Wer ihn liebt, ruft ihn «Justiiiiiiin!». Alle anderen nennen ihn Bieber. Dabei sieht die Neuauflage von Heintje mehr aus wie ein Lemming aus dem Wäschetrockner. Okay, der war jetzt billig. Denn im Grunde sieht Justin Bieber einfach aus wie ein geduschter Durchschnittsjunge, dem ein vorbeirasender ICE-Zug gerade die Frisur von hinten nach vorne geföhnt hat. Und ja, ich gebs zu: Böse Zungen behaupten, ich selber sähe ein wenig aus wie der Bieber, mit einem Schuss Gilbert Gress. Ich sollte mal den Coiffeur wechseln…

Aber um derlei persönliche Animositäten soll es hier gar nicht gehen, zumindest nicht so direkt. Justin Bieber, dieser 17-jährige Kanadier, der aktuell aus jedem rosa und hellblau gehaltenen Kinderzimmer trällert, stand vergangene Woche auf der Bühne des Hallenstadions. Als Kind hätte ich mich dusselig gefreut, hätte mich mein Vater mal zu Samantha Fox eingeladen – okay, Peter Schilling wär auch in Ordnung gewesen. Dennoch fragte ich – mehr aus familiensoziologischem Interesse denn aus väterlicher Grossherzigkeit – meinen Sohn, ob er allenfalls Lust habe, mit mir an dieses Bieber-Konzert zu gehen. Zu meiner Überraschung empfand er schon allein die Frage als Beleidigung und spuckte aus tiefstem Herzen ein «Spinnsch!» über den Frühstückstisch – nicht aus Böswilligkeit, wie ich fand, sondern aus purer Überheblichkeit, weshalb ich ihm den verbalen Fehltritt mal gerade noch so durchgehen liess. Noch überraschender fand ich jedoch seine Erklärung: «Der singt doch wie ein Mädchen!»

Nun hätte ich ihm entgegnen können, dass es mit seinem Stimmbruch ja auch noch nicht so weit her ist. Doch stellte sich heraus, dass ihn nicht so sehr Biebers Stimmlage verunsicherte, sondern dieses «Baby, Baby» in dessen Liebeslied. «Baby» oder «Bäbi»; nach Sohnemanns Auffassung beides Mädchenkram, ganz klar.

War natürlich ein Steilpass für meine Frau, um dem Sprössling zwischen Dreiminutenei und Ovi mal eben kurz das Ding mit der Liebe zu erklären. Zeit für mich, mal eben auf die Toilette zu verschwinden. Wenig später erklangen die ersten wohlbekannten Bässe aus dem Kinderzimmer. Oje, dachte ich, seine Lieblings-CD: Radio 200'000. Mundart-Rap. Schon wieder. Und das ausgerechnet nach diesem morgendlichen Liebesgesülze. Denn bei Radio 200'000 singt kein frottierter Bubi «Baby, Baby», sondern ein paar ironiegeladene Zürcher: «Nimm si, nimm si, wänn si de Eisprung hät.»

«Das darfst du ihm dann mal erklären», meinte meine Frau. Und ich dachte: Warum nur habe ich ihn nicht zu diesem Bieber-Konzert gezwungen?