Beobachter: Einige Länder wollen nach der Katastrophe auf Haiti die Adoptionsverfahren insbesondere für verwaiste Kinder beschleunigen. Ist das die richtige Antwort auf das Leid der Kinder?
Alexandra Rosetti: Nein. Die Kinder in Haiti haben etwas Fürchterliches durchgemacht. Viele von ihnen stehen unter Schock und sind äusserst schutzbedürftig. Es ist wichtig, sie jetzt nicht auch noch zu entwurzeln. Deswegen suchen wir für verwaiste Kinder zuerst nach geeigneten Betreuungsmöglichkeiten vor Ort, zum Beispiel bei überlebenden Angehörigen.

Beobachter: Warum sind Adoptionen gerade in Haiti so heikel?
Rosetti: Ein Kind darf nach unserer Auffassung nur von staatlichen Stellen oder autorisierten Organisationen ins Ausland vermittelt werden. Zudem muss die Haager Konvention zu Auslandsadoptionen beachtet werden. Sie verlangt unter anderem, dass das Wohl des Kindes im Zentrum steht. Haiti hat diese Konvention mit den entsprechenden Mindeststandards jedoch nicht unterzeichnet.

Beobachter: Wie kann den Kindern denn sonst effizient geholfen werden?
Rosetti: Auch wenn einige am liebsten selber hinfahren würden, um zu helfen: Das Beste ist, die Nothelfer zu unterstützen. Das heisst: zu spenden. Es braucht eine gute Koordination der Hilfe. Die Experten vor Ort wissen am besten, wo und wie sie die Gelder einsetzen können.

Beobachter: Was wäre dafür ein gutes Beispiel?
Rosetti: Die Einrichtung von Schutzzentren für Kinder und die Versorgung mit Wasser, Nahrung und medizinischer Hilfe. Es ist stets wichtig, die Situation vor dem Unglück anzuschauen. Jedes zweite Kind war unterernährt, es gab viele Strassenkinder und Waisenhäuser, Kinderarbeit und Kinderhandel.

Beobachter: Wäre es sinnvoll, eine Patenschaft zu übernehmen?
Rosetti
: Unicef bietet nur Projektpatenschaften an. Das Ziel muss sein, die Situation der Kinder dauerhaft zu verbessern, ohne einzelne zu bevorzugen. Es braucht Schulen, Spiel- und Freizeitmöglichkeiten – auch im Notfall. Besonders dann brauchen Kinder ein Stück Normalität.

Alexandra Rosetti, 37, ist Medien­sprecherin von Unicef Schweiz.

Spendenkonto der Unicef:
Postkonto 80-7211-9; Vermerk: Erdbebenopfer Haiti