Frage von Peter T.: «Bei unserem jüngsten Sohn wurde eine chronische Krankheit diagnostiziert. Seither ist unsere Familie irgendwie aus den Fugen geraten. Wie finden wir zurück in unser altes Leben?»

Antwort von Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin:

Das wird wahrscheinlich nicht möglich sein. Ein solcher Einschnitt prägt, hinterlässt Spuren, verändert das Gefüge. Aber Sie können viel dafür tun, dass Sie als Familie gesund bleiben. Gesunde, lebendige Beziehungen sind möglich, auch wenn ein Familienmitglied krank ist. Sorgen Sie gemeinsam dafür, dass jeder sich mit seinen Bedürfnissen, Gedanken und Gefühlen einbringen kann. Reden Sie offen darüber, gehen Sie nicht auf Zehenspitzen durchs Leben.

Die Diagnose ist häufig ein Schock. Ein Schlaganfall, Krebs, Depression oder eine Behinderung durchbrechen unsere Normalität, plötzlich ist nichts mehr wie zuvor. Diese erste Phase, in der Sie sich mit der Diagnose auseinandersetzen, den Alltag umorganisieren und ein neues Gleichgewicht finden müssen, ist anspruchsvoll und kostet Kraft. Man muss emotionale Hürden überwinden. In der Verunsicherung rund um einen Schicksalsschlag entstehen oft Schuld- und Schamgefühle. Man erlebt sich als abweichend, nicht mehr dazugehörig, fragt nach dem Warum und danach, ob es nicht irgendwie zu verhindern gewesen wäre. Das sind normale Reaktionen auf eine Erschütterung. Sie taugen jedoch längerfristig nicht als Bewältigungsstrategie für diese anspruchsvolle Situation.

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Vor lauter Sorgen den Spass nicht vergessen

Wie also die Qualität des früheren Zusammenlebens wiederherstellen? Wenn jemand ernsthaft krank wird, ändern sich seine Bedürfnisse. Er braucht unmittelbare und dringliche Zuwendung und Fürsorge. Natürlich muss dem in einer Familie Rechnung getragen werden. Aber die Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder sind dadurch nicht weniger legitim und bedeutungsvoll.

Trotz dem Verzicht, der nötig ist, sollte keiner dauerhaft zu kurz kommen. Das Bedürfnis gesunder Geschwister nach Unbeschwertheit, Zuwendung und Aufmerksamkeit ist genauso existenziell. Auch Eltern sollten sich Nischen zurückerobern und Fussball schauen, shoppen gehen und Spass haben.

«Ein Kind möchte nicht auf seine Krankheit reduziert werden, sondern so weit wie möglich als vollwertiges Mitglied der Familie seinen Platz einnehmen.»

Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin

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Ein krankes Kind darf auch mal frustriert werden und hintanstehen. Es möchte eben nicht reduziert werden auf seine Krankheit, sondern so weit wie möglich als vollwertiges Mitglied der Familie seinen Platz einnehmen. Reden Sie miteinander. Auch und gerade über die Krankheit oder Behinderung. Was löst sie bei wem aus? Welche Gedanken und Gefühle gibt es? Tabuisieren Sie das Thema nicht. Alle sind davon betroffen, und alle Gefühle, vor allem auch die der Wut und der Verzweiflung, sollten Platz haben. Gelingt das nicht, beginnen gesunde Geschwister, sich über die Massen anzupassen, und entwickeln häufig das Lebensgefühl, nicht wahrgenommen und zu kurz gekommen zu sein. Das kranke Kind ist betrogen um authentische Beziehungen zu seinen Eltern und Geschwistern und entwickelt Schuld­gefühle rund um seinen Sonderstatus.

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«Es ist normal, verschieden zu sein»

Entwickeln Sie als Familie kein Selbstbild von Abweichung und Defiziten. Wir alle weichen voneinander ab. Der alte Normbegriff, der eine fixe Normalität definiert und Anders­artiges ausgrenzt, hat ausgedient. «Es ist normal, verschieden zu sein», wie der ehemalige deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte.

Im gesellschaftlichen Kontext spricht man von Inklusion. Jeder gehört dazu, jeder hat das Recht auf Teilhabe. Hautfarbe, Vorlieben, Fähigkeiten, Gesundheit und Krankheit sind keine exklusiven Eintrittskarten in die Gesellschaft. Jeder gehört mit seinen ureigensten Eigenschaften automatisch dazu und bereichert das Ganze eben um diese Einzigartigkeit. Die Gesellschaft muss sich so gestalten, dass sie auf Vielfalt eingehen kann.

Warten Sie also nicht kleinlaut auf Akzeptanz, sondern setzen Sie sich selbstverständlich für Ihre Bedürfnisse als Familie ein.

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Bei der Bewältigung der neuen Situation kann Folgendes helfen: Suchen Sie aktiv nach alltagspraktischer Unterstützung, nehmen Sie Kontakt auf zu anderen Betroffenen, Selbsthilfegruppen, Verbänden und reden Sie in der Familie und im Freundeskreis offen über Ihre Situation, Ihre Befürchtungen und Ihre Wünsche.