Bücher sind altmodisch? Tatsächlich war Lesen «in den neunziger Jahren out; es galt als Fossiltätigkeit, die mit den neuen Medien an Bedeutung verliere. Doch inzwischen ist klar, dass man auch das Internet und SMS nur nutzen kann, wenn man lesen gelernt hat», sagt Gerhard Falschlehner vom Buchklub in Wien, der grössten Organisation für junge Leserinnen und Leser in Österreich.

Nun ist Lesen für Kinder anfänglich aber vor allem mit Anstrengung verbunden. Wurden sie nicht von klein auf spielerisch mit Büchern vertraut gemacht, werden sie in vielen Fällen das Interesse für Lektüre gar nicht erst aufbauen oder aber rasch wieder verlieren, so dass sie am Ende Lesen als Last statt als Lust empfinden. Doch das muss nicht sein: Ein geeignetes Mittel, um Kinder langsam an Bücher zu gewöhnen und Lesefrust zu vermeiden, ist das Vorlesen.

Im Idealfall beginnen Eltern, Grosseltern oder auch ältere Geschwister so früh wie möglich, den Kleinen vorzulesen. Denn damit werden neben der Lesefähigkeit weitere wichtige Fähigkeiten gefördert:

  • Sprachkompetenz und Phantasie: Durch Unterbrechungen, Fragen und Kommentare beider Seiten entstehen beim Vorlesen Gespräche, die die Vorstellungskraft des Kindes anregen und ihm Zugang zu seiner Phantasie verschaffen. Die Kleinen lernen zu assoziieren, sich zu äussern, Gedanken in Worte zu fassen. Kurz: Ihre Sprachkompetenz wächst.
  • Einfühlungsvermögen: Beim aktiven Zuhören kann das Kind wie bei einem Rollenspiel in Gedanken «probehandeln». Damit wird das Einfühlungsvermögen, die sogenannte Empathie, gefördert und die Konfliktfähigkeit gestärkt.
  • Horizonterweiterung: Auch die Ausbildung des Gedächtnisses wird angeregt. «Kinder lernen beim Vorlesen interessante Phänomene kennen, die sie sich selber noch nicht erschliessen können. Sie lernen neue Geschichten kennen und werden in die Welt der Literatur eingeführt», sagt Andrea Bertschi-Kaufmann, Leiterin des Instituts für Forschung und Entwicklung der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz. Sie ist Mitbegründerin des Zentrums Lesen, das unter anderem im Bereich der Leseförderung für Kinder forscht.

Die Scheu der Erwachsenen

Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Pluspunkt des Vorlesens ist die wertvolle Zeit, die Eltern mit ihrem Kind verbringen. Eigentlich gibts nur einen einzigen Knackpunkt: Nicht alle Erwachsenen lesen gerne vor. Manche scheuen sich, weil sie nicht flüssig laut lesen können oder selber nie Spass an Büchern entwickelt haben. Untersuchungen der Universität Erfurt (D) zeigen denn auch, dass Eltern, die selber gerne lesen und viele Bücher besitzen, ihren Kindern sehr viel mehr vorlesen als Eltern, die wenig bis keine Bücher haben. Hörbücher seien in diesen Fällen eine gute Alternative, findet Fachfrau Bertschi-Kaufmann. «Das gemeinsame Hören von Geschichten ist viel besser, als überhaupt kein Buch kennenzulernen.»

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Um möglichst allen Kindern - also auch solchen von eher lesefaulen Eltern - den Zugang zu Büchern zu ermöglichen, werden immer mehr Vorleseaktionen und -initiativen in Bibliotheken, Vereinshäusern oder Buchhandlungen durchgeführt. In Deutschland zum Beispiel gibt es Aktionen wie «Deutschland liest vor», bei der Lesepatenschaften initiiert wurden, mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche mit dem Medium Buch vertraut zu machen. Hierzulande ist Ähnliches angedacht, zahlreiche Leseaktionen in Bibliotheken werden bereits gefördert. So gibt es schweizweit Erzählwochen oder Erzählnächte, ebenso setzt sich das Schweizer Institut für Kinder- und Jugendmedien mit verschiedenen Projekten und Programmen für die Leseförderung in der Schule ein. Regelmässig gibt das Institut auch Buch- und Bilderbuchempfehlungen heraus, um Kindern die Freude am Lesen nahezubringen (siehe «Links zum Artikel»).

Laut OECD-Pisa-Studie 2000 ist Lesen immerhin «die Basiskompetenz für eine befriedigende Lebensführung in persönlicher und gesellschaftlicher Hinsicht sowie für eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.» Wer möchte dies seinem Kind schon verwehren?

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  • Planen Sie feste Zeiten fürs Vorlesen ein, am besten vor dem Einschlafen. Sorgen Sie für eine gemütliche, kuschelige Atmosphäre.
  • Die Geschichten sollten spannend, aber nicht zu aufregend sein und ein gutes Ende haben.
  • Ideal ist eine abgeschlossene Geschichte. Ist sie zu lang, erzählen Sie zwischendurch frei und lesen Sie erst den Schluss wieder vor. Hat Ihr Kind vor dem eigentlichen Ende keine Lust mehr, erfinden Sie eines, wie «morgen wird der kleine Bär bestimmt seinen Freund treffen».
  • Lesen Sie lebendig, mit Gestik, Mimik und verschiedenen Stimmlagen. Ein Bär hat eine tiefe Stimme, eine Fee klingt sanft und zart. Wechselnde Lautstärken bauen Spannung auf, und das Kind lernt Gefühlszustände kennen und einzuschätzen.
  • Lassen Sie Ihr Kind wählen, welches Buch vorgelesen werden soll. Seien Sie nicht enttäuscht, wenn es immer die gleiche Geschichte hören will. Kinder lieben Wiederholungen.
  • Wenn Sie unsicher sind, ob das Buch altersgerecht ist, gilt die Faustregel: Die Hauptperson im Buch sollte so alt sein wie das Kind, dem vorgelesen wird.
  • Sprechen Sie über das Gelesene, beziehen Sie das Kind mit ein und fragen Sie zwischendurch nach, wie Ihr Kind die Situation einschätzt. Lassen Sie Trauriges nicht im Raum stehen. Beantworten Sie alle Fragen, die Ihr Kind während des Lesens und auch danach beschäftigen.
  • Lese- und Erzählstunden am Nachmittag oder Abend können zu spannenden Familienevents werden, bei denen abwechselnd ein Familienmitglied vorliest oder erzählt.
  • Lesen Sie nur vor, was Ihnen selbst auch gefällt. Am wichtigsten ist der Spass, den Ihr Kind und Sie haben.

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