«Seit wir im Brunnenhof wohnen, ist das Asthma unseres ältesten Sohnes verschwunden», freut sich Xhevahire Haliti, 39. «In der alten Wohnung klebte Schimmel an den Wänden. Dank der guten Luft hier muss er nicht mehr inhalieren.»

Die fünfköpfige Familie Haliti lebt in einer der 72 Wohnungen der Siedlung Brunnenhof im Norden der Stadt Zürich.

Die Lage der zwei langgezogenen Bauten ist beinahe idyllisch: Sie umrahmen den Park beim Gemeinschaftszentrum Buchegg mit seinen alten, prächtigen Bäumen. Obwohl das eine Gebäude an der stark verkehrsbelasteten Hofwiesenstrasse liegt, ist es in den Wohnungen erstaunlich ruhig. Denn die Wohnräume sind so aufgeteilt, dass die privaten Bereiche zum Park hin ausgerichtet sind. Schallschutzfenster und eine gute Isolierung halten den Strassenlärm fern. «Vor den Fenstern ist zwar immer viel los», sagt Lucrezia Zanetti, die mit ihren fünf Kindern eine Fünfeinhalb-Zimmer-Wohnung teilt, «aber der Lärm der Hofwiesenstrasse dringt nicht zu uns herein.»

Doch die gute Isolierung hält nicht nur den Strassenlärm draussen, sondern auch den Kinderlärm drinnen: «Unsere vier Kinder können in der Wohnung auch einmal laut herumtoben. Dank den schalldichten Wänden muss ich sie nicht ständig daran erinnern, leise zu sein», sagt Sabrije Tahiraj, 39. Selbst die Nachtruhe der Bewohner ist garantiert: Eine Lüftungsanlage sorgt auch bei geschlossenen Fenstern für frische Luft und hält den nächtlichen Lärm draussen.

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Familie Tahiraj schätzt es, dass die Kinder in der Wohnung herum­toben können – ohne immer gleich an die Nachbarn denken zu müssen.

Quelle: Christine Bärlocher

Nur an Familien mit mindestens drei Kindern

Die Gebäude des Brunnenhofs sind im Minergie-Standard erbaut und genügen sogar den strengeren Minergie-Eco-Anforderungen. Das heisst: Die Baumaterialien sind nach ökologischen Kriterien ausgewählt und sorgen für ein gutes Raumklima ohne schädliche Immissionen.

Wie die Wohnungen mit Minergie-Standard funktionieren, erklärt der Hauswart den Bewohnern schon beim Einzug. Dazu gehört etwa der Hinweis, dass die Fenster trotz Lüftungsanlage zum Durchlüften geöffnet werden dürfen. Oder wie die Heizung in den Räumen individuell reguliert werden kann. Die Wärme für die Fussbodenheizung und das warme Wasser liefert das Fernheizkraftwerk der nahen Kehrichtverbrennungsanlage – eine umweltschonende Angelegenheit.

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Dass sie die Fenster nicht immer geschlossen halten müsse, schätzt Lucrezia Zanetti. «Vor allem im Sommer lasse ich die Fenster gern auch einmal offen.» Trotzdem sei die automatische Komfortlüftung eine gute Sache: «Wenn es im Badezimmer dampft oder in der Küche nach Fondue riecht, saugt das Lüftungssystem die gebrauchte Luft ab und bringt wieder frische Luft in die Räume.» Zum Glück, meint sie, denn: «Bei einem so offenen Wohnungsgrundriss würden sich die Küchen- und Badezimmerdämpfe wohl in der ganzen Wohnung verteilen.»

Gegenwärtig leben im Brunnenhof 145 Erwachsene und 258 Kinder. Die Eigentümerin, die Stiftung «Wohnungen für kinderreiche Familien», vermietet nur an Familien mit mindestens drei Kindern. Die meisten Wohnungen sind subventioniert durch Stiftung und Stadt oder Kanton Zürich. Dazu kommen ein paar freitragende Wohnungen für Besserverdienende. «So erreichen wir eine gute soziale Durchmischung von Familien mit unterschiedlichen Einkommen», sagt Eva Sanders, die Geschäftsführerin der Stiftung. Durchmischt ist die Einwohnerschaft auch hinsichtlich ihrer Herkunft: Menschen aus 24 Nationen leben unter den zwei Dächern zusammen.

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Schon bevor die ersten Mieter einzogen, hatte sich die Vermieterin überlegt, wie das Zusammengehörigkeitsgefühl gefördert und Konflikten vorgebeugt werden könnte. Mit Unterstützung des Bundesamts für Wohnungswesen liess sie von der Stiftung Domicil ein Projekt zur Konfliktprävention in der Wohnsiedlung erarbeiten. «Unser Ziel ist es, das Wir-Gefühl zu fördern. Dabei setzen wir auf die Eigeninitiative der Bewohnerinnen und Bewohner», sagt Eva Sanders. Eine Sozialarbeiterin koordiniert die Ideen der Bewohnerinnen und Bewohner und unterstützt sie bei deren Umsetzung. Erste Ansätze des «Multikultilebens» im Brunnenhof sind die Mütter-Kafitreffs, die Filmabende im Gemeinschaftsraum und eine eigene Internetseite mit Veranstaltungshinweisen, Kauf- und Tauschbörsen. Ausserdem bildet sich derzeit eine Gruppe von Eltern, die sich gegenseitig beim Kinderhüten unterstützen will. Der Nachwuchs – 64 Prozent der Brunnenhof-Bewohner sind Kinder – bringt nicht nur Leben in die Bude, sondern sorgt auch dafür, dass sich die Eltern untereinander vernetzen und begegnen – in Hort, Doppelkindergarten und Gemeinschaftsraum.

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Einander begegnen können sich Mieterinnen und Mieter auch im Gemeinschaftszentrum Buchegg gleich um die Ecke, im beliebten Café Lola mit Gartenbeiz – dem Treffpunkt im Quartier. Das buntgefächerte Angebot des GZ – von Muki-Vaki-Turnen über Pilates, Salsa und Yoga für Eltern bis zu Konversationskursen – wird von Ausländern und Schweizern genutzt. Die Kleinen versuchen sich unterdessen im Ballett, striegeln die Tiere vom Ponyhof oder basteln in der Schreinerwerkstatt ein Tor fürs Fussballspiel im Park.

«Der Park ist ein Eldorado für Kinder», sagt Lucrezia Zanetti. Tische laden zum Picknicken ein, eine Schaukel zum Durch-die-Lüfte-Schwingen, und jeden Mittwoch versammelt sich eine Schar von Kindern mit ihren Eltern ums Gemeinschaftsfeuer. Ein Erfolg war auch das Siedlungsfest im Sommer: Es soll nun jedes Jahr zu Begegnungen im Park einladen.

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Lucrezia Zanetti mit ihren fünf Kindern – 64 Prozent der Brunnenhof-Bewohner sind Kinder.

Quelle: Christine Bärlocher

«Eigentlich haben wir es hier sehr gut»

Wie sich das Gemeinschaftsleben im Multikulti-Brunnenhof entwickelt, wird wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. «Wir erforschen, welche Bedeutung dieses Wohnmodell fürs nachbarschaftliche Zusammenleben hat», sagt Eveline Althaus vom Forschungsteam der Berner Fachhochschule für soziale Arbeit. Hilft das Modell im Umgang mit Spannungen und Differenzen? Bewährt es sich im Vermeiden von Konflikten? Erste Resultate sollen Ende 2009 vorliegen.

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Auf diesen Zeitpunkt hin erwartet Eva Sanders auch die ersten Zahlen zum Energieverbrauch der Siedlung. Der Brunnenhof ist der einzige Minergie-Bau der Stiftung, die insgesamt über fünf Wohnsiedlungen verfügt. Als es darum ging, beim Bucheggplatz die sieben nicht mehr zeitgemässen Mehrfamilienhäuser mit Baujahr 1931 durch moderne Neubauten zu ersetzen, fiel die Wahl auf den Minergie-Eco-Standard. «Wir wollten preiswert, energiesparend und gleichzeitig nach höchsten ökologischen Standards bauen», sagt Eva Sanders. Das Kunststück fertiggebracht hat das renommierte Zürcher Architekturbüro von Annette Gigon und Mike Guyer. Ende 2007 war das 37,6 Millionen teure Projekt vollendet.

Das Ergebnis überzeugt – nicht nur optisch und dank der kunstvollen Fassade mit den bunten Glaspaneelen, die in frischen Regenbogenfarben erstrahlen, sondern auch der guten Wohnqualität und der erschwinglichen Mieten wegen. Nicht zuletzt ist das Zusammenleben so vieler Nationalitäten und kinderreicher Familien einmalig. «Vielleicht fahren die Kinder beim Spielen einmal zu oft Lift», schmunzelt Eva Sanders. «Aber solche kleinen Probleme kann man lösen.» Denn, zieht sie nach gut einem Jahr Zusammenwohnen Bilanz: «Eigentlich haben wir es hier im Brunnenhof sehr gut.»

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Die subventionierten Wohnungen der Minergie-Siedlung Brunnenhof in Zürich sind begehrt, gerade bei Familien mit mehr als drei Kindern. Die städtische Stiftung «Wohnungen für kinderreiche Familien» führt eine Warteliste für Interessentinnen und Interessenten.

Eintragen lassen können sich Leute mit

  • Schweizer Pass oder Niederlassung C, mindestens drei Kindern unter 18 Jahren,
  • einem steuerbaren Einkommen unter 63'000 Franken (bis zu 85'000 bei nicht subventionierten Wohnungen).
  • Zudem muss man seit zwei Jahren in der Stadt Zürich wohnen oder das Stadtzürcher Bürgerrecht besitzen. Und schliesslich braucht es noch eine Portion Geduld: Die Wartezeit beträgt zurzeit drei bis fünf Jahre.