Auch ich versuche täglich, meinen vor Ewigkeiten angefangenen Roman fertig zu lesen – doch erfolglos. Zwar schaffe ich meist drei Seiten, bis mir das Buch aus den Händen und ein Lid nach dem anderen über den Augapfel gleitet. Doch meist war ich dann unbewusst so mit mir und meinem Ringen ums Bewusstsein beschäftigt, dass mir tags darauf völlig schleierhaft ist, was auf diesen drei Seiten gestanden hat. Ja, ich muss mir echt Mühe geben, soll das Lesezeichen in der Tendenz nicht rückwärtswandern.

Merkwürdig ist es im Grund ja schon, warum Frau scheinbar mühelos liest und liest und liest, ohne wegzudämmern, während sie für andere Tätigkeiten im Bett angeblich und tendenziell eher zu müde ist.

Ich hegte deshalb den Verdacht, dass dieses Ritual zuweilen auch ein (un-)bewusstes Abgrenzen vom Bettnachbarn mit dem eiskalten Händchen ist. Ein gewieftes Ablenkungsmanöver: Wenn ich nur lange genug lese, wird der Tiger da drüben schon ein(k)nicken. Und meist geht die Rechnung ja auch auf.

Mittlerweile muss so manche Frau jedoch nicht eben mit Begeisterung festgestellt haben, dass insbesondere mit dem iPad ein Unterhaltungstool im Schlafzimmer Einzug gehalten hat, das Mann selbst in der Horizontalen nicht aus der Hand gleiten will. Denn da kann er Musik hören, im Internet surfen, ein Spiel spielen, Mails beantworten und ja, wach bleiben. Wach bleiben. Wach bleiben.

Anzeige

Ich habe mir deshalb auch mal so ein Teil ausgeliehen. Um die Probe aufs Exempel zu machen und festzustellen, wie lange meine Bettnachbarin beim «Lesen» so durchhält. Ich las in Online-Zeitungen. Spielte virtuelle Jassrunden. Beantwortete Mails. Und während ich so dalag und am iPad herumdokterte, vergass ich alles andere. Alles. Und als ich das Ding dann endlich doch aus der Hand gab, war meine Frau längst im Reich der Träume, aus dem sie kein Tiger dieser Welt herausreissen sollte. Hm, dachte ich: So muss es Frau beim Lesen eines tollen Buchs gehen.

Das Experiment selber war im Grunde ein Schuss in den Ofen. Das Einzige, was ich davon hatte, waren noch tiefere Augenringe am Tag danach. Seither habe ich nie mehr ein iPad ins Bett genommen. Stattdessen habe ich mir angewöhnt, nur noch Bücher und Magazine zu lesen, die mich interessieren, um dann nach zehn Seiten zufrieden wegzudämmern. Ist meine Frau dann noch wach, ist das schon okay so. Ich meine: Wenn der Tiger schläft, wird er schliesslich zu einem sanften Kätzchen – und das dürfte man ja auch mal wecken

Anzeige