Bunt leuchtet ihre Verpackung in den Regalen der Lebensmittelgeschäfte. Sie tragen Markennamen wie «Tam-Tam», die sich schon die Kleinsten gut merken können, und locken mit Comicfiguren oder anderem Spielzeug zum Sammeln. Im Fernsehen werden sie zwischen den «Teletubbies» und der «Gutenachtgeschichte» fleissig beworben. Und den Eltern werden sie mit dem Hinweis auf die wertvollen Vitamin- und Mineralstoffzugaben schmackhaft gemacht. Kein Wunder also, dass Kindermilch, Kinderflakes, Kinderguetsli und vieles mehr haufenweise im Einkaufswagen landen. Aber auch zu Recht?

Die Palette kindertauglicher Lebensmittel reicht von «sinnvoll» bis «fragwürdig». Sinnvoll zusammengesetzt ist etwa «Junior Milk Croissance» von Nestlé, während «Snack me Kids» von Roland eher willkürlich mit Vitaminen und Mineralstoffen angereichert ist. Schliesslich gibt es Produkte, die ausser dem Namen und der Verpackung nichts Spezielles für Kindermägen zu bieten haben (zum Beispiel «Pingu Pic»-Würstchen von Migros).

Vitaminzusätze sind oft unnötig
Laut Studien des Instituts für Kinderernährung in Dortmund nehmen deutsche Kinder mit ihrer normalen Ernährung bereits genügend Vitamine A, C, B1, B2, B6 und Niacin auf. Konsumieren sie zusätzlich angereicherte Kinderlebensmittel, nehmen sie 20 bis 50 Prozent zu viel davon auf. Das heisst: Die Hersteller könnten getrost auf den Vitaminzusatz verzichten. Ganz ähnlich sieht es beim Kalzium aus, sofern Kinder regelmässig Milch und Milchprodukte konsumieren.

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Hingegen zeigten die Dortmunder Studien, dass Kinder auf natürlichem Weg nur etwa die Hälfte der empfohlenen Mengen an Vitamin E und Folsäure zu sich nehmen. Hier machen entsprechend angereicherte Lebensmittel durchaus Sinn. Noch schlechter stehts mit der natürlichen Eisenversorgung. Laut Professor Richard Hurrell vom Institut für Lebensmittelwissenschaften an der ETH Zürich ist deshalb auch eine Anreicherung mit Eisen, allenfalls mit Zink für vegetarisch ernährte Kinder, sinnvoll. Es konnte bisher allerdings nicht nachgewiesen werden, dass angereicherte Produkte die Eisenzufuhr messbar erhöhen.

Nimmt man in der Schweiz erhältliche Kinderlebensmittel genauer unter die Lupe, lässt sich feststellen:

  • Sie enthalten häufig mehr Zucker und mehr Fett als vergleichbare Produkte für Erwachsene («Kellogg’s Frosties» sind viel süsser als normale Cornflakes, «Nutella» ist viel fetter als Konfitüre). Das fördert Karies und Übergewicht.

  • Kinderlebensmittel enthalten meistens mehr Zusatzstoffe als vergleichbare Produkte. Das heisst: mehr Farbstoffe, Emulgatoren, Geschmacksverstärker, Konservierungsmittel und Aromen. Für Allergiker können diese Stoffe ungünstig sein. Zudem gewöhnen sich Kinder, die regelmässig stark verarbeitete und gesüsste Produkte verzehren, nur schwer an den Geschmack herkömmlicher Nahrungsmittel.

  • Kinderlebensmittel sind oft sehr weich und fad. Auffallende Geschmacksnoten fehlen, damit möglichst viele Kinder das Produkt mögen. Der Geschmack einzelner Zutaten ist nicht mehr zu identifizieren (Kindersirup ist ein Gemisch verschiedenster Fruchtsäfte mit Aromen).

  • Kinderlebensmittel sind häufig sehr aufwändig verpackt und oft auch teurer als vergleichbare Nahrungsmittel (ein halber Liter «Junior Milk Croissance» kostet beispielsweise mehr als doppelt so viel wie «normale» Milch) – schliesslich müssen auch das Spielzeug und die Wettbewerbspreise bezahlt sein.

  • Kinderlebensmittel verwirren: Kalzium in Fruchtsäften? Himbeerstücke im Zwieback? Kinder verlieren auf diese Weise den Bezug zu natürlicher Nahrung.


Kritische Einstellung ist wichtig

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Das heisst nicht, dass Kinderlebensmittel in jedem Fall zu meiden sind. Doch bevor Sie ins Regal greifen, sollten Sie Folgendes beachten:

  • Lassen Sie sich weder von Ihrem Kind noch von der Werbung beeindrucken. Beurteilen Sie die Lebensmittel anhand der Deklaration selbst.

  • Halten Sie sich an den Grundsatz: Nicht immer, aber immer wieder.

  • Setzen Sie sich mit Kinderlebensmitteln auseinander, sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber. Ein grundsätzliches Verbot wirkt kontraproduktiv.

  • Geben Sie Ihrem Kind keine Kinderlebensmittel mit in die Schule. Greifen Sie das Thema anlässlich eines Elternabends auf. Unterstützen Sie Aktionen wie «Pausenäpfel» oder «Pausenmilch».

  • Bevorzugen Sie Kinderlebensmittel, die mit Eisen, Folsäure und Vitamin E angereichert sind. Eisen sollte zusammen mit Vitamin C aufgenommen werden, damit es der Körper optimal nutzen kann.


Eltern sollten darauf achten, dass ihre Kinder nach den Richtlinien des Dortmunder Instituts für Kinderernährung essen: reichlich pflanzliche Produkte und Getränke, hingegen mässig tierische und nur wenig fettreiche Lebensmittel.

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Dass es mit der Umsetzung dieser Richtlinien immer wieder harzt, erfährt Anneco Dintheer-Ter Velde Tag für Tag. Gemäss der Ernährungsberaterin am Kinderspital St. Gallen finden immer weniger Mütter genügend Zeit, für ihre Kinder zu kochen. Vor allem berufstätige, allein erziehende Mütter sind zunehmend auf Fertigprodukte angewiesen. «Heute essen viel mehr Kinder allein zu Hause als noch vor zehn Jahren», sagt Anneco Dintheer-Ter Velde. Die ausgewogene, vollwertige und frisch zubereitete Nahrung ist an vielen Familientischen nicht mehr die Regel.

Zugleich sind grosse Teile der Bevölkerung bezüglich Essen äusserst verunsichert. Themen wie BSE, Hormonskandale oder Pestizide schmälern die Lust aufs Kochen und Essen.

Damit junge Menschen diese Lust (wieder)entdecken, ist es wichtig, dass sie wissen, woher unsere Nahrung stammt und wie sie hergestellt wird. Besuchen Sie deshalb zusammen mit Ihrem Nachwuchs zum Beispiel einen Bauernhof oder eine Käserei. Und lassen Sie Ihre Kinder beim Kochen mithelfen. Das ist gut für deren Entwicklung und Selbstvertrauen – und schmeckt erst noch besser als Kinderlebensmittel! Schliesslich noch ein Tipp von einer Fünfjährigen für andere Kinder: «Malt doch selber eine Zeichnung, und klebt sie auf ‹normale› Lebensmittel. Dann habt ihr auch Kinderlebensmittel.»

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