Meine Tochter geht in ihren zweiten Frühling. Der Winterkleidung entledigt, kann sie sich nun auch endlich richtig bewegen, können sich ihre motorischen Fähigkeiten ungestört entfalten. Höchste Zeit also, sich Gedanken über ihren körperlichen und tiefenpsychologischen Entwicklungsstand zu machen.

Ein Ratgeber musste her. Aber keiner dieser «Betty Baby»-Heucheldinger, die einem vorgaukeln, man müsse stolz sein, wenn einem die Kleinen beim Wickeln ans frisch gebügelte Hemd pinkeln. Auch keines dieser Nasa-Handbücher, die das Kind als Rakete verstehen, die – von den Eltern nur richtig mit Treibstoff versorgt – mit Überschall in höhere Sphären des menschlichen Daseins vordringen kann.

Ich kaufte mir also die alte «Spiegel»-Ausgabe «Vom Raubtier zum Menschen». Untertitel: «Wie vor 400'000 Jahren aus dem Jäger das Kultur-Wesen wurde». Genau das Richtige, dachte ich. Doch dann erfuhr ich, dass Liv gerade mal das geistige Niveau von Turkana Boy erreicht hat. Lassen Sie sich nicht vom tollen, hypermodernen Namen blenden. Turkana Boy ist kein türkischer Vorstadt-Rapper; er lebte vor 1,6 Millionen Jahren. Und sein Grips reichte gerade mal für «Körpersprache und Rufe». Das kann Liv zwar auch, längst schon. Motorisch war der Boy – ein flinker Zweifüsser – meinem Girl aber schon damals Jahrhunderte voraus. Wenn ich sie so beim Stolpern durch die Stube sehe, frage ich mich manchmal, ob sie nicht besser ihren Kriechgang hätte weiterverfolgen sollen.

Genau genommen wollte mir der «Spiegel» also weismachen: Liv ist ein Affe – weit davon entfernt, ein echter Homo erectus zu sein, vom Homo sapiens ganz zu schweigen. Das konnte ich natürlich nicht auf meiner Tochter sitzen lassen.

Mittlerweile bin ich wieder überzeugt, dass meine Tochter – der Wissenschaft zum Trotz – die keulenschwingenden Stammler in einem Jahr überholt haben wird. Diese Zuversicht war leicht gewonnen. Ich holte mir, was ich brauchte: einen dieser soften Ratgeber – im rosa Einband.

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