Sie setzen sich zu Ihrem spielenden Kind, paffen 40 Zigaretten und blasen dem Kleinen den Rauch mitten ins Gesicht. Unvorstellbar! Doch Spielen kann exakt so gefährlich sein: Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, sind krebserregend – und werden oft als Weichmacher in Gummi und Plastik eingesetzt, etwa in Rädern von Spielzeugautos.

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung hat festgestellt, dass die PAK sehr gut durch die Haut in den Körper gelangen können. Der erlaubte Grenzwert sei so hoch, dass die Kinder bei einstündigem Hautkontakt ein Vielfaches dessen aufnehmen, was im Rauch von 40 Zigaretten enthalten ist. In jedem dritten untersuchten Spielzeug wurde ein bedenklich hoher Anteil an PAK gefunden. Dabei wäre es laut den Experten problemlos möglich, ohne den Schadstoff auszukommen.

Zu viele Produkte: Prüfer müssen aufgeben

Jeder vierte Rückruf des europäischen Schnellwarnsystems für gefährliche Konsumgüter (Rapex) betrifft Spielzeug. Jede Woche werden so Dutzende von Spielsachen aus dem Verkehr gezogen. Doch die Prüfer müssen vor der schieren Menge kapitulieren: Nur ein Bruchteil kann überhaupt begutachtet werden.

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Viele der gefährlichen Plastik-, Holz- und Metallobjekte sind auch hierzulande erhältlich. Denn die Schweiz hat die entsprechenden Richtlinien von der EU übernommen. Die grossen Spielzeughändler Migros und Coop haben zwar verschiedene Kontrollstufen eingerichtet, teils bei den Herstellern vor Ort. Auch sie operieren bloss mit Stichproben – und müssen dennoch stets wieder Spielwaren zurückrufen.

Plötzlich ist wieder mehr Blei erlaubt

Auch bei den Stichproben der kantonalen Laboratorien fallen immer wieder Spielsachen durch. Sie weisen technische Mängel auf oder enthalten zu viele Schadstoffe in Lacken, Farben, Kunststoffen oder Klebstoffen. Manche können Krebs auslösen, andere beeinflussen das Hormonsystem oder schädigen das Immunsystem.

Das Pikante dabei: Die beanstandeten Spielsachen tragen meist das in der EU gesetzlich vorgeschriebene Zeichen CE. Eigentlich verpflichten sich die Hersteller damit, nach geltenden EU-Regeln zu produzieren. Schön wärs.

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Nun hat die EU eine neue Richtlinie für Spielwaren erarbeitet, die ab 2011 umgesetzt werden soll und ab 2013 auch in der Schweiz gilt. Hersteller, Importeure und Verkäufer werden stärker in die Pflicht genommen. Hersteller etwa müssen ein Produktesicherheitsdossier vorweisen. Für etliche Schadstoffe wurden zudem die Grenzwerte herabgesetzt, andere wurden neu ins Gefahrenverzeichnis aufgenommen.

Doch bereits wird Kritik laut: «Die neuen Richtlinien greifen zu kurz», sagt Forschungsleiter Andreas Hensel vom Bundesinstitut für Risikobewertung. «Kinder sind wesentlich empfindlicher gegenüber chemischen Stoffen als Erwachsene. Darum brauchen wir auch besonders hohe Anforderungen an die Ungiftigkeit von Spielzeug.» Doch das werde auch in Zukunft nicht erreicht: Für viele Schadstoffe sind die Grenzwerte auch in der neuen Richtlinie zu hoch, bemängelt Hensel. Besonders stossend: Bei einigen Schwermetallen wurden die Vorschriften gar gelockert. So darf sich etwa mehr Blei als bisher aus dem Spielzeug lösen.

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Andreas Hensel, Bundesinstitut für Risikobewertung

Sechsjährige, so stellen die deutschen Wissenschaftler fest, haben im Mittel bereits 15'000 Stunden gespielt. Vor allem kleinere Kinder nehmen die Spielsachen mehrere Stunden pro Tag in Mund oder Hand. Daher verlangen die Experten, dass für Spielwaren ebenso strenge Vorschriften gelten sollen wie für Lebensmittel.

Die Schweiz sieht keinen Handlungsbedarf. Die neue EU-Richtlinie erhöhe grundsätzlich die Sicherheit von Spielzeug in etlichen Aspekten, sagt Kurt Lüthi vom Bundesamt für Gesundheit. Man habe zwar die Kritik des deutschen Instituts zur Kenntnis genommen. Doch: «Wir werden nicht aktiv, sondern warten ab, was die EU unternimmt.» Ob die EU tatsächlich handelt, ist allerdings offen. Ein wissenschaftliches Gremium der Europäischen Kommission berät derzeit darüber, ob zusätzliche Stoffe in die Richtlinie aufgenommen oder strengere Grenzwerte gelten sollen. Ende Mai sollen die Resultate vorliegen.

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«Die neue Richtlinie darf nicht der Spielzeugindustrie entgegenkommen, sondern muss unsere Kinder schützen», sagt Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz. Man zähle darauf, dass härtere Vorgaben erlassen werden.

Man vertraut weiter auf die Hersteller

Ein Problem werden auch verschärfte Grenzwerte nicht lösen: Die Hersteller werden ihre Produkte nach wie vor selbst prüfen. Eine unabhängige, systematische Kontrolle durch Dritte ist nicht vorgesehen. Stichproben soll es auch künftig erst geben, wenn die Ware bereits in den Regalen liegt.

Konsumentenschützer raten daher, nur Spielzeug mit dem GS-Siegel zu kaufen (siehe unten: «Relativ sicher: Das GS-Siegel»). Die unabhängigen GS-Testinstitute haben sich strengere Richtlinien gesetzt als gesetzlich vorgesehen. So erhält nur ein kleiner Teil der Spielsachen das Gütesiegel. Bei den rund 50'000 GS-Prüfungen pro Jahr fällt jedes zweite Produkt durch. Daher ist man gut beraten, wenn man mit allen Sinnen einkauft. Denn was stark nach Chemie riecht und abfärbt, sondert eventuell schädliche Stoffe ab.

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Relativ sicher: Das GS-Siegel

Das wirklich sichere Spielzeug gibt es kaum. Das deutsche Zeichen GS – es steht für «geprüfte Sicherheit» – gewährleistet aber, dass das Produkt durch eine unabhängige, zugelassene Stelle über mehrere Jahre geprüft wurde. Konsumentenschützer empfehlen, vor allem Spielsachen mit diesem Gütesiegel zu kaufen. Die GS-Prüflabore untersuchen die Ware auch auf Stoffe, die bis anhin für Spielsachen nicht geregelt sind. So etwa auf Krebs­erreger: GS-Spielwaren enthalten höchstens so viel polyaromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), wie in Deutschland als unbedenklich gilt. Zudem darf PAK in Spielwaren, die Kinder in den Mund nehmen, «nicht nachweisbar» sein. Das GS-Zeichen wird auf Antrag des Herstellers vergeben.