Lieber Fin

Das mit dem Grosssein ist so eine Sache. Ich zum Beispiel habe schon 12'091 Mal geschlafen und bin immer noch klein - jedenfalls im Vergleich zum Durchschnittsschweizer, der 180 Zentimeter gross sein soll. Da fehlt mir ein ganzes Stück. Aber warum willst du denn eigentlich gross werden? Grosse Menschen stossen sich eher den Kopf, fallen von weiter oben auf die Nase und müssen sich ständig so Fragen anhören wie: «Kannst du eigentlich aus der Dachrinne trinken?» oder «Wie ist das Wetter da oben?». Kleine Menschen, kleine Sorgen - grosse Menschen, grosse Sorgen. Dieser Spruch kommt nicht von ungefähr.

Aber vielleicht meinst du mit gross ja auch einfach alt, erwachsen, selbständig. Doch auch das ist kein Honigschlecken. Hast du dich zum Beispiel schon mal gefragt, warum deine Eltern am Sonntagmorgen so zerknittert aussehen und sich entsprechend aufführen, während du hellwach, gut gelaunt und voller Tatendrang in ihrem Bett Trampolin springst? Das tun sie nicht aus Böswilligkeit, die Grossen fühlen sich morgens tatsächlich so mies, wie sie aussehen. Oder höre ihnen mal zu: «Beeile dich!», «Lass das!», «Räum weg!», «Pass auf!» - die Grossen sind ständig gestresst, ständig in Sorge, ständig müssen sie was, ihr ganzes Leben besteht aus Ausrufezeichen. Und gerade jetzt, wo ich darüber nachdenke, würde ich gerne mit dir tauschen: Räbeliechtli, Samichlaussäcke, Weihnachtseinkauf, Neujahrskater - du meinst vielleicht, Samichlaus, Christkind und Rentiere hättens streng im Dezember... Du hast - und sei froh - noch keinen blassen Schimmer.

Lieber Fin, du willst gross sein? Schlaf doch noch mal drüber.