Beobachter: Unser Artikel «Kinder in der Korrigiermühle» (Beobachter Nr. 21) sorgte bei Ihren Studenten für Unruhe. Wie haben Sie sie beruhigt?
Josef Steppacher: Sie hinterfragten vor allem die Zahlen. Wir diskutierten die Frage, ob es korrekt ist, von einem Therapiewahn beziehungsweise einer Zunahme von sonderpädagogischen Massnahmen zu sprechen. Ich bezweifle das. Und: Die Studierenden fühlten sich als Berufsgruppe vom Artikel diffamiert.

Beobachter: Wie haben Sie reagiert?
Steppacher: Ich habe betont, dass wir als Hochschule alles tun, um die Professionalität der Sonderpädagogen und -pädagoginnen zu stützen. Und dass ich überzeugt bin, dass Selbstzuweisungen Einzelfälle sind. Auch dass Eltern zu wenig Mitspracherecht haben, kann als Entgleisung vorkommen. Keine Berufsgruppe ist vor Fehlern gefeit. Schwarze Schafe gibt es überall, auch bei den Journalisten.

Beobachter: Die Redaktion bekam sehr viele Rückmeldungen von Eltern, die unsere Schilderungen stützen. Sind das wirklich alles Einzelfälle?
Steppacher: Das kann ich nicht beurteilen. In der Regel meldet die Lehrperson einen Förderbedarf an. Erst dann kommt ­eine Fachperson ins Spiel – Heilpädagogin, Logopädin, Psychomotorikerin – und schaut das Kind an. Danach kommt es zu einem sogenannten schulischen Standortgespräch mit den Fachleuten, Lehrern und Eltern.

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Beobachter: Laut unseren Recherchen läuft es oft anders. De facto kommt die Logopädin in den Kindergarten, untersucht die Kinder auf sprachliche Defizite, und die Eltern werden per Brief über den Therapiebedarf informiert.
Steppacher: Der Gesetzgeber sieht aber etwas anderes vor. Es gibt keine sonderpädagogische Massnahme im niederschwelligen Bereich ohne ein Standort­gespräch.

Beobachter: Wir machen völlig andere Erfahrungen, auch mit unseren eigenen Kindern.
Steppacher: In manchen Gemeinden werden Reihenuntersuchungen durchgeführt, das ist richtig. Diese sind unter Fachleuten umstritten, weil sie je nach ­angelegtem Massstab auch subjektiv ausfallen können. Bei Reihenuntersuchungen befürchtet man immer, dass zu vielen Kindern Mass­nahmen zugewiesen werden. Sie haben aber eine gute präventive Funktion; man sieht, wenn sich etwas anbahnt. Frühe Hilfen sind wirksamste Hilfen.

Beobachter: Fachleute wie Ihr Kollege Andrea Lanfranchi von derselben Hochschule warnen davor, Kinder zu schnell in eine Massnahme zu stecken, weil das stigmatisierend wirken kann.
Steppacher: Stigmatisierung ist ein Thema, das wir mit den Studierenden breit diskutieren. Wie können wir die Kinder fördern, ohne dass sie sich speziell behandelt oder ausgeschlossen vorkommen? Das ist ein grosses Thema in der ganzen Integrationsfrage. Stigmatisierung können wir leider nie völlig ausschliessen.

Beobachter: Werden heute Kinder therapiert, bei denen es nicht wirklich notwendig wäre?
Steppacher: Nein, das mag höchstens in Einzel­fällen passieren. Eine professionelle Fachkraft wird aber schnell merken, wenn sie sich verschätzt haben sollte, und die Massnahme abbrechen. Und: Die Eltern müssen ja nicht jede vor­geschlagene Fördermassnahme an­nehmen. Es ist ihr Recht zu sagen: «Wir wollen das nicht.»

Beobachter: Es braucht aber viel Mut, sich gegen den Rat einer Fachperson zu stellen.
Steppacher: Wenn Standortgespräche schlecht durchgeführt werden, ist es denkbar, dass Eltern eingeschüchtert sein können. Aber es gibt auch viele Eltern, die mit viel Power auf die Unterstützung ihres Kindes pochen. Sie spüren einen starken Leistungsdruck und wollen, dass ihre Kinder die bestmögliche Anschlusslösung erhalten oder gar ins Gymi kommen.

Beobachter: Viele der Therapien werden auf Druck der Eltern durchgeführt?
Steppacher: Ja, dieses Gefühl habe ich stark. Insbesondere in der schulischen Heil­pädagogik, bei der integrativen Förderung mit Schwerpunkt Sprache und Mathematik. Eine Vier im Zeugnis löst Sorgen aus.

Beobachter: Sie stehen dem Zürcher Schulversuch «Fokus starke Lernbeziehungen» kritisch gegenüber. Warum? Er soll die Beziehung Lehrperson–Kind stärken und die Zahl der Therapeuten im Klassenzimmer reduzieren.
Steppacher: Ich finde auch, dass heute zu viele Leute im Schulzimmer sind. Das erschwert die Absprachen, die Kinder sind überfordert mit so vielen Bezugspersonen, Lehrer und Eltern auch. Wir begrüssen, dass da etwas Neues kommen soll. Wir sind als Hochschule in der Begleitgruppe dieses Schulversuchs und bieten Beratung und Unterstützung an. Aber problematisch finden wir, dass die Kompetenzen für den niederschwelligen Bereich in diesem Versuch grösstenteils zu den Lehrpersonen gehen.

Beobachter: Wieso problematisch?
Steppacher: Wir haben Zweifel, ob die heutigen Lehrer von ihrer Ausbildung her wirklich so weit sind, Kinder mit einem speziellen Förderbedarf adäquat fördern zu können. Uns liegt die Qualität sehr am Herzen, und wir sind besorgt, ob die noch garantiert werden kann, wenn Heilpädagogen nur noch beratend tätig sein sollen. Es sind ja die gleichen Lehrer, die bisher ausgesondert haben, die nachher integrieren sollen.

Beobachter: Weniger Therapeuten im Schulzimmer, das halten Sie eigentlich für richtig …
Steppacher: Auf jeden Fall. Nur würde ich die Ressourcen anders zusammensstellen und jeder Klasse 150 Prozent «Lehrkraft» geben, davon 50 Prozent für eine Heilpädagogin. Sie deckt die integra­tive Förderung aller Lernenden ab, den Deutsch-als-Zweitsprache-Unterricht, die Begabtenförderung sowie je nach Bedarf auch Nachhilfe in einzelnen Fächern. In der Zürcher Gemeinde Stadel funktioniert das zum Beispiel bestens.

Beobachter: Muss die Unterstützung der Lehrer von Therapeuten kommen?
Steppacher: Meine Vision ist, dass Lehrkräfte an den pädagogischen Hochschulen so gut ausgebildet werden, dass sie den heilpädagogischen Bereich selber abdecken können. Davon sind wir meilenweit entfernt. Eigentlich bräuchte es – nach zehn Jahren Integration – eine detaillierte Evaluation. Das würde zeigen, was gut läuft und was nicht.

Kinder in der Korrigiermühle

Im Oktober kritisierte der Beobachter (siehe Artikel «Kinder in der Korrigiermühle»), dass in Deutschschweizer Schulen immer mehr sonderpädagogische Massnahmen angeordnet werden – viele davon ohne belegbaren Nutzen. In vielen Kantonen werden weder die Kosten dieser Massnahmen genau erfasst noch die Anzahl Kinder, denen sie zugutekommen. Der Kanton Zürich führt Statistik: Hier besuchen 30 bis 40 Prozent aller Schulkinder sogenannt niederschwellige sonderpädagogische Massnahmen. Die Kosten dafür belaufen sich auf 220 Millionen Franken. Fachleute wie Andrea Lanfranchi von der Interkanto­nalen Hochschule für Heilpädagogik kritisieren den Förderwahn: «Dieses Fördern um jeden Preis überfordert nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern und die Fachpersonen selber.» Lanfranchi und andere Fachleute warnen davor, dass Kinder unnötig stigmatisiert würden. Abhilfe schaffen soll der neue Schulversuch «Fokus starke Lernbeziehungen» – ein Pilotprojekt, das vorsieht, dass jede Klasse von zwei Lehrpersonen im Team unterrichtet wird. Dieses Team fördert mit fachlicher Unterstützung alle Kinder, auch jene mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen.