beschäftigen möchte, hat ein stattliches Angebot zur Auswahl. Den 1,5 Millionen Müttern und Vätern mit Kindern unter 18 Jahren werden rund 1300 Einzelveranstaltungen (Referate, Workshops, Gesprächsgruppen) und gut 1000 Kurse offeriert. Dies ergab eine Zählung des Schweizerischen Bundes für Elternbildung. Doch die meisten verzichten darauf. «Viele Eltern erziehen noch immer so, wie sie sich auf Badeferien vorbereiten: wenig Bewusstsein, wenig Planung», kritisiert Raphael Romano. «Doch erfolgversprechende Erziehung will so bewusst und akribisch geplant sein wie eine Weltreise.» Eine Grundlage dazu sind Elternkurse.

Paola Michel, Mutter einer dreijährigen Tochter und eines achtmonatigen Sohnes, kann Sinn und Zweck eines solchen Kurses nur bestätigen: «Der Besuch war wichtig, um auf schwierige Situationen wie Geschwisterkonflikte vorbereitet zu sein und gerecht handeln zu können.» Zudem werde das Bewusstsein für scheinbar Nebensächliches geschärft: «Jetzt rufe ich nicht mehr durchs Haus, wenn ich von Giulia etwas will, sondern gehe zu ihr hin und suche den Augenkontakt.» Auch fühle sie sich bestärkt im Weg, den sie und ihr Mann bisher gegangen seien. Gleichzeitig warnt sie vor unrealistischen Erwartungen: «Ich stelle mich darauf ein, dass wir immer wieder vor kleineren und grösseren Problemen stehen werden.»

Die Väter drücken sich gern

Denn die Suche nach den Grenzen ist ein menschlicher Urtrieb, ebenso der Reiz, diese Grenzen zu überschreiten. Das heisst: Kinder sind grundsätzlich erziehungsbedürftig. Doch wann soll die Erziehung beginnen? «Am Tag nach der Geburt», sagt Raphael Romano, «indem man durch Fürsorge und Betreuung das Urvertrauen des Kindes aufbaut.» Erziehung im klassischen Sinne sei dann nötig, wenn das Kleinkind zu krabbeln beginne und sich von den Eltern entferne, um eigenständig zu werden.

Neuste Erkenntnisse der Hirnforschung zeigen zudem, wie prägend die ersten 24 Lebensmonate eines Kindes für die künftige Entwicklung sind. Nur sind genau in dieser Phase die Mütter praktisch allein erziehend. «Der durchschnittliche Mann interessiert sich erst für die Kinder, wenn er etwas mit ihnen unternehmen kann», beobachtet Raphael Romano. Corinne Boppart, Geschäftsführerin des Bundes für Elternbildung, schätzt den Männeranteil in der Elternbildung auf etwa 20 Prozent: «Und die Beteiligung ist rückläufig.»

Hansjörg N., zweifacher Vater, bestätigt diesen Befund: «Der Druck am Arbeitsplatz ist derart stark, dass ich abends am liebsten meine Ruhe habe.» Deshalb ist er nach den ersten beiden Kursstunden ausgestiegen – und will anonym bleiben, da er ein schlechtes Gewissen hat.

Gleichwohl lautet der wichtigste Ratschlag an Eltern, die einen Kursbesuch ins Auge fassen: Gehen Sie zu zweit. Dies macht es leichter, das Gelernte anzuwenden. Daneben ist Folgendes zu beachten:

Wer einen Erziehungskurs besucht, hat nicht «versagt», sondern nimmt Verantwortung wahr.

Je kleiner die Kinder sind, wenn man einen solchen Kurs absolviert, desto grösser ist die präventive Wirkung.

Mütter sollten frühzeitig die Kinderbetreuung sicherstellen – andernfalls bietet sich der Vater an und hat so einen Grund, zu Hause zu bleiben und den Kurs nicht zu besuchen.

Die Kurse vermitteln Instrumente und mögliche Anwendungen, keine absoluten Wahrheiten und Rezepte.

Tauschen Sie sich auch nach dem Kurs mit den Teilnehmenden und der Kursleiterin aus.

Ein häufig genannter Einwand gegen den Besuch eines Kurses sind die Kosten von einigen hundert Franken. Doch gilt es zu bedenken: Bis zum 20. Altersjahr kostet das erste Kind rund 350000 Franken. Wer aber gelernt hat, mit der Anspruchs- und Konsumhaltung der Kinder konstruktiv umzugehen, dürfte den Kurspreis gleich mehrfach kompensieren.

Wem es trotzdem zu viel ist, hält sich an die «Super Nanny». Corinne Boppart weiss von zahlreichen Eltern, die mit ihren Kindern zusammen die Sendung sehen: «Dies kann ein Impuls sein, um sich bewusster mit Erziehung zu beschäftigen.»

Hilfreiche Angebote

Stressbewältigung für Eltern: www.elterntraining.ch

Elternarbeit im eigenen Kulturkreis – ein Lehrgang für Ausländerinnen und Ausländer: Verein Elternbildung Kanton Bern, veb@jgk.be.ch

Förderung der Entwicklung im ersten Lebensjahr: Prager Eltern-Kind-Programm, www.pekip.ch

CD-ROM «Freiheit in Grenzen»: ein Angebot des Departements Psychologie der Uni München, www.freiheit-in-grenzen.org

Fachbeiträge zum Familienalltag: www.familienhandbuch.de (auch als Buch erhältlich: «Knaurs Handbuch Familie. Alles, was Eltern wissen müssen»; Knaur, 2004, 544 Seiten, Fr. 52.20)

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Anlaufstellen im Krisenfall

Sozialpädagogische Familienbegleitung: www.projuventute.ch/d/angebot

www.elternnotruf.ch