Der fünfjährige Ritter schwingt sein Schwert und befiehlt seiner gleichaltrigen Spielkameradin: «Du bleibst da sitzen - ich beschütze dich!» Und was tut die kleine Prinzessin? Nichts, sie setzt sich hin und wartet, als ob es nichts anderes gäbe fürs weibliche Geschlecht! Wer hat da versagt, die Frauenbewegung oder die Eltern? Was für ein Glück, dass der Bub meiner ist und nicht das Mädchen. Bei einem Jungen ist so ein Verhalten doch herzig, oder? Der kleine Ritter wird seinen Weg bestimmt machen.

Er selber scheint sich dessen allerdings nicht so sicher. Jedenfalls nicht, wenn er nicht endlich eine richtige «Chäpsli»-Pistole bekommt. «Mami, ich will eine! Ich brauche eine! Ich muss eine haben.» So geht es den ganzen Tag. Dabei knallen diese Dinger doch so lästig und wirken extrem gewalttätig.

Wichtig ist das Spiel, nicht die Waffe
Ich kenne die endlosen Diskussionen unter Eltern. Während die einen in Pistolen überhaupt kein Problem sehen, lassen andere solche Kriegsgeräte aus Prinzip nicht ins Haus. Ich habe Mütter erlebt, die jahrelang mit Nerven aus Stahl allem kindlichen Stürmen standhielten. Dafür wurde dann jede gefundene Astgabel zur Pistole, jeder längere Stecken zum Gewehr, selbst ein harmloser Schnorchel machte plötzlich «päng». Und die Mütter fragen sich besorgt: Wieso wollen die Buben das unbedingt?

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Ganz einfach, weil sie sich so stark fühlen. «Solche Wünsche sollte man auf keinen Fall unterdrücken», betont Jeannine Schälin vom Marie-Meierhofer-Institut für das Kind. Für kleine Kinder bedeute eine Pistole etwas ganz anderes als für Erwachsene: «Wir sehen darin das Töten, Kinder nur das Kräftemessen.» Wenn Kinder sagen: «Jetzt wärst du tot», handeln sie aus, wer im Moment der Stärkere ist. Und manchmal, so Schälin, «vertreibt das sichere Gefühl einer Spielzeugpistole im Bett sogar Alpträume».

Für gar nicht kindgerecht hält es die pädagogische Fachberaterin hingegen, wenn Erwachsene von sich aus ihr Kind mit möglichst realistisch nachgebauten Maschinengewehren ausrüsten. Wer seinen Kindern solche Geräte schenkt, müsse sich fragen, ob nicht vielleicht ein eigenes Frustrations- oder Machtlosigkeitsgefühl auf die Kinder übertragen werde. Wichtig sei das Spiel, nicht die Frage, wer die coolere und grössere Waffe hat.

Was bei den Buben die Pistole, ist bei den Mädchen die Barbiepuppe - ein rotes Tuch für viele Eltern. Ein kleiner Tipp aus Erfahrung, wenn Sie nicht gern in Fettnäpfchen treten: Schenken Sie nie einem Gottenkind ein solches Ding, bevor Sie nicht genau wissen, was seine Eltern davon halten. Man kann sich ja wirklich fragen, was dieses plastikgewordene Busenwunder bei Mädchen bewirkt. Bei ihrer «Geburt» in den fünfziger Jahren hatte die Puppe eine noch grössere Oberweite und eine noch schmalere Taille als heute, was erst nach heftigen Elternprotesten etwas abgeschwächt wurde. Trotzdem kommen Wissenschaftler immer noch zum Schluss, dass eine reale Frau mit den Massen von Barbie nicht lebensfähig wäre: Der Unterleib böte gar nicht genug Platz für alle lebensnotwendigen Organe. Dass das Plastikgirl zudem nicht anders kann, als mit Stöckelschuhen durch die Welt zu trippeln, gehört auch nicht unbedingt zum Rollenvorbild, das man sich für seine Tochter wünscht.

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Aus Barbie wird SchneewittchenDer Tochter die Barbie zu verbieten wäre also durchaus verlockend. Nur: «Wenn man das tut, werden solche Spielsachen künstlich ‹aufgeladen›, und die Sehnsucht nach ihnen wird noch grösser», erklärt Expertin Jeannine Schälin. Im Vergleich zu den realen Vorbildern erachtet die Sozialpädagogin den möglichen Barbie-Einfluss ohnehin als gering. Wichtig sei, welche Rolle die Mütter, Grossmütter, Freundinnen der Mütter oder jugendliche Nachbarinnen vorlebten. Zudem sei es mit den Barbies wie mit den Pistolen: «Wenn man die Kinder lässt, machen sie aus diesen Spielsachen etwas ganz anderes, als wir in ihnen sehen.» Ein auferstandenes Schneewittchen oder Aschenputtel zum Beispiel - positive Phantasie- und Märchengestalten also, die als Identifikationsfiguren für Mädchen sehr wichtig sind. Übrigens ebenso wie die bösen Hexen oder Zauberinnen.

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Bleibt nur die Frage, wieso überhaupt so viele Buben das eine und so viele Mädchen das andere wollen. Bloss an den Genen kann es nicht liegen. Der Zürcher Professor für Neuropsychologie Lutz Jäncke hat Unterschiede in Buben- und Mädchen- respektive Männer- und Frauengehirnen untersucht und kommt zum Schluss: «Die kleinen, womöglich angeborenen Unterschiede werden in unserer Kultur künstlich aufgebläht.» Wir lernen, so der Hirnforscher, in unserer Gesellschaft ganz automatisch, uns geschlechtstypisch zu verhalten. Dabei sei das menschliche Gehirn wie eine «Knetmasse», die sehr sensibel auf Einflüsse von aussen reagiert.

Wenn schon Barbies oder Pistolen, tun Eltern also gut daran, der aufdringlich rosaroten Mädchenecke und den unerbittlich braungrünen «Boys-Corner» der Spielzeugindustrie ein bisschen «entgegenzukneten», indem sie den Kindern möglichst Spielsachen aus beiden Bereichen zugänglich machen.

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Beeinflussung durch die Eltern
Schliesslich würden mehr soziale Rollenspiele jedem Jungen gut tun, und Mädchen könnten bei technischen Konstruktionsspielen ebenfalls einiges fürs Leben lernen. Leider landen Eltern bei diesem Vorsatz oft leichter in der Falle, als ihnen lieb ist. Natürlich haben wir unserem dreijährigen Sohn eine Puppe geschenkt, als er sich eine wünschte. Doch als später unsere siebenjährige Tochter von einer Autorennbahn im Spielzeugkatalog angetan war, sahen wir den hohen Preis, und wir dachten daran, dass sie sich zwar als Dreijährige heftigst für alle Baumaschinen interessiert hatte, aber seither für nichts Derartiges mehr. Ausserdem blieb die Puppe des Sohnes ja auch in der Ecke liegen. Und schon rutschte es raus: «Ich weiss nicht, ob du damit wirklich spielen würdest.»

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«Solche subtilen Beeinflussungen sind sehr schnell passiert», sagt Beraterin Jeannine Schälin. Auch sie plädiert nicht dafür, das teure Spielzeug in jedem Fall zu kaufen. Aber man könnte zum Mädchen sagen: «Wir schauen, ob wir in der Nachbarschaft oder in der Ludothek eine solche Bahn für dich ausleihen können.»

Übrigens: Als die «Chäpsli»-Pistole unseres Sohnes kaputtging, blieb das befürchtete Drama vollkommen aus, und die Barbie unserer Tochter lag nach einiger Zeit unbeachtet in der Kiste. Das Zeug war einfach zum Spielen nicht mehr interessant.

Erzieher - ein prima Männerberuf
Lange dachte man, dass gerade durch die bewusste Erziehung in Kinderkrippen allzu einseitige Geschlechtsrollen von Buben und Mädchen vermieden werden könnten. Dann zeigten Studien, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Im Kleinkindalter setzen sich Kinder bei ihrer Identitätsbildung zentral mit dem eigenen Geschlecht auseinander. Dabei orientieren sie sich an dem, was ihnen als «typisch weiblich» respektive «typisch männlich» erscheint. Mädchen können sich an das halten, was die Erzieherinnen ihnen vorleben. Aber männliche Erzieher gibt es praktisch nicht, also nehmen sich die Buben die anderen Buben zum Vorbild. Und wenn diese kleine Machos sind, die mit Brachialgewalt durch die Welt gehen, ahmen sie das nach.

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Der Schweizerische Krippenverband hat auf diese Problematik reagiert. Mit der Informationskampagne «Kinderbetreuer: ein prima Männerberuf» sollen vermehrt junge Männer in der Berufswahl angesprochen werden (www.kinderbetreuer.ch). Zudem hat der Verband seinen Betrieben einen Leitfaden über das Arbeiten in gemischten Teams abgegeben. Denn selbst aufgeschlossene Menschen trügen manchmal gewisse Rollenmuster in sich, sagt Geschäftsleiterin Ulla Grob-Menges. «Es sollte ja nicht sein, dass die Frauen dem Mann im Team automatisch den Hammer in die Hand drücken.»

Wenn ein Kind ausgelacht wird

Wenn ein Junge gerne mit Puppen spielt und ein Mädchen am liebsten mit Autos, gibt es immer andere Kinder, die sie wegen dieses Verhaltens auslachen. So unterstützen Sie Ihr Kind in dieser Situation:

  • Ein starkes, eigenständiges Kind können Sie in seinem Mut bestärken: Sagen Sie ihm, dass Sie es toll finden, wie es spielt. Sagen Sie ihm auch, dass die lachenden Kinder nicht recht haben. So wird sich das Kind auch unter anderen Kindern weiterhin getrauen, nicht nur geschlechtstypisch zu spielen.
  • Wenn sich das Kind schämt, sollten Sie es hingegen nicht drängen. In diesem Fall nützt es nichts, zu sagen: «Es kommt doch nicht darauf an, was die anderen Kinder denken.» Ermöglichen Sie dem Kind, sein bevorzugtes Spielzeug und seine Interessen in einem geschützten Rahmen wahrzunehmen, wo es nicht ausgelacht werden kann.
  • In Krippen und Kindergärten ist es günstig, wenn die Spielsachen nicht strikt nach «Bäbi»-Ecke, Kochecke oder Autoecke eingeteilt sind, sondern in neutralen Kisten aufbewahrt werden. So können die Kinder sie nehmen und am Ort ihrer Wahl damit spielen - auch mit Autos in der Puppenecke und umgekehrt. Geschlechtstypische Fixierungen werden dadurch aufgeweicht.
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