Maria G.: «Die Japan-Katastrophe erschüttert mich. Die TV-Bilder sind kaum auszuhalten. Wie kann man solche Schicksalsschläge verarbeiten? Und soll man überhaupt noch Kinder in eine so gefährliche Welt setzen?»

Obwohl wir weit weg sind vom Ort der Katastrophen, machen uns die Ereignisse in Japan Angst, wecken aber auch unser Mitgefühl. Die Angst ist eher egoistisch und hängt mit unserem Selbsterhaltungsstreben zusammen. Sie führt sofort zur Frage, ob uns die radioaktive Strahlung in der Schweiz schaden kann und ob unsere Atomkraftwerke sicher genug sind.

Bereits Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) hat aber festgestellt, dass Menschen nicht nur egoistisch sind, sondern auch ein natürliches Mitgefühl haben. Moderne Forschungen bestätigen, dass es uns angeboren ist, mitleiden zu können oder zu müssen, wenn wir andere leiden sehen. Das Fernsehen bringt uns nun Menschen aus dem fernen Japan nahe, wenn es uns zeigt, wie ein Vater in den Trümmern nach seinem Sohn ruft oder ein Mann schildert, er habe seine ganze Familie verloren.

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Mitgefühl ist aber nicht nur ein Gefühl, sondern erzeugt auch einen Impuls zuhelfen. Wir können jedoch die Menschen, die wir auf dem Bildschirm sehen, nicht grad im Moment trösten, und das gibt uns auch ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht. Wir können lediglich indirekt helfen, indem wir unsere Solidarität übers Internet ausdrücken oder Geld spenden.

Was uns auch erschüttert, ist die Ungerechtigkeit des Schicksals. Diese Ansammlung von Unglück. Nicht nur dass die Japaner das schwerste Erdbeben ihrer Geschichte erleben mussten, zusätzlich traf sie auch noch eine riesige Flutwelle und, als ob das nicht schon viel zu viel wäre, noch die Bedrohung durch die atomare Katastrophe. Und wieso trifft es ausgerechnet jenes Volk, das am Ende des Zweiten Weltkriegs bereits einmal die Auswirkungen atomarer Zerstörung erleiden musste?

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Trotzdem soll man weiterhin Kinder haben, auch in Japan. Ereignisse, die viele Leben kosten, sind zum Glück selten, aber sie gehören zur Existenz. Früher waren es Naturkatastrophen und immer wieder Kriege und Seuchen. Traditionell haben Religionen Antworten gegeben und den Menschen geholfen, das Leid zu akzeptieren und zu verarbeiten. Die Geschichte von Hiob befasst sich beispielhaft mit dieser Herausforderung. Vielen hilft der Glaube auch heute noch. So hat der japanische Kaiser in seiner Ansprache am 16. März ausdrücklich gesagt, angesichts der ernsten Situation würde er beten.

Auch Philosophen haben sich mit dem Umgang mit Schicksalsschlägen befasst. Der Römer Seneca (etwa 1–65 n. Chr.) hat darauf hingewiesen, dass es Falschvorstellungen seien, das Leben sei gerecht und Unglück liesse sich vermeiden. Eine römische Münze zeige auf der einen Seite Fortuna mit einem Füllhorn, Glück ausschüttend, auf der andern aber mit einem Ruder, was daran erinnern solle, dass Fortuna eben auch das Ruder herumreissen und die Menschen ins Unglück stürzen könne.

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Nicht nur Religion und Philosophie, sondern auch die Psychologie sagt, dass sich Schicksalsschläge nicht mit Hadern und Verzweifeln verarbeiten lassen, sondern nur mit dem Akzeptieren der Ereignisse. Die Menschen in Japan scheinen uns Westlern da weit voraus zu sein. Ihre Gelassenheit angesichts der Erdbebenkatastrophe und der drohenden Atomgefahr nötigt uns den höchsten Respekt ab.

Der Psychologe Viktor Frankl hat aus seiner Erfahrung im Konzentrationslager gelernt, dass die Menschen sehr viel Unglück ertragen können, wenn sie einen Sinn in ihrem Leben sehen. Für viele Japaner wird es die Sorge um ihre Familie sein. Für die geliebten Nächsten werden sie motiviert sein, den Wiederaufbau zu schaffen. Am härtesten wird es für die sein, die alle ihre Liebsten verloren haben. Vielleicht hilft es ihnen, dass in Japan das Gemeinschaftsgefühl stärker ist als im Westen und dass sie sich deshalb nicht in der Einsamkeit und in Gefühlen der Sinnlosigkeit verlieren müssen.

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Der Kaiser Akihito hat denn in seiner Rede auch zu seinem Volk gesagt: «Ich hoffe aus der Tiefe meines Herzens, dass sich die Bevölkerung Hand in Hand mit Mitgefühl begegnet und diese schwierige Zeit überwindet.» Wir können diesen Satz auch als Aufforderung an die Weltgemeinschaft, als Aufforderung an jeden von uns verstehen.

Internet

Diverse Beiträge und Aktionen unter dem Stichwort «Pray for Japan»