Beobachter: Den Schweizer Kindern geht es gut. Kaum ein Mädchen oder ein Knabe ist ohne Handy, Markenjeans oder Computerspiel. Wozu wird immer wieder auf die Kinderrechte verwiesen?
Heinrich Nufer: In Bezug auf den Lebensstandard und verglichen mit afrikanischen und asiatischen Ländern geht es Kindern hier sicher gut. Im emotionalen Bereich setze ich viele Fragezeichen. Wir haben bei Kindern und Jugendlichen die zweithöchste Suizidrate in Europa. Depressionen, Leistungsstörungen und Beziehungsprobleme nehmen zu. Man muss die Einzelfälle näher betrachten: Viele Kinder sind einsam.

Beobachter: Haben Sie eine Erklärung für diese bedrückte Stimmung unter den Jugendlichen?
Nufer: Lebensnetzwerke sind auseinandergefallen, die nachbarschaftlichen Systeme zerbröckeln. In den Siedlungen auf dem Land reiht sich Einfamilienhaus an Einfamilienhaus. Wie sich das soziale Umfeld dort entwickelt, bleibt dem Zufall überlassen. In den heutigen Kleinfamilien können Kinder keine eigene Interessenstruktur gegenüber den Erwachsenen entfalten.

Beobachter: Wie reagieren Jugendliche auf diese Situation?
Nufer: Sie setzen sich relativ schnell vom Elternhaus ab, wenn sie dabei auflaufen, und suchen vermehrt den Umgang mit Gleichaltrigen. Die Eltern sind dann für ihre Orientierung nicht mehr relevant. Sie bleiben aber von ihnen abhängig, wenn sie den Konsumnormen mit Handy oder Markenjeans entsprechen wollen. Jugendliche werden ja heute als Konsumentengruppe richtiggehend bewirtschaftet. Das meiste kann sich nur leisten, wer von den Eltern Geld bekommt, einen Nebenjob findet oder etwas Krummes dreht. Das ist ein gewaltiges Spannungsfeld.

Beobachter: Und ein ausgewachsener Konsumstress.
Nufer: Und Sozial- und Leistungsstress obendrauf. Jugendliche sind am Wochenende oft auf Partys. Dabei gehören sie zu vier oder fünf verschiedenen Gruppen. Sie sind untereinander permanent mit dem Handy in Kontakt, um zu erfahren, was an einem anderen Ort abläuft und ob es sich lohnt, dort auch noch vorbeizuschauen.

Beobachter: Vor zehn Jahren hat die Schweiz die Uno-Kinderrechtskonvention als einer der letzten Staaten der Welt ratifiziert. War die Schweiz so rückständig?
Nufer: Das liegt auch am politischen System. Man diskutiert auf oberster Ebene über ein Rahmengesetz. Dann geht es in die Vernehmlassung, bis es schliesslich im Parlament zur Sprache kommt. Umgesetzt werden muss es dann an der Basis. Das ist ein langwieriger Prozess. Natürlich gab es auch Opponenten, die nicht einsehen wollten, dass es bei den Kinderrechten grundsätzlich um die Kommunikation zwischen Jung und Alt geht. Sie befürchteten, die Eltern, insbesondere die Väter, hätten dann nichts mehr zu sagen. Sie waren es gewohnt, die Jugendlichen bei der Entscheidungsfindung gar nicht zu fragen, geschweige denn mit einzubeziehen.

Beobachter: Laut Bundesgericht muss heute ein Kind ab sechs Jahren in allen Belangen, die es betreffen, angehört werden. Das gilt für Scheidungsfolgen, Sorgerechtsfragen, Besuchsregelungen oder vormundschaftliche Massnahmen. Ein frommer Wunsch?
Nufer: Familienkonflikte werden auch hierzulande immer häufiger auf der Ebene der Gerichte technisch-lieblos abgehandelt. Doch dieser Apparat ist der komplexen Fragestellung von Beziehung, Kommunikation und Interessenabwägung nicht gewachsen. Er entscheidet gesetzeskonform und angeblich eindeutig. Der Richter hat ja keine kinder- oder jugendpsychologische Ausbildung. Er argumentiert aufgrund seines halbwegs gesunden Menschenverstands, basierend auf ganz persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen. Es hat ja keine Sanktionen zur Folge, wenn die Meinung des Kindes nicht berücksichtigt oder sogar bewusst übergangen wird. Das habe ich immer wieder bemängelt.

Beobachter: Dann bestimmen Schreibtischtäter über das weitere Schicksal von Kindern.
Nufer: Genau. Es werden zu selten psychologische Gutachten über die Betroffenen in Auftrag gegeben. Werden solche eingebracht, zerzausen sie Anwälte und Richter als kinder- und jugendpsychologische Laien und reduzieren den Fall auf ein paar Kernsätze. Das verhindert oft eine fachliche Würdigung des Entwicklungsprozesses, in dem das Kind steht. Man müsste doch stets prüfen, wie das Kind zu seiner Äusserung kommt.

Beobachter: Fehlt es an der Bereitschaft der Behördenmitglieder?
Nufer: Nicht nur. Sondern auch an der entsprechenden Ausbildung. Unser Institut bietet ja auch Kurzkurse für Mitglieder der Vormundschaftsbehörden und für Richter an. Häufiger Tenor: Jetzt kommt der Nufer auch noch mit den Kindern und betont, sie seien im ganzen Prozess am wichtigsten, nachdem wir uns schon mit den Eltern herumschlagen mussten. Da kann ich nur sagen: Das ist eben ein ganzheitliches Denken und keine Schwarzweissmalerei. Ich muss doch das ganze Lebensfeld des Kindes ausloten. Der Richter mit seinem linearen Denkmuster kann nur ja oder nein sagen.

Beobachter: Wo orten Sie am meisten Handlungsbedarf, um die Situation der Kinder zu verbessern?
Nufer: Das grösste Defizit liegt bei der Prävention. Wir überlegen uns nicht, was das Aufwachsen lebbar und bewältigbar macht. Wenn Kinder in der Schule und im Elternhaus Schwierigkeiten haben, ergreifen die Behörden Massnahmen. Wenn sie nicht mehr weiterwissen, stellen sie sie den Eltern als «unbetreubar» wieder zur Verfügung.

Beobachter: Das kommt einer Bankrotterklärung gleich.
Nufer: Ja. Diesen Kindern fehlt ein tragendes Netz. Ich vertrete die These, dass man die Eltern möglichst früh stärken muss im Umgang mit ihren Kindern. Aber die Augen verschliessen ist halt im Moment billiger. Zudem lässt sich für einen Politiker der Erfolg der Prävention nicht messen und ist innerhalb einer Amtsperiode nicht «ausmünzbar». Man weiss aber, dass aggressive Kinder schon von klein auf mit heftigem Trotz reagieren, der sich über alle Stufen als übersteigerter, unangemessener Widerstand fortsetzt. Bis wir vor einem Desaster stehen.

Beobachter: Könnte man demnach die Jugendgewalt mit Prävention frühzeitig durchbrechen?
Nufer: Den Kindern geht es nicht um Zerstörung. Sie stecken in einem Konflikt und wollen ihn lösen. Ihnen fehlt aber ein Modell, wie man Spannungen in einer grösseren Gruppe austragen kann. Wen wunderts: Länderblöcke lösen ihre Konflikte auch oft mit Gewalt.

Beobachter: Gab es in den letzten Jahren einen Quantensprung in der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen?
Nufer: Die Jugendphase hat sich stark verlängert. Früher führte die Kindheit direkt ins Erwachsenenleben über, etwa mit der Konfirmation: Man bekam einen Hausschlüssel und durfte später nach Hause kommen. Heute ist die junge Generation bis zum Abschluss der Berufsfindung von der älteren abhängig. Das kann für Konflikte sorgen, wenn keine Partizipationsformen greifen.

Beobachter: Wo sehen Sie Ihren eigenen Beitrag zur Besserstellung der Kinder?
Nufer: Ich blieb immer unbequem. Wenn ich einen Vortrag hielt, wussten die Anwesenden nicht, ob ich ein Beispiel aus ihren Reihen aufgreife. Ich war ein Beobachter, der Missstände beim Namen nannte und gerne penetrant nachhakte.

Beobachter: Was war Ihr grösster Rückschlag?
Nufer: Das Erwachen kam für mich mit dem Fall Wood, als die beiden Kinder nach vielen Jahren bei der Mutter in der Schweiz bei Nacht und Nebel nach Australien in eine Pflegefamilie ausgeschafft wurden. Dass man die Bedürfnisse von Kindern so missachtet, ist unmenschlich. Man darf die Seele eines Kindes nicht einem internationalen Vertrag opfern, in diesem Fall dem Haager Übereinkommen bei Kindsentführungen durch einen Elternteil. Das zeigt: Die Richter unseres Staats haben auf allen Stufen die zentrale Bedeutung der neuen Kinderrechte als Menschenrechte noch nicht wirklich wahrgenommen und respektieren gelernt.

Beobachter: Sie wurden damals schwer attackiert. Oberrichterin Annegret Katzenstein bezeichnete Ihre Gutachten über die Wood-Kinder als «Ferndiagnose».
Nufer: Ein völlig haltloser Vorwurf. Die Wood-Kinder habe ich sorgfältig und fachgerecht abgeklärt. Dagegen hat sich aber keines der involvierten Gerichte mit der psychischen Konfliktlage und dem Kindeswillen wirklich befasst. In Richterkreisen wurde eine perfide Kampagne gegen mich inszeniert. Das ging von Verdächtigungen bis zu Diffamierungen. Es gab Diskussionen, ob man dem Institut überhaupt noch Aufträge erteilen dürfe, wenn es sich so vehement für das Schicksal von betroffenen Kindern einsetze.

Beobachter: Diente Ihnen die eigene Familie mit den drei Kindern als Experimentierfeld?
Nufer: Nein. Aber die Kinder kannten die Thematik und das Umfeld. Sie erlebten den Aufbau des «Schlupfhuus» für Kinder in Not mit. Provokativ nahmen sie auch schon mal den Pyjama unter den Arm und sagten, sie würden dorthin gehen und erzählen, was für ein Vater ich sei.

Beobachter: Waren Sie ein guter Vater?
Nufer: Kein Supervater. Die Kinder mussten sich mit mir auseinandersetzen. Aber ich war für sie da. Der Freitag war für mich Vatertag. Sie durften dann Kollegen mitbringen, und wir haben in einem Atelier gebastelt, gezimmert und geschmiedet. Dann gab es einen ausgedehnten Zvieri. Das haben die Jungen schon geschätzt.

Beobachter: Sie wuchsen auf einem Bauernhof auf. Wo möchten Sie in einem nächsten Leben gross werden?
Nufer: Wieder in einem sozialen Gefüge mit vielen Leuten, die zusammen mit den Eltern kooperieren. Ob in der Stadt oder auf dem Land ist egal. Auch die Strasse oder Gasse in einer Stadt kann ein Dorf sein. Das erlebe ich seit über 30 Jahren als Altstadtbewohner im Zürcher «Dörfli».

Heinrich Nufer, 65, tritt Mitte Jahr als Leiter des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind zurück. Der Pädagoge und Kinderpsychologe stand dem Institut 30 Jahre lang vor. Die Nachfolge übernimmt die bisherige Stellvertreterin Heidi Simoni. Das Institut wurde vor 50 Jahren von der Spezialärztin für Pädiatrie und Kinderpsychiatrie Marie Meierhofer (1909-1998) gegründet. Sie setzte sich für die Förderung der gesunden Entwicklung im Kindesalter ein. Heute bietet die Fachstelle Beratung, sozialpädagogische Kinderanwaltschaft, Weiterbildung sowie Information an und beteiligt sich an nationalen Forschungsprojekten.

Quelle: Christine Bärlocher
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