Die Weltauswahl ist mit den besten Leuten aufgelaufen. Ronaldinho passt zu Totti, aber Kahn pariert. Eto’o hat überraschenderweise bleiche Haut und rote Haare, und Del Piero gibt es gar in mehreren Grössen - Kinderfussball ist angesagt an diesem sonnigen Ferientag auf dem Zürcher Hardhof, und wenn Kinder Fussball spielen, gehört es zum guten Ton, die Dresse der Idole zu tragen.

60 Buben und Mädchen zwischen sieben und zwölf Jahren wuseln über den Platz, es ist der Abschlusstag ihres einwöchigen Camps bei diefussballschule.ch, dem grössten verbandsunabhängigen Trainingsanbieter der Schweiz. Am Nachmittag werden zwei Profis von GC vorbeischauen, die sie mit Fragen löchern können, doch das interessiert im Moment niemanden. «Wenn die Kids einen Ball vor sich haben, vergessen sie alles rundherum», sagt der Leiter der Fussballschule, Oliver Rüttimann (siehe Nebenartikel Juniorentrainer «Die Kids müssen Spass haben»). Wer die Kleinen üben sieht, dem fällt die Diagnose leicht: lauter akute Fälle von Fussballverrücktheit.

Diese grassiert wie eine Epidemie. Denn der Fussball in der Schweiz boomt: Gut 230'000 Vereinskicker sind zurzeit lizenziert, neun Prozent mehr als noch im Jahr 2000. In der gleichen Zeitspanne nahm der Anteil der Juniorinnen und Junioren gar um 16 Prozent auf 132'000 zu; fast die Hälfte davon ist zwölfjährig und jünger. Und das Jahr 2008, in dem die Schweiz an der Fussball-Europameisterschaft die ganz Grossen der Branche zu Gast hat, wird zweifellos einen weiteren Schub bringen.

Der Haken an dieser runden Leidenschaft: Die Zahl der Fussballvereine, die die nachrückenden Spielergenerationen aufnehmen sollen, ist rückläufig (Stand 2006: 1414 Klubs). Betreute vor zehn Jahren ein Verein im Durchschnitt 140 Akteure, so sind es heute bereits 163. Das bringt immer mehr Klubs an die Kapazitätsgrenzen, vor allem in den städtischen Agglomerationen, wo der Ansturm überproportional gross ist. Das Hauptproblem: Es ist schwierig, genügend geeignete Freiwillige für den zeitaufwendigen Job als Trainer zu gewinnen, zudem mangelt es vielerorts an Plätzen. Darauf reagieren immer mehr Vereine mit Wartelisten - und die fussballwilligen Kinder stehen im Abseits.

«Unmöglich» findet der diplomierte Kinderfussballtrainer Oliver Rüttimann diesen Zustand: «Wer spielen will, soll auch spielen können.» Private Institutionen wie seine, die 2001 mit vier Teilnehmern gestartet ist, können mit ihren Programmen teilweise Abhilfe schaffen. Dies zum einen mit den Camps, die Kindern eine Trainingswoche ermöglichen. Neben den auf Breite angelegten Ferienkursen offerieren die neuen Anbieter auch Ergänzungstrainings, die sich der individuellen Förderung widmen. Das machen sich mittlerweile selbst die überrannten Klubs zunutze: In Zürich-Nord etwa haben die lokalen Vereine die private Fussballschule Offensiv damit beauftragt, ihre auf der Warteliste stehenden Junioren zu betreuen. Die anhaltende Nachfrage lässt auch Oliver Rüttimann ehrgeizige Ziele hegen: Im kommenden EM-Jahr soll die Ausdehnung auf weitere regionale Stützpunkte in der ganzen Schweiz in Angriff genommen werden.

«Enorme soziale und integrative Arbeit»

Ein Lichtblick also für die ruhig gestellten Nachwuchskicker. Bloss: All das ist nicht gratis zu haben. Liegt der durchschnittliche Mitgliederbeitrag in einem Verein bei rund 250 Franken, so kostet ein Jahr Privattraining bei zwei Lektionen pro Woche schnell einmal 1200 Franken. Auch deshalb beobachtet man beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) das rasante Aufkommen der privaten Mitstreiter mit Argwohn. Erste Adresse für Jungfussballer seien nach wie vor die Vereine, sagt Luca Balduzzi, Chef Breitenfussball: «Sie bieten qualifiziertes Training im Sinne der übergreifenden Ausbildungsphilosophie des SFV. Darüber hinaus leisten sie enorme soziale und integrative Arbeit, eine Fussballschule kann dazu kaum in der Lage sein.» Ein Dorn im Auge sind Balduzzi vor allem Angebote, die «nur einmaligen Event- oder Erlebnischarakter haben» (siehe nachfolgend «Fussballschulen mit Qualität»).

Den Kindern auf dem Hardhof ist derweil das Mätschli zum Trainingsende Erlebnis genug. Dann ist Schluss. Die Knirpse räumen die riesigen Goals wieder weg, die Leibchen ihrer Helden sind verschwitzt. Es war ein guter Tag für die Del Pieros im Kleinformat, denn es war ein Fussballtag.

Anzeige

Im wachsenden Angebot an privat geführten Fussballschulen und -camps für Kinder gibt es beträchtliche Qualitätsunterschiede. Was Eltern für die richtige Auswahl beachten sollten:

  • Organisation: Die Verantwortlichen eines vereinsunabhängigen Trainingsangebots dürfen sich nicht hinter einem anonymen Firmennamen verstecken, sondern müssen namentlich bekannt sein. Fragen Sie die Trainer nach ihrer Ausbildung und Trainingsphilosophie. Dabei sind Erfahrungen im Kinderfussball wichtiger als eine beeindruckende Laufbahn als Aktiver in einem Grossverein.
  • Betreuung/Alter: Bei individuellen Fördertrainings sollten auf einen Leiter maximal zwölf Kinder kommen, die auf einem vergleichbaren Leistungsniveau und in möglichst ausgeglichenen Altersgruppen spielen. Je jünger die Buben und Mädchen sind, umso kleiner sollten die Gruppen sein. Das ideale Einstiegsalter liegt bei sechs bis sieben Jahren.
  • Infrastruktur: Pro zwölf Spieler sollte mindestens ein halber Rasenplatz zur Verfügung stehen. Dazu braucht es Umkleide- und Verpflegungsmöglichkeiten, dies vor allem bei Camps mit Ganztagsbetrieb.
  • Kosten/Versicherung: Die Angebote der einzelnen Fussballschulen sind unterschiedlich, entsprechend differieren die Preise. Als Richtwert gilt: Förderkurse sollten nicht mehr als 20 Franken pro Stunde kosten. Bei Camps kann man von rund 50 Franken pro Kind und Tag ausgehen, hinzu kommt ein Betrag für Extras wie Verpflegung oder Ausflüge. Die Haftung ist üblicherweise Sache der Teilnehmenden - lesen Sie die allgemeinen Geschäftsbedingungen genau.
  • Referenzen: Beim Schweizerischen Fussballverband sind unseriöse und überteuerte Anbieter bekannt - fragen Sie bei den jeweiligen Regionalverbänden nach (Koordinaten unter www.football.ch). Ein Qualitätsindiz ist ferner das «SFV-Label» für Fussballcamps.

Anzeige

Weitere Infos