1. Home
  2. Familie
  3. Ferienunterhaltung für Kinder: Action mit Köpfchen

Ferienunterhaltung für KinderAction mit Köpfchen

Akrobatik, Fussball, Hip-Hop – und Ernährungsberatung: Das «Fun & Action Camp» bietet an 16 Orten in der Schweiz coole und sinnvolle Ferienunterhaltung für Kinder.

Von

Das Camp ist noch keine zehn Minuten alt, als Chiara beim Fangis mit Jamie zusammen­prallt. Das Mädchen hat eine dicke Beule am Kopf, dem Jungen ist nichts anzumerken. Chiara bekommt einen Eisbeutel, ihre Mutter einen Anruf. Doch schon am selben Nachmittag ist Chiara wieder da. Es hätte sie gereut, daheimzubleiben.

«Nix los in den Ferien?» Diese rhetorische Frage steht auf den orangen T-Shirts von mehr als 50 Kindern, die das «Fun & Action Camp» in Richterswil ZH besuchen. Die Vier- bis Zwölfjährigen haben einiges vor in den nächsten Tagen: Ab zehn Uhr morgens stehen Selbstverteidigung, Akrobatik, Unihockey, Hip-Hop, Capoeira und Leichtathletik auf dem Programm. Die Kinder sind in Altersgruppen unterteilt; Ausnahmen gibts für Geschwister, die partout nicht getrennt werden möchten. Jede Stunde wechseln die Gruppen die Halle, wo sie von Sportlehrern erwartet werden.

Die Kinder-Camps sind eine Erfindung von Sportlehrer Andreas Wølner-Hanssen, der an der Uni Basel am Institut für Sport als Dozent arbeitet. «Mir ist es wichtig, jenen Kindern, die nicht in die Ferien können, eine sinnvolle Alternative zu bieten», sagt er.

Bitte keine überehrgeizigen Ziele

In Basel führt Wølner-Hanssen seit 2007 die Kindersportschule – nach denselben Prinzipien, die auch in den Camps wichtig sind: Kinder sollen Freude daran haben, sich zu bewegen und sich mit Gleichaltrigen zu messen, aber ohne die oft überehrgeizigen Ziele der Erwachsenen. Wølner-Hanssen setzt sich ein für eine vielseitige Grundlagenausbildung, die den Kindern alle Möglichkeiten offenlässt. «Uns sind vielfältige Aspekte wichtig: natürlich der Leistungsgedanke, aber auch Fairplay, gesundes Essen, Sozialverhalten, Durchhaltewillen, Respekt und die Förderung der kognitiven Fähigkeiten.»

Für die Camps ausserhalb von Basel holte Wølner-Hanssen seinen Schwager Stefan Burth ins Boot. «Ich habe als Kind selber viele Sportarten ausprobiert und finde es wichtig, dass Kinder Spass an der Bewegung haben, egal, für welche Sportart sie sich später entscheiden», sagt Ökonom Burth, der früher im Basketball- und Volleyball-Jugendnationalkader spielte. Ziel sei, dass die Kinder eine Woche lang Spass haben und das eine oder andere mit in ihren Alltag nehmen. Daher spielen die Kinder auch irgendwann im Verlauf der Camp-Woche das «Ernährungsspiel» – Ernährungsberatung mit Fun-Faktor.

Bewusste Ernährung – dazu gehört auch, dass die Eltern dazu angehalten werden, den Kindern keine Süssgetränke und Zuckerriegel mitzugeben. Dafür werden in der Pause Äpfel geliefert, und zum Zmittag bekommt jede und jeder auch Gemüse oder Früchte auf den Teller.

Nach dem Mittagessen spielen die Kinder noch ein bisschen unter sich. Die einen haben Karten mitgebracht, die anderen holen den Töggelikasten aus dem Schrank und stellen sich auf Stühle, um auch sehen zu können, welche Mannschaft gerade den Ball hat. Das Feriencamp vermittelt auch neue Freundschaften. Chiara sitzt vergnügt mit den Schwestern Leonie und Janina am Tisch. Quentin und sein Bruder Fabian, die untereinander Englisch sprechen, sind am ersten Tag noch recht allein, am zweiten machen sie schon alle Bubenstreiche mit und rasen mit den neuen Kollegen durch die langen Gänge des Schulhauses, als sei der Teufel hinter ihnen her.

Das Camp steht allen Kindergärtlern und Primarschülern offen, doch die meisten sind im zweiten Kindergartenjahr oder in der Unterstufe. Dementsprechend passen die Sportlehrer ihr Programm an: Flo­rian, der die brasilianische Kampfkunst Capoeira unterrichtet, lässt die Kleinsten wie Raubtiere durch die Halle schleichen; Gianmarco, der für die Leichtathletik zuständig ist, denkt sich unzählige Varianten von Fangis-Spielen aus, die auch in einen noch kleinen Kinderkopf passen. Dann spielen die Kinder mit einem Rugbyball Mattenlauf und lachen laut auf, wenn das eigenwillige Ei wieder mal irgendwohin fliegt, nur nicht zum Gspäändli.

Die polysportive Bewegungsförderung bringt im Primarschulalter viel: Reaktion, Rhythmusgefühl, Orientierung und Gleichgewicht müssen sonst später viel müh­samer und mit mehr Zeitaufwand erlernt werden. Diese koordinativen Fähigkeiten beeinflussen auch direkt die kognitiven Fähigkeiten, was sich auf die schulischen Leistungen auswirkt. Zudem haben sportliche Kids ein höheres Selbstwertgefühl und sind auch in der Schule ausgeglichener.

2007 fand in Basel das erste «Fun & Action Kindercamp» statt. Seither ist das Angebot immer grösser geworden – es gibt Camps in der ganzen Deutschschweiz. Alle Trainer haben eine entsprechende Ausbildung: «Bei uns gibt es keine Ehrenämter. Wir möchten motivierte, professionelle Leute, und die muss man anständig entlöhnen», sagt Burth.

Gegen Ende der Woche stehen die 50 Kinder vor einer schwierigen Entscheidung – am Freitagnachmittag kommen die Eltern für eine Vorführung. Bei welcher Gruppe soll man nun mitmachen: Leichtathletik, Hip-Hop, Akrobatik oder Capoeira? Am Ende ist die Tendenz klar: Mädchen wollen tanzen, Buben entscheiden sich eher für Leichtathletik oder Akrobatik.

Das Fazit der Kinder nach der Sport­woche ist eindeutig: Alle möchten wiederkommen. Und einige wünschen sich sogar, auch Sportlehrer zu werden, wenn sie einmal gross sind.

Weitere Infos und Anmeldung: www.kinder-camps.ch

Wie erkennt man seriöse Sportkurs-Angebote für Kinder?

Oft ist es für Eltern schwierig heraus­zufinden, welche Angebote ganz sicher seriös sind. Hier einige Tipps:

  • Herumhorchen. Waren Kinder aus demselben Schulhaus, aus der Nachbarschaft schon in einem Kurs? Wie hat ihnen der Kurs gefallen, was erzählen sie über die Trainerinnen und Trainer?

  • Lehrer fragen. Sie wissen oft aus Erfahrung, welche Kurse nicht nur seriös sind, sondern auch Spass machen.

  • Darauf achten, dass es sich um ein Jugend+Sport-Angebot handelt oder dass J+S als Partner genannt wird. Denn J+S-Leiter haben eine fundierte Ausbildung gemacht und kennen auch spezifische Sicherheitsstandards.

  • Das Kind an einen Schnuppermorgen oder zum ersten Kurstag begleiten und sich selber einen Eindruck verschaffen.

  • Gut zuhören, wenn das Kind am Abend erzählt. Dabei nicht überempfindlich reagieren – ein Sportlehrer sollte ein weinendes Kindergartenkind auf den Schoss nehmen und trösten dürfen. Bei Unsicherheiten andere Kurseltern kontaktieren und ihren Eindruck erfragen.
Veröffentlicht am 20. Dezember 2011