Ein Kind kriegen: Das klingt so selbstverständlich – ist es aber nicht. Viele Paare müssen jahrelang «üben», bis es endlich klappt, jedem sechsten bleibt es ganz verwehrt, auf natürlichem Weg Nachwuchs zu bekommen. Immer mehr Paare setzen ihre Hoffnung auf die Fortpflanzungsmedizin. Diese hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht und einen regelrechten Boom erfahren. Waren es im Jahr 2002 noch knapp 3500 Paare, die eine künstliche Befruchtung mittels In-vitro-Fertilisation (IVF) in Anspruch genommen haben, so waren es 2007 bereits deren 5400. Diese Entwicklung wird sich noch verstärken, sagt Ärztin Cornelia Urech-Ruh. Die 55-Jährige leitet das Kinderwunschzentrum der Frauenklinik im Kantonsspital Baden.

Beobachter: Warum klappt es immer seltener mit der natürlichen Fortpflanzung?
Cornelia Urech-Ruh: Im Schnitt sind Mütter heute bei der ersten Geburt 29,8 Jahre alt, vor 20 Jahren waren sie noch drei Jahre jünger. Die Fruchtbarkeit nimmt bereits nach dem 30. Lebensjahr ab. Laut Bundesamt für Statistik (BfS) lag das Durchschnittsalter einer Frau, die 2007 eine IVF-Therapie startete, denn auch bei 35,7 Jahren. Je enger das Zeitfenster zum Kinderkriegen ist – wegen der Ausbildung der Frau, dem Bedürfnis nach individueller Entfaltung oder finanzieller Sicherheit –, desto entscheidender ist es, dass es auch klappt, wenn die Zeit «reif» ist. Die Reproduktionsmedizin wird also eher an Bedeutung gewinnen.

Beobachter: Ist das Unwissenheit, oder ignorieren diese Frauen das Ticken ihrer biologischen Uhr?
Urech-Ruh: Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig den Frauen – und häufig auch den Ärzten – bewusst ist, wie rasch die weibliche Fruchtbarkeit ab Mitte 30 abnimmt.

Beobachter: Hollywood lebt den Frauen auch vor: Mit 40 ein Kind zu bekommen ist völlig normal...
Urech-Ruh: Die Lebenserwartung der Frau liegt heute auch bei über 85 Jahren. Eltern sind also länger in der Lage, ein Kind zu betreuen und zu erziehen – nur, die Natur macht uns da einen Strich durch die Rechnung. Der medizinische Fortschritt ändert wenig daran, dass die Chance für eine natürliche oder eine therapeutisch erzielte Schwangerschaft nach 40 sehr klein ist. Man darf auch nicht vergessen, dass eine Schwangerschaft in diesem Alter mit höheren gesundheitlichen Risiken verbunden ist – sowohl für die Mutter als auch für das Kind.

Beobachter: Die Unfruchtbarkeit der Frau allein ist nur in etwa 40 Prozent der Fälle der Grund für eine medizinische Behandlung. Zu weiteren 40 Prozent liegt die Ursache beim Mann. Davon ist jedoch selten die Rede.
Urech-Ruh: Das stimmt. Laut vielen Studien nimmt die Spermaqualität tatsächlich ab. Die Gründe dafür sind nach wie vor wenig bekannt. Diskutiert werden vor allem Umweltfaktoren, Schadstoffe oder Hormone in der Nahrung oder im Trinkwasser. Auch Nikotin und Alkohol spielen eine Rolle.

Beobachter: Laut BfS führt ein Drittel der künstlichen Befruchtungen (IVF) zu einer Schwangerschaft. Wäre diese Quote höher, wenn die Schweiz in Sachen Fortpflanzungsmedizin keine so restriktive Gesetzgebung hätte?
Urech-Ruh: Eine wesentliche Einschränkung ist das Verbot, Embryonen einzufrieren. Erlaubt ist hingegen das Tiefgefrieren von befruchteten Eizellen. Damit ist das Kultivieren bis ins Blastozystenstadium zwar nicht verboten, aber doch selten sinnvoll. Unsere eigenen Daten zeigen aber, dass die kumulative Schwangerschaftsrate, das heisst die Gesamtzahl der Schwangerschaften aus Frisch- und Auftautransfers einer einzigen Stimulation, derjenigen des Blastozystentransfers eher überlegen ist. Paare sind in der Schweiz in diesem Punkt also nicht benachteiligt.

Beobachter: Insbesondere die Front gegen die Präimplantationsdiagnostik (PID) bröckelt. Der Bundesrat dürfte demnächst einen Vorschlag vorlegen, um die PID unter bestimmten Bedingungen zu ermöglichen.
Urech-Ruh: Ja. Davon profitierten Paare, die ein hohes Risiko aufweisen, ihrem Kind eine Erbkrankheit weiterzugeben – dies wäre klar ein Fortschritt. Beispielsweise gibt es genetische Defekte, die auf dem Y-Chromosom vererbt werden, also nur Knaben betreffen. Mit Hilfe der PID können diese Krankheiten bereits im Embryo erkannt werden. Es werden dann nur gesunde Embryonen transferiert. Dies erspart dem Paar die Pränataldiagnostik zwischen der 12. und der 16. Woche mit sehr belastendem Schwangerschaftsabbruch, falls das Kind betroffen ist. Das geplante Gesetz lässt die PID ausdrücklich nur bei schweren Erbkrankheiten zu, nicht etwa zur Selektion des gewünschten Geschlechts.

Beobachter: Die PID könnte der Eugenik Vorschub leisten, lautet eine Kritik. Ist die Angst berechtigt?
Urech-Ruh: Die Sorge, dass mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik «unwertes Leben» diagnostiziert und vernichtet werden könnte, betrifft genauso die Pränataldiagnostik etwa per Fruchtwasserpunktion. Es ist bekannt, dass wegen der heutigen diagnostischen Möglichkeiten viel weniger Kinder mit Down-Syndrom zur Welt kommen als früher. Die gesetzliche Akzeptanz der PID würde an dieser Entwicklung nichts Grundsätzliches ändern. Gewisse Befürchtungen kann ich aber gut verstehen: Je höher die Ansprüche werden an das «perfekte» Kind, zum «optimalen» Zeitpunkt, auf die «richtige» Weise geboren, desto mehr Druck könnte auf die Paare entstehen. Der Druck steigt aber auch auf Menschen mit einem Handicap, das vielleicht zu verhindern gewesen wäre. Und nicht zu vergessen: Die Gesellschaft akzeptiert auch den straffreien Schwangerschaftsabbruch eines gesunden Kindes bis zur zwölften Schwangerschaftswoche aus persönlichen Gründen.

Beobachter: Die Schwangerschaft hat viel von ihrer romantischen, unschuldigen Aura eingebüsst. Hightechmedizin, Risikoabwägungen, Moral und Ethik dominieren das Thema. Belastet das die Paare, die zu Ihnen kommen?
Urech-Ruh: Natürlich. Einerseits sind wir dankbar für den medizinischen Fortschritt in der Geburtshilfe, der die Risiken für Mutter und Kind entscheidend gesenkt hat. Anderseits sehe ich immer wieder Paare, die sich mit den diagnostischen Möglichkeiten schwertun. Eine Partnerschaft kann arg auf den Prüfstand geraten, nur schon bei der Frage Fruchtwasserpunktion ja oder nein. Umso mehr, wenn sich Eltern nicht einig sind, ob ein behindertes Kind Platz in ihrem Leben hätte. Kommt hinzu: Auch eine Fruchtwasserpunktion gibt keine Garantie für ein gesundes Kind. Zudem stirbt laut Statistik eines von hundert Ungeborenen als Folge der Punktion.

Beobachter: Das Gottlieb-Duttweiler-Institut prognostiziert, dass Paare künftig entscheiden werden, ob sie schon in jungen Jahren Eizellen und Sperma entnehmen und einfrieren lassen, um diese bei Bedarf aufzutauen. Wird das auch in der Schweiz die Zukunft sein?
Urech-Ruh: Für die einen ist das Zukunftsmusik, für die anderen Horrorvision. Grundsätzlich klingt es verlockend: Die rasch abnehmende weibliche Fruchtbarkeit nach 35 setzt die Frauen unter Druck. Dank gefrorenen Eizellen könnte der Kinderwunsch noch etwas verschoben werden. Allerdings ist damit eine aufwendige, kostspielige Therapie ohne Erfolgsgarantie verbunden. Sicher gibt es einzelne Paare, die alles tun, was möglich ist – auch verbunden mit einer Therapie im Ausland. Eigene Kinder haben heute für viele Menschen einen hohen Stellenwert, sie gelten als Sinnstifter in einer immer komplexer werdenden, unsicheren und undurchschaubaren Welt. Glücklicherweise geht der Wunsch nach dem eigenen Kind spontan oder mit medizinischer Unterstützung meist in Erfüllung.

Die Methoden, die Kosten

In-vitro-Fertilisation (IVF): Eizellen werden ausserhalb des weiblichen Körpers befruchtet, und zwar durch das Zusammenführen von Eizelle und Spermien im Reagenzglas. Wird zur Befruchtung eine einzelne Samenzelle direkt in jede Eizelle gespritzt, spricht man von der intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI).

Blastozystentransfer: Der Embryo wird bis zum fünften Tag nach der Befruchtung kultiviert und dann eingepflanzt. Man erhofft sich so eine bessere Auswahl vitaler und einnistungsfähiger Embryonen.

Fruchtwasserpunktion: Mit einer Nadel wird durch die Bauchdecke eine Fruchtwasserprobe entnommen. Angeboten wird der Test vor allem bei erhöhtem Risiko für das Down-Syndrom beim Kind.

Präimplantationsdiagnostik (PID): Künstlich gezeugte Embryonen können im Reagenzglas auf genetische Defekte hin untersucht und selektioniert werden, bevor sie eingepflanzt werden.

Kosten: Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Basisabklärungen. IVF/ICSI müssen selbst bezahlt werden und kosten rund 5000 bis 10'000 Franken.