Beobachter: Wie entdecken Sie Missbräuche?
Georg Staubli: Wir behandeln auf dem Kindernotfall jährlich 37'000 kleine Patienten. Lediglich in einem Bruchteil der Fälle entdecken wir eine Misshandlung. Ich denke also nicht in erster Linie an Missbrauch. Hellhörig werden ich und mein Team, wenn die Verletzung des Kindes nicht zur Geschichte passt, die die Eltern erzählen.

Beobachter: Ein Beispiel?
Staubli: Kürzlich war eine Mutter mit ihrem Baby hier. Sie sagte, sie habe ihr Kind einfach aus dem Buggy gehoben, und seither bewege es die Arme nicht mehr. Die Arme waren tatsächlich gebrochen – aber definitiv nicht vom Rausheben. Oder das neunjährige Mädchen, das erzählte, es sei vom Velo gefallen. Bei der Untersuchung fanden wir Striemen auf dem Gesäss, die aussahen wie Handabdrücke. Solche Verletzungen zieht man sich bei keinem Sturz zu.

Beobachter: Sprechen Sie in solchen Fällen die Eltern direkt auf Ihren Verdacht an?
Staubli: Normalerweise besprechen wir Verdachtsfälle erst in der Kinderschutzgruppe. Wenn ich mir sehr sicher bin, spreche ich die ­Eltern direkt an. Die meisten geben irgendwann zu, dass ihnen «die Hand ausgerutscht» ist. Oft sind sie sogar froh, dass sie endlich Hilfe bekommen.

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Beobachter: Zugenommen haben vor allem psychische Misshandlungen wie etwa Vernachlässigung. Wie entdecken Sie diese?
Staubli: Wenn Kinder sehr ungepflegt oder völlig unpassend gekleidet sind. Oder wenn sich Eltern auf dem Notfall vor dem Kind beschimpfen. Dann haken wir nach. Hier zu intervenieren braucht auch nach Jahren noch Zivilcourage. Aktiv werden wir auch, wenn Eltern psychisch auffällig sind oder deutliche Anzeichen einer Suchterkrankung zeigen. Da ist das Risiko für das Kind stark erhöht. Wir klären dann ab, ob das soziale Netz stark genug ist, das Kind in einer möglichen Krisensituation aufzufangen.

Beobachter: Machen die Eltern mit?
Staubli: In der Regel ja. Es gibt sogar Eltern, die ihre Kinder vorbeibringen und sagen, dass sie diese geschlagen haben. Ich erinnere mich an eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn. Sein Rücken war mit blauen Flecken übersät. Die Mutter gab zu, ihr Kind mit einem Schuh geschlagen zu haben, weil sie einfach nicht mehr konnte. Wenn Eltern ihre Überforderung einsehen, können wir helfen. Schwierig wird es, wenn sie abwehren oder die Schläge gar als richtig empfinden.

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Beobachter: Gibt es Elterngruppen, bei denen Sie besonders genau hinschauen?
Staubli: Grundsätzlich kann es in jeder Familie zu Übergriffen kommen. Aber es gibt Häufungen: Körperliche Gewalt kommt in sozial schlechtergestellten Familien häufiger vor, sexuelle Ausbeutung eher in bessergestellten Familien. Von psychischer Gewalt sind Kinder unabhängig von ihrer Herkunft betroffen, vor allem bei einer Scheidung.

Beobachter: Eltern, die sich über die Kinder bekämpfen?
Staubli: Ja, wir sehen leider immer mehr Mütter und Väter, die ihren persönlichen Streit über die Kinder austragen. Das ist etwas vom Schlimmsten für mich: zuzuschauen, wie Erwachsene ihre Kinder instrumenta­lisieren. Diese leiden enorm.

Beobachter: Wie bekommen Sie das auf dem Notfall mit?
Staubli: Da kann ich von gestern Nacht erzählen. Eine Mutter brachte ihren Sohn vorbei. Das Kind hatte einen Arm im Gips. Der Kleine wirkte extrem traurig und sagte, der Gips drücke. Wir haben schnell gemerkt, dass mit diesem Gips alles in Ordnung war. Die Mutter sagte schliesslich vor dem Kind, sie wolle nicht, dass der Bub am nächsten Tag mit dem Vater in die Ferien fahre. Der sei ein unmöglicher Typ. Die Mutter wollte von uns eine Bestätigung, dass das Kind daheimbleiben müsse. Der Bub weinte nur noch. Das ist schwer auszuhalten.

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Beobachter: Was machen Sie in einem solchen Fall?
Staubli: Unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Erst recht mitten in der Nacht. Wir werden aber sicher beim nächsten Termin das Gespräch suchen. Wenn allerdings Eltern, wie in diesem Fall, nur noch über Anwälte verkehren, können wir kaum etwas ausrichten.

Beobachter: Seit kurzem gilt das gemeinsame Sorgerecht. Wird es die Situation verbessern?
Staubli: Grundsätzlich finde ich es richtig, dass man sich gemeinsam um das Kind kümmert. Für ein Kind ist es wichtig, dass es Kontakt zu Mama und Papa ­haben kann. Aber wir sehen oft eine andere Rea­lität. Da ist ein Elternteil, der die Betreuung übernimmt, und ein anderer, der für sich schaut. Da stellt sich schon die Frage, ob beide wirklich die gleichen Rechte haben sollen. Ich ­befürchte, dass es durch das gemeinsame Sorgerecht noch mehr juristisch ausgetragene Streitigkeiten geben wird.

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Beobachter: Wie schlafen Sie, wenn Sie mit ­solch ­schwierigen Fällen konfrontiert sind?
Staubli: Heute gelingt mir das Abschalten. Jedenfalls meistens. Als ich im Kinderspital angefangen habe, war das anders. Ich habe mich enorm emotional engagiert. Irgendwann habe ich realisiert, dass Gefühle wenig hilfreich sind, wenn es darum geht, die Optionen eines Kindes objektiv zu ana­lysieren. Wir müssen es hier in erster Linie schaffen, die nachbetreuenden Stellen zu involvieren: Sozialarbeiterinnen, Familienbegleiter, die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) oder auch den Kinder- oder Hausarzt der Familie.

Beobachter: Sind diese nicht ans Arztgeheimnis gebunden?
Staubli: Theoretisch schon. Bis vor ein paar Jahren verweigerten uns die meisten Psychiater und Kinderärzte die Auskunft auch. Heute sind sowohl Erwachsenenpsychiater als auch Kinderärzte sensibilisierter, was die Kinderschutzthematik anbelangt. Die Zusammenarbeit hat sich enorm verbessert.

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Beobachter: Sie bewegen sich also bewusst in einem ­rechtlichen Graubereich?
Staubli: Das ist so. Man muss sich einfach die Frage stellen, ob der Kindesschutz oder der Datenschutz höher zu gewichten ist. Unsere Haltung ist klar. Dafür nehme ich in Kauf, mit einem Fuss im Gefängnis zu stehen. Aber natürlich machen wir solche Anfragen nur, wenn wir sie begründen können.

Beobachter: Ein Arzt kann sich von der Schweigepflicht ­entbinden lassen.
Staubli: Das beantragen wir selbstverständlich, wenn die Zeit dafür da ist. Bis die Ent­hebung da ist, dauert es zwei bis drei Tage. Wenn wir aber eine auffällige Mutter auf dem Notfall haben und der Verdacht ­besteht, dass sie ihr Kind geschüttelt hat, können wir nicht auf diesen Zettel warten.

Beobachter: Was geschieht, wenn sich ein solcher Verdacht erhärtet?
Staubli: In akuten Situationen behalten wir das Kind da. Wenn die Eltern nicht kooperativ sind, schieben wir auch mal eine medizinische Begründung vor. Eltern, die ihr Kind heimnehmen wollen, obwohl wir ­ihnen ­sagen, dass es zu schweren Komplikationen kommen kann, sind verdächtig. Wenn es uns nicht gelingt, eine Einigung zu erzielen, schalten wir die Polizei ein.

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Beobachter: Das passiert hoffentlich nur selten…
Staubli: Leider nicht. Es gibt immer wieder Eltern, die dem Kind aus ideologischen oder ­religiösen Gründen überlebenswichtige Therapien verweigern. Bluttransfusionen zum Beispiel. In solchen Fällen haben wir die Möglichkeit, den Eltern das medizi­nische Sorgerecht zu entziehen.

Beobachter: Ähnliches hört man von Krebstherapien.
Staubli: Ja, diese Fälle nehmen leider zu. Und wenn das Kind erst drei, vier Jahre alt ist, ist das besonders problematisch, weil es nicht ­mitentscheiden kann. Wir wissen, dass das Kind stirbt, wenn es nicht behandelt wird. Mit der richtigen The­rapie hingegen überlebt es mit 95-prozentiger ­Sicherheit. Verweigern die Eltern die ­Behandlung, beschreiten wir den Rechtsweg. Leider können die Eltern ­diesen mit Einsprachen mehrere Monate verzögern. Das erlebten wir kürzlich. Bis wir das Kind endlich im Spital hatten, war es bereits zu spät. Das geht einem dann schon sehr, sehr nah.

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Sexuelle Gewalt bei jeder dritten Kindsmisshandlung

In 450 Fällen von Kindsmisshandlungen wurden die Kinderschutzgruppe und die Opferberatungsstelle des Kinderspitals Zürich letztes Jahr tätig. Das sind sechs Fälle mehr als im Vorjahr. Zugenommen haben psychische Misshandlungen und vernachlässigte Kinder. Bei jeder dritten Misshandlung (34,2 Prozent) handelt es sich um sexuelle Ausbeutung. Bei zwei der 129 Fälle körperlicher Misshandlung (28,7 Prozent) handelte es sich um schwere Körperverletzung. In diesen ­Fällen hat die Kinderschutzgruppe ­Strafanzeigen veranlasst.