Elisabeth Joris, 69, ist Historikerin und forschte vor allem zur Geschichte der Frauen in der Schweiz. Sie lebt in Zürich, ist Mutter zweier erwachsener Söhne und hat zwei Enkelinnen, die sie regelmässig betreut. (Bild: privat)

Quelle: Thinkstock Kollektion

Beobachter: Sie sind Mutter zweier erwachsener Söhne und waren stets berufstätig. Wie haben Sie damals in den siebziger und achtziger Jahren alles unter einen Hut bekommen?
Elisabeth Joris: Wir gehörten zur 68er Bewegung, wir haben unkonventionell gelebt – wir gegen den Rest der Welt. Schon vor der Geburt unseres ersten Sohnes gründeten wir eine WG mit Gleichgesinnten, so war dann stets jemand da, der zu den Kindern schaute. Später nutzten wir auch die Krippe der ETH. Dass ich berufstätig blieb, war für uns selbstverständlich. Aber wir wurden schräg angeschaut. Mein Mann wurde manchmal gefragt, ob ich denn immer noch arbeiten müsse. Und ich galt bei nicht wenigen als Rabenmutter.

Beobachter: Seither haben der Staat und die private Wirtschaft viel getan, um den Müttern die Erwerbstätigkeit zu erleichtern. Wieso klagen trotzdem so viele über die grosse Belastung?
Joris: Es ist zwar heute üblich, dass eine Mutter Teilzeit arbeitet. Das wird sogar erwartet. Sie muss etwas machen aus ihrer Ausbildung. Aber sie muss das selber in Übereinstimmung bringen mit ihren Aufgaben zu Hause. Das bedeutet Doppelbelastung. Wenn das Kind krank ist und nicht in die Krippe kann, muss sich in der Regel die Mutter umorganisieren, nicht der Vater. Sie trägt die Hauptverantwortung für die Familie. Diesbezüglich hat keine Neudefinition der Frauenrolle stattgefunden.

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Beobachter: Warum?
Joris: Die Politik erachtet die Betreuung von Kindern nicht als gesellschaftliche Aufgabe. Die Sprache ist da sehr verräterisch: Man spricht von Soziallasten, aber nie von Verkehrslasten. Strassen werden als notwendige Infrastruktur betrachtet. Wenn es Stau hat, braucht es einen zweiten Gotthardtunnel, auch wenn es Milliarden kostet. Kinderkrippen oder Horte hingegen gelten – ausser in der Diskussion um den Fachkräftemangel – als eine Art Luxus.

«Es ist für viele Frauen nicht einfach, zu Hause Macht abzugeben.»

Elisabeth Joris

Beobachter: In vielen anderen Ländern ist das anders. Wieso? 
Joris: Als Land, an dem der Zweite Weltkrieg vorübergezogen ist, konnten wir es uns leisten, auf die Erwerbstätigkeit der Mehrheit verheirateter Frauen zu verzichten. In Frankreich war und ist das bis heute unmöglich, dort sind Familien auf zwei Einkommen angewiesen. In Schweden war seit der Zwischenkriegszeit eine sozialdemokratische Regierung an der Macht, die sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Fahne geschrieben hatte. In der Schweiz haben die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften hingegen dazu beigetragen, das System des männlichen Ernährerlohns zu festigen, das bis heute in den Köpfen regiert.

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Beobachter: Wie das? 
Joris: In der Hochkonjunktur nach dem Krieg war der Ernährerlohn ein Argument zur Durchsetzung von Lohnerhöhungen. Obwohl es damals bereits viele bürgerliche Frauen gab, die das Hausfrauenmodell gar nicht lebten. Sie führten im Hintergrund das Geschäft des Ehegatten, aber tauchten in keiner Statistik als Berufsfrauen auf.

Beobachter: Sind die Frauen nicht auch selber schuld daran, dass sich nichts ändert? 
Joris: Zum Teil ja. Viele haben diese Rollenbilder stark verinnerlicht. Und es ist nicht einfach, zu Hause Macht abzugeben. Doch auch die Wirtschaft tut wenig, damit Berufs- und Familienleben kompatibel werden.

Beobachter: Was bräuchte es? 
Joris: Zum Beispiel externe Kinderbetreuungsangebote, die auch dann offen sind, wenn Eltern von mittags bis spätabends oder am Wochenende arbeiten müssen. Und: Wenn Männer darauf beharrten, einen Teil zu übernehmen – und zwar verlässlich, nicht nur wenn es gerade passt –, liessen die meisten Frauen los.