Anfang Dezember 2003 töteten Eltern in Zürich-Witikon ihre zwei Kinder und sich selber. Im Juli 2004 fand man eine vierköpfige Familie erschossen in ihrer Wohnung in Lenk BE. Im März 2005 brachte ein Vater im aargauischen Muri seine Ehefrau und die beiden Kinder um, bevor er sich selber richtete. Im Mai 2005 geschah das Gleiche in Islisberg AG. Den Leiter des forensisch-psychiatrischen Dienstes der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, Martin Kiesewetter, 60, erstaunt dies nicht. Dass Eltern ihre Kinder töten, sagt Kiesewetter, sei gar nicht so selten.

Beobachter: Haben Kindstötungen durch Eltern in den letzten Jahren zugenommen?
Martin Kiesewetter: Die derzeitige «Häufung» kann zufällig oder von den Medien herbeigeschrieben sein. Immerhin gibt es Untersuchungen, nach denen es in bis zu einem Drittel aller Fälle die Eltern sind, die ihre Kinder umbringen. Statistisch erhärtet ist zudem, dass mehr als die Hälfte aller Tötungsdelikte im sozialen Nahraum geschieht, also innerhalb des Familien- und Bekanntenkreises.

Beobachter: Wieso töten Eltern ihre Kinder?
Kiesewetter: Die Familie ist ein Hort von Emotionen. Da wachsen Liebe und Zuwendung, aber auch Wut, Eifersucht, Hemmungslosigkeit. Es gibt kaum Menschen, die intimer miteinander zu tun haben als Eltern mit ihren Kindern. Daher erstaunt es nicht, dass es in diesem Gefüge auch zu Tötungen kommt.

Beobachter: Meist sind Männer die Täter, nicht Frauen.
Kiesewetter: Das stimmt so nicht. Es kommt durchaus vor, dass suizidale, schwer depressive Mütter ihre Kinder umbringen. Nicht selten sind sie dann so erschöpft, dass ihnen die aggressive Kraft fehlt, ihr Handeln fortzusetzen und auch sich selbst umzubringen. Frauen löschen selten ganze Familien aus.

Beobachter: Die Nacht zu Hause in der Familie ist, statistisch gesehen, also viel gefährlicher als ein Spaziergang durch einsame Strassen?
Kiesewetter: Geht man von den absoluten Zahlen aus, lauert die grösste Gefahr noch immer zu Hause in den eigenen vier Wänden. Das gilt nicht nur für Unfälle oder für sexuellen Missbrauch.

Beobachter: Hört man von einer Tötung, denkt man in der Regel an den fremden Mann, der sein Opfer im dunklen Hinterhof oder in dessen Wohnung ausraubt und umbringt.
Kiesewetter: Statistisch ist das falsch. Raubmorde oder Sexualmorde sind selten. Doch steckt die Vorstellung tief in uns drin: Draussen ist die Gefahr, im trauten Heim fühlen wir uns sicher – auch wenn die Zahlen eine andere Sprache sprechen.

Beobachter: Will man die Zahl der Gewaltdelikte senken, müsste man also Familien stärker unterstützen, beispielsweise indem man vermehrt Krippen- und Hortplätze schafft und die Sozialdienste ausbaut.
Kiesewetter: Dass eine gute Sozialpolitik die beste Möglichkeit ist, um Delikte zu verhindern, wissen wir seit 100 Jahren. Zieht sich die Gesellschaft aus ihrer sozialen Verantwortung zurück, nimmt sie wissentlich mehr Kriminalität in Kauf. Auch die positive Bewertung von Aggressivität zum Beispiel im Wirtschaftsleben bleibt nicht ohne Konsequenzen für die Gewaltbereitschaft.

Beobachter: Könnte man Tötungen verhindern, wenn Kinder früher mit der Lehrerin oder andern Bezugspersonen über die Probleme in der Familie reden würden?
Kiesewetter: Das ist denkbar. Nur: Kinder scheuen sich wie Erwachsene, Probleme zuzugeben. Sie wollen so lange wie möglich so dastehen wie alle andern Kinder auch: alles im Griff, alles in Ordnung. Und Ansprechpersonen für ihre Probleme sind primär die Eltern. Es braucht viel Verzweiflung, bis sie sich an Lehrer wenden.

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