Margrit Stamm, 64, ist Erziehungswissenschaftlerin und Professorin für psychologische Pädagogik. Sie leitet das von ihr gegründete Swiss Institute for Educational Issues in Bern.

Quelle: private Aufnahme

Beobachter: Sie haben zwei erwachsene Kinder. Wie feierten Sie mit ihnen Kindergeburtstag?
Margrit Stamm: Man könnte sagen, im Stil der achtziger Jahre. Einmal kamen alle Gäste als Clowns verkleidet, ein anderes Mal richteten wir einen grossen Verkäu­ferliladen ein. Es gab also schon Action. Und auch einen Kuchen mit Kerzen. Aber es gab kein vorbereitetes Programm. Die Kinder spielten selbständig.

Beobachter: Das reicht heute anscheinend nicht mehr. Es braucht eine spezielle Location, ein Motto und Animation. Was ist passiert?
Stamm: Seit etwa 10, 15 Jahren dominiert das Konzept der «verantworteten Elternschaft»: Wer Kinder in die Welt setzt, soll gut für sie sorgen, sie gut erziehen und ist letztlich dafür verantwortlich, dass sie gut herauskommen. Wenn es nicht so ist, sind die Eltern schuld. Heutige Eltern sind sich dessen bewusst und versuchen diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Das Kind rückt deshalb sehr stark in den Mittelpunkt.

Beobachter: Deshalb dieses Tamtam an den Geburtstagen?
Stamm: Sie sind eine Gelegenheit, der Welt und auch dem Kind zu zeigen: «Wir tun alles dafür, dass es ihm an nichts fehlt.» Nur das Beste ist gut genug. Ausserdem achten Eltern heute allgemein sehr stark auf das soziale Umfeld und vergleichen sich mit anderen. Das führt schnell zu Wettbewerben. Wenn der Nachbar eine Eventagentur für die Geburtstagsparty des Sohnes engagiert, dann kann man beim eigenen Kind ja nicht einfach im Wald eine Wurst bräteln.

Beobachter: Kann es sein, dass die Bedürfnisse der Kinder dabei aus dem Blickfeld geraten und sogar zu kurz kommen?
Stamm: Die meisten Kinder finden Clowns und Animateure natürlich schon toll. Man kann nicht sagen, dass ihnen das nicht gefällt, vor allem auch, wenn man ein Programm hat, das noch keiner hatte. Das Problem bei einer durchorganisierten Party mit fixen Programmpunkten ist, dass man die passive Rolle der Kinder betont. Sie sind dann reine Konsumenten. Das fördert ihre Entwicklung überhaupt nicht. Diese Kinder werden auf einem Level verwöhnt, dass man sich nicht wundern muss, wenn sie in der Schule Probleme kriegen, weil sie sich zum Beispiel weigern mitzumachen und eine Anspruchshaltung entwickeln.

Anzeige

Beobachter: Eltern tun Kindern damit also keinen Gefallen?
Stamm: Nein. Und sich selber im Grunde auch nicht. Sie zahlen viel Geld, setzen sich zusätzlich unter Stress, weil auch bei so einer Party viele Entscheidungen anfallen. Und am Tag selber haben sie trotzdem mit einer Gruppe von Kindern zu tun, die nicht nur viel lachen, sondern manchmal hinfallen, weinen, den Kuchen erbrechen. Und nächstes Jahr muss es noch toller werden.

Beobachter: Viele feiern in Freizeitparks oder Indoor-Spielhallen. Das ist günstiger, die Kinder können sich austoben, die Eltern Zeitung lesen oder Cüpli trinken. Was halten Sie davon?
Stamm: Immerhin werden die Kinder dabei aktiviert und können frei miteinander spielen. Unbeaufsichtigte gemeinsame Zeit ist wichtig für Kinder; sie lernen ­dabei, einander zu helfen oder Konflikte ohne Erwachsene auszutragen. Ich finde es eigentlich keine so schlechte Idee, am Geburtstag dieses Angebot zu nutzen.

Beobachter: Ist es nicht paradox, dass Kinder einerseits einen sehr hohen Stellenwert haben, anderseits scheut man jeden Aufwand und ist froh, wenn möglichst wenig Arbeit und Dreck anfallen?
Stamm: Die ganze Erziehung heute ist voller Paradoxien. Viele Eltern haben Schuldgefühle und ständig ein schlechtes Gewissen, weil sie in den Augen der Gesellschaft die alleinige Verantwortung für das Verhalten und die Entwicklung ihrer Kinder tragen. Gerade wenn beide Elternteile berufstätig sind, wollen sie dem Kind am Wochenende oder eben am Geburtstag etwas Besonderes bieten. Im Grunde können sie keine Zeit mit ihm verbringen ohne Programm und Action. Unverplante Zeit löst Langeweile und damit Unbehagen aus. Wird der Geburtstag von einer Eventagentur durchgeführt, ist man nicht schuld, wenn etwas schiefgeht. Man delegiert einen Teil der Verantwortung.

Anzeige

Beobachter: Was braucht denn ein Kind am Wiegenfest?
Stamm: Der Geburtstag ist ein wichtiges Ritual und sollte gefeiert werden. Das Geburtstagskind sollte Freunde einladen dürfen. Es ist wichtig für die Identitätsbildung, einmal selber im Mittelpunkt zu stehen und bestimmen zu dürfen, wen man dabeihaben möchte. Umgekehrt lernen die eingeladenen Kinder, einmal nicht im Mittelpunkt zu stehen. Die neue Mode, jedem Gast ein kleines Geschenk mit nach Hause zu geben, halte ich deshalb für eine schlechte Idee. Wichtig wäre, Kinder in die Planung einzubeziehen. Die meisten Kinder wollen ja einfach nur miteinander spielen. Vor allem wollen die wenigsten, dass ihre Party noch durchgestylter sein muss als die letzte beim Freund. Das ist ein Wettbewerb unter den Erwachsenen, bei dem das Kind völlig vergessen geht, obwohl es angeblich im Mittelpunkt steht.

Beobachter: Besonders im Trend liegen zurzeit Mottopartys, wo von der Einladungskarte bis zur Serviette alles zu einem Thema passt. Kinder wünschen sich oft selber eine Prinzessinnen- oder eine Piratenparty. Nur miteinander spielen reicht ihnen offenbar doch nicht mehr.
Stamm: Kinder identifizieren sich stark mit Figuren, die sie gerade beschäftigen. Da ist es naheliegend, dass sie sich eine Indianerparty oder etwas Ähnliches wünschen. Die Idee ist gut, Kinder wollen und sollen sich in Rollen versetzen können. Ich bezweifle aber, dass sie Wert legen auf eine perfekte Inszenierung. Das schiesst weit übers Ziel hinaus. Die Kinder können ja gar nichts mehr selber beitragen, wenn alles schon fixfertig geliefert wird. Dabei wäre gerade das wichtig. Perfektionismus nimmt dem Spiel die Würze und ist nicht kindgerecht.

Anzeige

Beobachter: Anderseits feiert man Geburtstag nur einmal im Jahr, das kann so schlimm nicht sein.
Stamm: Das stimmt, so eine einmalige Geschichte schadet sicher keinem Kind. Problematisch ist die Einbettung in die Erziehungskultur. Die Geburtstagsfeiern sind nur ein Symptom für eine gesellschaftliche Entwicklung, die dem Kind insgesamt nicht guttut. Viele Eltern entwickeln symbiotische Beziehungen zu ihren Kindern. Sie sind nur glücklich, wenn sie sehen, dass das Kind glücklich ist. Kinder solcher Eltern lernen nicht, zu verzichten, zu warten und auch mal ein Nein zu akzeptieren. Das wird ihnen später zu schaffen machen.

Beobachter: Können Eltern sich diesem Druck in Bezug auf Geburtstagspartys überhaupt entziehen?
Stamm: Kinder kann man mit so einfachen Dingen begeistern, zum Beispiel gemeinsam einen Heissluftballon basteln oder eine Velotour machen. Das sind die Erfahrungen, die sie entbehren. Eltern verstecken sich teilweise auch hinter dem Argument des sozialen Drucks, weil es bequemer ist, in den Freizeitpark zu fahren.