«Der Montag ist der schlimmste Tag», sagt Martina Walser und drückt ihrer sechsjährigen Tochter Livia ein paar Cracker in die Hand. Die Kleine will noch schnell etwas essen, bevor sie ins Kinderturnen geht. Neben ihr zieht sich ihr achtjähriger Bruder Nick um fürs Fussballtraining. Vater Peter Rüegg steht im Türrahmen und studiert den Veranstaltungskalender des Kindergartens: «Haben wir uns für dieses Theater angemeldet? Wer geht zum Elternmorgen übernächste Woche?» Die Diskussion wird auf später verschoben, Livia muss los, ihre Mutter begleitet sie mit dem Kickboard. Nick wird der Nächste sein, und eine halbe Stunde nach ihm wird jemand auch noch die bald elfjährige Sina zum Fussballtraining bringen müssen.

«Das Problem ist, dass alles gestaffelt abläuft und man selber eigentlich nur noch am Rumrennen ist», seufzt Peter Rüegg. Er hat sein Arbeitspensum auf 90 Prozent reduziert, um am Montagnachmittag mithelfen zu können.

Hauptsächlich organisiert das Familienleben aber seine von zu Hause aus arbeitende Frau Martina. Und das ist ganz schön kompliziert. Sina trainiert zweimal pro Woche Fussball, samstags finden meistens noch Matches statt, Nick trainiert einmal pro Woche und spielt ebenfalls Matches, hinzu kommen bei Sina noch ein Nachmittag mit Reiten und bei Nick Musikunterricht und Ergotherapie. Und all das findet neben der Schule, den Verwandtenbesuchen, Arztterminen und diversen anderen Anlässen wie Geburtstagsfeiern, Theateraufführungen oder Räbeliechtli-Umzug statt. Abgesehen davon sind auch die Eltern selber vielfältig engagiert, besorgen die Haus- und Gartenarbeit, pflegen eigene Hobbys und den Freundeskreis.

«Extrem leistungsorientiert»
Die Organisation des Familienlebens ist zur ausgewachsenen Managementaufgabe geworden. «Wenn alles ohne Zwischenfälle verläuft, klappt es ganz gut. Aber sobald etwas Unvorhergesehenes dazukommt oder eine Schulstunde kurzfristig ausfällt, wird es schwierig», sagt Martina Walser. Und das gilt nicht nur für sie. «Die ganze Planung und Organisation ist extrem anspruchsvoll. Ich habe den Eindruck, früher war es einfacher», findet auch ihre Nachbarin Denise Hüsser, ebenfalls Mutter von drei Kindern im ähnlichen Alter und berufstätig. Das ist eigentlich verwunderlich, immerhin gibt es doch heute im Gegensatz zu früher zahlreiche technische Hilfsmittel, die Zeit sparen sollten. Eine Illusion, wie sich herausstellt. Früher gab es zwar keine Staubsauger, Geschirrspüler und Waschmaschinen. Es kostete eine Familie viel Kraft, überhaupt das Überleben zu sichern und alle hungrigen Mäuler zu stopfen. Doch die Erleichterungen, die der technische Fortschritt brachte, die Arbeitsteilung und der allgemeine Anstieg des Wohlstands führten zu einem neuen Phänomen: Privatleben und Arbeit entwickelten sich zu getrennten Sphären, man hatte plötzlich Freizeit. Und diese will verbracht werden. Die freigesetzte Zeit wird sofort genutzt für diverse andere Aktivitäten: Hobbys, Weiterbildung, Vereinstätigkeit, Ausflüge und vieles mehr.

«Es gibt immer mehr Kinder mit total verplantem Freizeitkalender», bestätigt Annette Cina, Psychologin am Institut für Familienforschung und -beratung der Uni Freiburg. Gleichzeitig sind durch moderne Kommunikationsmittel wie Handy und E-Mail die meisten Eltern jederzeit erreichbar - auch für den Arbeitgeber. Freizeit und Arbeitszeit fliessen wieder ineinander. Für das eigentliche familiäre Zusammenleben bleibt unterm Strich immer weniger Zeit.

Erstaunlich ist, dass viele Eltern sich der Hektik ausgeliefert fühlen, obwohl dieser Freizeitstress im Grunde hausgemacht ist: Niemand zwingt einen zu all den Aktivitäten. Oder doch? «Ich habe manchmal das Gefühl, ich müsse meinen Kindern doch etwas bieten können und sie fördern», sagt Peter Rüegg. Wenn alle anderen Kinder in der Klasse auch noch im Sportverein aktiv sind, ein Instrument spielen und Schwimmkurse besuchen, soll das dem eigenen Kind doch nicht verwehrt bleiben. Der Zürcher Familiensoziologe Beat Fux spricht von gesellschaftlichem Druck: «Es wird erwartet, dass man in allen Bereichen, die als erstrebenswert und wichtig angesehen werden, gut ist.»

Und die Zahl dieser Bereiche nimmt stetig zu. Pluralisierung lautet das Schlagwort für eine Entwicklung weg von einfachen, klaren Rahmenbedingungen hin zu einer Vielfalt von Möglichkeiten, sich selber zu verwirklichen. Früher bestimmte die gesellschaftliche Schicht, in die man hineingeboren wurde, meist auch den weiteren Lebensverlauf; die Aufstiegschancen waren gering. Heute ist die Biographie nicht mehr bei der Geburt vorgegeben, sondern eine Leistung, die jeder selber erbringen muss - wie es das Sprichwort «Jeder ist seines Glückes Schmied» sagt.

Gerade Kinder sind diesem Druck ausgesetzt. «Die Kernfamilie ist heute in der Regel viel kleiner als früher, die Interaktionen zwischen den Familienmitgliedern verdichten sich dadurch, was auch die Qualität der Beziehungen verändert», so Fux. Durch moderne Verhütungsmethoden ist das Kinderkriegen zudem zu einer bewussten Entscheidung geworden. Früher waren Kinder eine Selbstverständlichkeit, die auf die Heirat folgte. Heute heiraten viele erst, wenn und weil das erste Kind unterwegs ist. Kinder haben an Wert gewonnen, das Kind wird zum Lebensprojekt. Daraus ergeben sich Ansprüche: «Kinder werden instrumentalisiert, um die eigenen Werte umzusetzen, um Ziele zu erreichen, die man vielleicht selber nicht erreicht hat oder nicht erreichen konnte.»

Peter Rüegg und Martina Walser leben in Winterthur und stellen fest, dass es in der Umgebung einzelne Dörfer gibt, in denen dieser Druck wesentlich grösser zu sein scheint. «Es gibt Gemeinden, wo eine extrem leistungsorientierte Grundstimmung herrscht. Ich habe gehört, dass Eltern teilweise in den Ferien den Lernstoff des folgenden Schuljahrs mit ihren Kindern durchgehen. Wer nicht überall mitmacht, muss damit rechnen, dass sein Kind nicht mithalten kann und er selber schräg angeschaut wird», sagt Martina Walser. Soziologe Beat Fux beobachtet, dass die an die Kinder gestellten Erwartungen stark von der sozialen Herkunft abhängen: «Kinder aus mittleren und oberen Schichten sind diesem Druck stärker ausgesetzt. Sie müssen die Position der Familie im gesellschaftlichen Gefüge verbessern oder zumindest erhalten», erklärt er. In Gemeinden, in denen besonders viele Menschen aus mittleren und oberen Schichten leben, ist der Leistungsdruck grösser.

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Eltern wollen oft zu viel
Dass einige Eltern versuchen, über ihre Kinder soziale Anerkennung zu erlangen, fällt auch Claudia Haebler auf. Die Winterthurer Paar- und Familientherapeutin stellt fest, dass manche Eltern ihren eigenen Wert davon abhängig machen, was ihre Kinder erreichen. «Kinder werden manchmal als Investition angesehen. Und Investitionen sollen sich in irgendeiner Form auszahlen.» Die Gefahr, von Kindern zu viel zu verlangen, sei gross. «Kinder ihren Fähigkeiten entsprechend zu fördern ist wichtig, aber sie sollten dabei nicht überfordert werden», so Haebler. Kinder müssten spüren, dass sie so, wie sie sind, geliebt werden.

Die Fachfrau rät zu mehr Selbstreflexion. Eltern hätten oft unrealistische Idealvorstellungen: «Alles muss perfekt laufen, gerade Frauen wollen oft perfekte Mütter sein, perfekte Partnerinnen, perfekte Berufstätige. Diesen Ansprüchen kann niemand gerecht werden.» Stress ist die Folge. Er entsteht, wenn die eigenen und die von aussen gestellten Anforderungen nicht mehr bewältigt werden können. Betroffene haben das Gefühl, alles werde zu viel. Eine enge Zeitplanung, kombiniert mit hohen Anforderungen, löst gemäss Psychologin Annette Cina bei den meisten Menschen Stress aus.

Und unter gestressten Eltern leiden besonders die Kinder: «Die Kommunikation mit den Kindern wird lauter. Gestresste Eltern reagieren impulsiver, bestrafen härter, urteilen ungerechter, es kommt zu mehr Partnerschaftskonflikten, manchmal sogar zu Gewalttätigkeiten», sagt Cina. Freizeitstress hat zwar mit gesellschaftlichen Bedingungen zu tun, gegen die der Einzelne relativ machtlos ist. Freizeitstress ist aber auch selbstverschuldet und lässt sich vermeiden: «Es braucht manchmal einfach Mut, sich dem Druck nicht zu beugen und dafür in Kauf zu nehmen, dass andere das vielleicht nicht so toll finden und man auf etwas verzichten muss», so Cina. Durch die übervollen Terminkalender und den ständigen Leistungsdruck sind Kinder auch immer öfter selber gestresst. Doch Kinder brauchen Pausen, um all die Eindrücke zu verarbeiten. Und nicht jedes Kind kann gleich viel Druck aushalten. «Eltern sollten ein entsprechendes Sensorium entwickeln», findet Cina.

Denise Hüsser und ihr Mann haben bemerkt, dass ihre Kinder teilweise zu wenig unverplante Zeit hatten. Sie haben die Aktivitäten deshalb reduziert und sie so gewählt, dass die Kinder selbständig hingehen können. Die Organisation des Familienlebens bleibt aber schwierig, zumal Denise Hüsser einmal pro Monat am Wochenende arbeitet. Familienzeit muss bewusst eingeplant werden. Bei Familie Rüegg-Walser scheitert das häufig an den unterschiedlichen Interessen: «Der eine will in den Wald, die andere in die Stadt und die Dritte in die Badi», erklärt Peter Rüegg. Oft teilt sich die Familie dann dem Frieden zuliebe auf. «Manchmal sitzen wir aber auch alle am Esstisch und basteln oder spielen gemeinsam, das kommt schon auch vor», sagt Martina Walser.

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Gute Idee: Ein regelmässiger Familienabend
Claudia Haebler rät, regelmässige Familienabende mit Familienrat einzuführen, etwa ein gemeinsames Abendessen mit anschliessendem Gespräch über das Familienleben. «Bei dieser Gelegenheit können Wünsche und Bedürfnisse geäussert und diskutiert werden. Es braucht allerdings etwas Übung und Geduld, so etwas zu institutionalisieren», sagt Haebler.

Die Familie als Institution scheint jedenfalls nicht vom Aussterben bedroht zu sein. Obwohl es durch die vielen unterschiedlichen Interessen teilweise eher zu einem Nebeneinander statt einem Miteinander kommt und obwohl sich durch hohe Scheidungsraten und abnehmende Kinderzahl die Familienformen vervielfältigen, bleibt die Familie für Kinder laut Beat Fux auch künftig erste und wichtigste Instanz, Werte und Normen zu erlernen. Er ist überzeugt: «Das System Familie wird zwar immer komplizierter, als Sozialisationsgefäss bleibt es aber auch in Zukunft erhalten.»