Beobachter: Es gebe viel zu viele Vorschriften für Krippen, hört man. Gleichzeitig beklagen Fachleute Missstände. Wie ist das möglich?
Kaspar Burger: Zu den Gerüchten über Missstände kann ich als Wissenschaftler nichts sagen. Ausser vielleicht, dass auch ich sie schon gehört habe. Erste Studien weisen darauf hin, dass die Krippenlandschaft in der Schweiz sehr uneinheitlich ist. Man findet von grossen, professionell geführten Institutionen bis hin zu privaten Kleinstangeboten alles. Und ja, es gibt vermutlich Kitas, die zum jetzigen Zeitpunkt unsere Qualitätskriterien nicht erfüllen würden. Die Vorstellung, dass in diesem Bereich alles reguliert ist, ist übrigens schlicht falsch. Es gibt bis heute Kantone, die kaum Auflagen machen, wenn jemand eine Krippe eröffnen will.

Beobachter: Das Qualitätslabel ist freiwillig. Werden sich nicht vor allem diejenigen Kindertagesstätten um das Label bemühen, die bereits heute gut arbeiten?
Kaspar Burger: Das ist tatsächlich möglich. Wir gehen aber davon aus, dass zertifizierte Krippen sich gegenüber anderen einen gewissen Wettbewerbsvorteil verschaffen und das Label daher attraktiv ist. Gerade weil Eltern sensibler werden und die aktuelle Diskussion um frühkindliche Entwicklung ein Bewusstsein geschaffen hat, dass Betreuung nicht gleich Betreuung ist.

Beobachter: Was, wenn ich in meiner Umgebung keine zertifizierte Kita finde? Wird mein Kind Schaden nehmen?
Kaspar Burger: Das lässt sich nach wissenschaftlichen Kriterien kaum beantworten. Es gibt Studien, die zeigen, dass sich Kinder sozial schlechter entwickeln, wenn sie früh mehr als 30 Stunden pro Woche in einer Kita betreut werden. In der Schweiz besuchen aber viele Kinder die Kita nur einen oder zwei Tage und werden zusätzlich von Verwandten oder Bekannten betreut. Das macht Aussagen in Bezug auf die Auswirkungen der Kita schwierig. Grundsätzlich gehe ich aber davon aus, dass eine vielfältige Betreuungsform allfällige Defizite einer Kita kompensieren kann.

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Quelle: Valérie Pinauda/Photoval

Beobachter: Trotzdem braucht die Schweiz dieses Label?
Kaspar Burger: In anderen Bereichen, bei Kindersitzen oder bei Bioprodukten, hinterfragt kein Mensch die Prüfstellen. Warum gerade Kinderkrippen, die vielerorts privat orga­nisiert sind, davon ausgenommen sein sollen, leuchtet mir nicht ein. Von daher braucht es meiner Meinung nach klare Vorgaben, die die Einhaltung von Min­destanforderungen in der Betreuung ga­ran­tieren. Ob das auf lange Sicht unser Label sein muss oder ob sich etwas anderes etabliert, wird sich zeigen. Oft entstehen solche Bewegungen in der Zivilgesellschaft und werden schliesslich vom Staat übernommen.

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Beobachter: Häufig führen solche Prüfprozesse zu einer Verteuerung des Angebots. Muss ich damit rechnen, dass meine Kindertagesstätte teurer wird, wenn sie zertifiziert ist?
Kaspar Burger: Nein, diese Bedenken sind unbegründet. Das Label verteuert Kitas nicht. Einzig wenn eine Kita ihr Angebot im Zuge der Zertifizierung deutlich erweitert und ausbaut, dürfen Elternbeiträge erhöht werden – um maximal zehn Prozent.

Neues Gütesiegel für Kindertagesstätten

Am 27. September lancieren der Verband Kindertagesstätten der Schweiz und die Jacobs Foundation ein Qualitätslabel für Kinderkrippen. Das «QualiKita»-Zertifikat soll die ­pä­dagogische Ausrichtung von Einrichtungen transparenter machen und es Eltern erleichtern, die Qualität der Betreuung in Krippen zu vergleichen.

Internet: www.kitas.ch

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