Meine drei Jungs staunen, dass ich den Samariterknoten beherrsche, Velos flicke und bei Regen und Windstärke sechs Feuer mache. Ich bin Superdad und könnte sogar fliegen, sind sie überzeugt. Waren sie bis vor kurzem jedenfalls.

Das mit dem Fliegen hat sich erledigt. Und zwar so: Der Älteste bekam so ein Flugzeug aus Styropor, eine CP-708, Spannweite 46 cm, zweistrahlig. Der linke Hebel der Fernsteuerung gibt Schub, je mehr, desto steiler hinauf. Mit dem rechten steuert man: Hebel nach rechts, die Maschine zieht nach links. Hebel nach links, sie dreht rechts ab. Seitenverkehrt wie echt, wenn man mit zwei Motoren steuert. Ein Kinderspiel. Dachte ich.

Wir fuhren also zu der grossen Wiese bei Winterthur – Zeit für die Eroberung der Lüfte, Zeit für Heldentum. Unterwegs noch etwas Basiswissen: erster Motorflug der Brüder Wright 1903, Atlantikflug von Lindbergh 1927, Trimmung, Auftrieb, Strömungsabriss und väterliche Instruktionen, wie man die CP-708 bedient. Dann der grosse Moment für die kleinen Pioniere: Windmessung, Instrumentencheck, Startfreigabe. Der Älteste hebelt an der Fernsteuerung. «Schub! Maximaler Schub!» – Der Flieger bohrt die Nase ins Gras. Nochmals. «Vollgas!» 5 Meter – Bauchlandung. Ein paar Mal geht es so. Dann muss der Vater übernehmen.

Der Start gelingt souverän, die Maschine schraubt sich hoch, glänzende Kinderaugen zum Himmel gerichtet, eine elegante Kurve über den Schrebergärten – Vater kann wirklich alles. Sie steigt noch immer, 8 Meter, 10, offene Kindermünder, 15 Meter. Nun wenden. «Achtung Bäume!», schreien die Kinder. Sinken, Schub weg, abdrehen, Schub rechts, nein drosseln, nein links, ach! Gegenschub auf beiden Triebwerken – Mayday! Mayday! Der Flieger hängt in der Tanne, in 15 Meter Höhe.

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Die Kinder sind am Boden zerstört, ich ebenso. Die stolze CP-708, verloren nach nur einer Flugviertelstunde! Feuchte Kinderaugen, zur Tanne gerichtet. Enttäuschtes Schluchzen. Ich muss den Flieger retten, die väterliche Autorität retten und, wenns geht, den kümmerlichen Rest des Heldenstatus. «Die Hebel waren andersherum und überhaupt, bei Windstärke sechs.»

Doch faule Ausreden helfen nichts. Es muss etwas geschehen. «Wir holen die Feuerwehr.» Auf der Wache schildere ich die Katastrophe. 450 Franken koste der Einsatz, erklärt der Feuerwehrmann und weiss, dass ich den Jungs nie erklären kann, dies stehe in keinem Verhältnis zum Verlust. (Ausser man stellt den Gesichtsverlust des Vaters in Rechnung.) Der Feuerwehrmann blickt in die nassen Kinderaugen und ins gequälte Vatergesicht. «Ich kanns ja als Übung abbuchen», sagt er.

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Zurück am Unfallort, halten wir Wache. Dann, nach langen Minuten, kommt durch die Schrebergärten der grösste Löschzug Winterthurs angefahren, mit zwei Mann in Vollmontur. Sie fahren die Leiter aus. Leuchtende Kinderaugen. Und als einer dann den Flieger aus den Ästen greift und zur Erde zurückbringt, ist das Glück vollkommen. Zwei Flaschen Wein überreiche ich den Feuerwehrleuten – das ist mir mein väterlicher Heldenstatus wert.

Seither wissen die Buben: Fliegen kann ihr Vater nicht. Aber der beste ist er allemal. Denn wer sonst bietet die Feuerwehr auf zu einer so spektakulären Spielzeug-Rettung? Ich schwöre: Ich habs für die Kinder getan. Und, nun ja, ein wenig auch für mich.