Das Wichtigste in der Erziehung ist, sagt man so leicht daher, dass die Eltern mit gutem Vorbild vorangehen. Oh, wie oft ich es satthabe, dieses Leben als Vorbild! Erziehung ist doch just deshalb so anstrengend, weil es in erster Linie einmal heisst, streng mit sich selber zu sein. Nehmen wir zum Beispiel Süssigkeiten. Es soll ja Menschen geben, denen Süsses nichts sagt. Mir sagt Süsses: Kauf mich! Iss mich! Und zwar ständig. Das Dilemma, in dem ich nun stecke, hat Michel aus Lönneberga mal schön beschrieben. Er hatte sich ein paar Öre verdient und verpulverte die Kohle gleichentags für Limonade. Von Papa Svensson gabs dafür mächtig eins an die Löffel, was Michel in Rage brachte. «Jetzt habs ichs aber satt!», rief er. «Wenn ich kein Geld habe, kann ich mir keine Limonade kaufen. Und hab ich mal Geld, darf ich mir keine Limonade kaufen!» So ähnlich gehts mir auch.

Jahrelang musste ich mir anhören: Nein, kleiner Sven, es gibt jetzt nicht diese riesige Glace mit Mandelsplittern und Schokoladenüberzug. Entweder eine Rakete oder gar keine Glace. Hm. Und heute, wo ich mir jeden Tag drei dieser Riesenglaces leisten könn­te, höre ich mich sagen: Nein, Kinder, es gibt jetzt diese Rakete und nur die, sonst esst ihr am Abend wieder nichts.

Ein Milchbart in geheimer Mission

Zweifellos tue ich den Kindern nicht ganz unrecht damit. Ich täte es aber, wenn ich mir dann gleichzeitig dieses Rahmding mit Mandelsplittern reinpfeifen würde. Also gönne auch ich mir nur eine Rakete, obwohl ich Raketen noch nie gemocht habe. Und dann gibt es ja auch immer nur eine Glace am Tag. Dabei würde ich locker drei, vier vertragen – und beim Abend­essen trotzdem zugreifen. Vermutlich. Und wenn nicht, wärs auch egal, bin schliesslich erwachsen. Aber irgendwie zieht dieses Erwachsenenargument als Mann in Vorbildfunktion nicht mehr richtig. Stattdessen schleiche ich mich wie ein Milchbart heimlich hinter die Süssigkeiten, nachts, wenn alle schlafen. Klebe mir den Kaugummi an den Gaumen, wenn mich Tochter fragt, was ich so früh am Morgen schon kaue und so lecker nach Erdbeere dufte. Und werde am Ende doch als fieser Beutelschneider und mieses Vorbild überführt, weil die Kleinen die Gummi­bärchen eben doch abgezählt haben. Wie so oft. Man kennt mich eben.

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