Beobachter: Frau Ugolini, das Rote Kreuz hilft Menschen in Not – jetzt betreiben Sie einen Hütedienst?
Valérie Ugolini: Der erste Hütedienst wurde bereits vor 25 Jahren gegründet. Das Angebot ist allerdings kostenpflichtig und orientiert sich am Einkommen der Eltern. Neu ist, dass wir in 16 Kantonen Betreuungsgutscheine vergeben.

Beobachter: Was heisst das?
Ugolini: Ärzte, Hebammen sowie Elternberatungsstellen erhalten von uns Scheine, die sie bei Bedarf ausstellen können. Betroffene können dann damit eine erfahrene SRK-Mitarbeiterin in Anspruch nehmen, die ihre Kinder während drei bis vier Stunden zu Hause betreut. Die Eltern erhalten ein- oder zweimal einen Gutschein, dann müssen sie eine andere Lösung finden.

Beobachter: Ist das nicht ein Tropfen auf den heissen Stein?
Ugolini: Die Betreuung soll keine Langzeitlösung sein. Aber in einem kritischen Moment kann eine kurze Verschnaufpause entscheidend sein. Sie verhindert vielleicht, dass eine überforderte Mutter sich oder ihrem Kind etwas antut.

Beobachter: Das ist der Fall, wenn…
Ugolini: Wenn die Betroffenen wirklich am Rande eines Nervenzusammenbruchs stehen. Es ist nicht so, dass Eltern beim Roten Kreuz ihre Kinder abgeben können, wenn sie mal ins Kino wollen.

Beobachter: Ist es nicht sehr individuell, wann Eltern an ihre Grenzen stossen?
Ugolini:
Eltern können nach Gutscheinen fragen, aber ob sie wirklich welche brauchen und erhalten, entscheiden die Fachleute.

Beobachter: Ein Schein kostet zwei bis drei Franken. Wozu der symbolische Preis?
Ugolini:
Damit nicht vergessen wird, dass der Betreuungsdienst einen Wert hat und auch etwas kostet. Die Aktion läuft nun für zwei Jahre, aber wir hoffen, dass wir sie länger weiterführen können. Das hängt davon ab, ob es uns gelingt, langfristig die Finanzierung zu sichern.

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Beobachter: Wieso läuft die Aktion grade jetzt?
Ugolini:
Weil wir wiederholt Anfragen von verzweifelten Eltern haben. Viele sind ihren Aufgaben nicht mehr gewachsen. Wir möchten diese Überforderung enttabuisieren und den Betroffenen zeigen, dass die Gesellschaft das Problem wahrnimmt.

Beobachter: Reichen dafür ein paar Gutscheine?
Ugolini
: Es ist ein erster Schritt. Ausserdem organisieren wir im kommenden November auch ein Symposium zum Thema. Experten werden aktuelle Forschungsergebnisse präsentieren, auf Risiken hinweisen und mögliche Auswege aufzeigen. Damit möchten wir möglichst viele Personen für den Druck sensibilisieren, unter dem Familien heute stehen.

Valérie Ugolini ist Koordinatorin der Kinderbetreuung beim Schweizerischen Roten Kreuz.

Quelle: Getty Images